Seit zwölf Jahren warten die Anhänger des israelischen Traditionsklubs auf die internationale Bühne. Nun bekommen sie sie, über 2000 Kilometer von zu Hause weg. Eine Reise zwischen roter Ekstase, Polizeieskorte und existenziellen Ausgaben.
Seit zwölf Jahren warten die Anhänger des israelischen Traditionsklubs auf die internationale Bühne. Nun bekommen sie sie, über 2000 Kilometer von zu Hause weg. Eine Reise zwischen roter Ekstase, Polizeieskorte und existenziellen Ausgaben.

Shaul Greenfield / Imago
Zwanzig Reisebusse, Stossstange an Stossstange, fahren in die scheinbar endlose ungarische Tiefebene. Auf einem Parkplatz im Nichts treten Hunderte rot gekleidete Fans zum Toilettengang an, beobachtet von bewaffneten Beamten. Aus den Bussen hallen hebräische Gesänge. Es wirkt wie eine Fussball-Fan-Fahrt an ein Auswärtsspiel, wie es jedes Wochenende in ganz Europa stattfindet. Doch diese Fans hier fahren an ihr Heimspiel, das über 2000 Kilometer Luftlinie von der eigentlichen Heimat von Hapoel Tel Aviv entfernt stattfindet: im ostungarischen Miskolc.
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Für Hapoel Tel Aviv ist es ein besonderer Tag. Zwölf Jahre lang hat eine ganze Generation von Anhängern ihren Verein nicht mehr auf europäischer Ebene spielen sehen. Deshalb ist, wer es irgendwie organisieren konnte, nach Ungarn gereist; es sind rund 3500 Menschen.
Gegen 17 Uhr trifft die Kolonne bei der Arena in Miskolc ein. Bis zum Anpfiff um 20 Uhr 30 ist noch Zeit. Die Stadionumgebung wird sofort vereinnahmt. Ein spontaner Fanmarsch bringt Gesänge und roten Rauch in die Tristesse der ungarischen Vorstadt.
Immer wieder kommt es zu ZwischenfällenDass das Conference-League-Qualifikationsspiel zwischen Hapoel Tel Aviv und Ludogorez Rasgrad aus Bulgarien im unbekannten Norden Ungarns stattfindet, zeigt die bizarre Realität des modernen Fussballs. Kriege und Konflikte haben Auswirkungen auf die internationalen Wettbewerbe. Ob ukrainische Vereine, die ihre Partien nicht zu Hause spielen, oder israelische Klubs, die seit dem 7. Oktober 2023 ihre europäischen Heimspiele in einem anderen Land austragen müssen. Auch der FC Sion spielte sein Auswärtsspiel gegen den weissrussischen Klub Bate Borisow im aserbaidschanischen Exil.
Dabei kommt es immer wieder zu Zwischenfällen. In Erinnerung bleibt vor allem das Europa-League-Spiel zwischen Ajax Amsterdam und Maccabi Tel Aviv. Es kam zu gewaltsamen Auseinandersetzungen und Jagdszenen zwischen pro- und antipalästinensischen Akteuren.
Nun ist der Arbeiterverein Hapoel Tel Aviv, dessen Historie eng mit der israelischen Gewerkschaftsbewegung zusammenhängt, auf die Gastfreundschaft im nationalkonservativ geprägten Ungarn angewiesen. Der ständige Begleitschutz von Budapest bis nach Miskolc durch die Polizei verhindert an diesem Tag etwaige Konfrontationen.
Mit Beginn des Spiels wird der Kontrast auf den Rängen sichtbar. Auf der einen Seite entfachen die Hapoel-Fans ein mitreissendes Spektakel mit südamerikanischem Flair, Trompetenklängen und einer grossen Pyro-Choreografie. Demgegenüber kaum fünfzig mitgereiste Anhänger des bulgarischen Vereins Ludogorez Rasgrad und ein sonst leeres Stadion.
Die «Heimspiele» im Ausland sind für viele zu teuerViele Hapoel-Fans sind bereits zwei Tage zuvor in Budapest eingetroffen und haben das Nachtleben der Metropole rot gefärbt. Der Andrang auf die Karten war riesig. Bus- und Spieltickets waren innerhalb von Stunden vergriffen. Fürs Rückspiel am kommenden Donnerstag in Bulgarien gibt es nur 500 Gästetickets für Hapoel Tel Aviv. Einige, die Glück hatten, eines zu ergattern, nutzen die Gelegenheit gleich für einwöchige Ferien, anstatt zwischendurch nach Hause zurückzufliegen.
Günstig ist das nicht: Selbst die von Hapoel Tel Aviv subventionierten Flugtickets kosten die Fans rund 600 Dollar. Die Kosten für Unterkunft und Verpflegung kommen hinzu.
Die Euphorie der Fans kommt schliesslich auch auf dem Platz an. Hapoel Tel Aviv gewinnt eine umkämpfte Partie mit 2:0. Für Hapoel eine gute Ausgangslage für das Rückspiel. Auf die Frage, ob er bei einem allfälligen Weiterkommen in den nächsten Runden auch dabei sei, schüttelt ein Fan nach dem Spiel nur den Kopf. Er werde beim nächsten Mal definitiv nicht mehr mitreisen können. Die finanzielle Schmerzgrenze sei für ihn und viele andere schlicht überschritten, schon für dieses Spiel müsse er einen Kredit aufnehmen.
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