Unterdrückung und Flucht, Diktatorenträume und radikale Lebenslügen: Neue Comics machen politische Vorgänge auf ungewöhnliche Weise anschaulich.
16 Männer, die monatelang in eine Vier-Quadratmeter-Zelle gepfercht sind.
Um nachvollziehen zu können, was für unmenschliche Bedingungen politische Gefangene unter dem Assad-Regime in Syrien zu erleiden hatten, markiert der Autor und Zeichner Tobi Dahmen die Abmessungen des Kerkers in seinem Wohnzimmer. Dann stellt er sich in das kleine Rechteck und versucht, sich in die Situation der Inhaftierten zu versetzen. Die waren in dieser Enge teilweise mehr als ein Jahr lang gefangen und wurden nur aus der Zelle geholt, um von den Schergen des Diktators gefoltert zu werden.
Die Szene ist eine der besonders anschaulichen Passagen in der Graphic Novel „Al-Fazia’ – das Grauen“ (Carlsen, 128 S., 25 €), die der in Frankfurt am Main geborene und in den Niederlanden lebende Comiczeichner Tobi Dahmen zusammen mit dem inzwischen ebenfalls in den Niederlanden lebenden Syrer Akram Al Saud erarbeitet hat.
Dahmen, der visuelle Kommunikation in Düsseldorf studiert hat, hat sich mit (auto-)biografischen Erzählungen wie „Fahrradmod“ und „Columbusstraße“ einen Namen als einer der herausragenden dokumentarischen Bilderzähler der Gegenwart gemacht.
In „Al-Fazia’ – das Grauen“ schildern Dahmen und Al Saud den Terror und die Gewalt des Assad-Regimes, das sich bis 2024 in Syrien an der Macht hielt, auf sehr persönliche Weise. So fügen sie dem massenmedial vermittelten Bild der Situation in Syrien wichtige, in ihrer Unmittelbarkeit außergewöhnliche Facetten hinzu.
Damit steht ihr Buch beispielhaft für ein stetig wachsendes Segment der deutschsprachigen Comicszene, das aktuelle Themen aus besonderen Perspektiven vermittelt. Hier stellen wir einige aktuelle Neuerscheinungen vor.
„Al-Fazia’“ ist der jüngste auf Deutsch veröffentlichte Beitrag einer Reihe von herausragenden Sachcomics, die in den vergangenen Jahren aus dem Projekt „Survivor Centred Visual Narratives“ (auf Deutsch: visuelle Erzählungen, die Überlebende in den Mittelpunkt stellen) der University of Victoria in British Columbia hervorgegangen sind.
Dessen Grundprinzip: Zeitzeugen, die Genozide und Massengewalt überlebt haben, schildern gemeinsam mit Comicautoren ihre Erlebnisse. Ein Team von Wissenschaftlern und anderen Fachleuten begleitet das Projekt, ordnet die Schilderungen ein und vermittelt den Kontext der persönlichen Erfahrungen.

© PR/Carlsen Verlag GmbH
Zu den Comics, die in den vergangenen Jahren dabei entstanden sind, zählen unter anderem das Gruppenprojekt „Aber ich lebe“ über die Biografien von vier Holocaust-Überlebenden, Barbara Yelins Graphic Novel „Emmie Arbel – Die Farbe der Erinnerung“ sowie das bislang nur auf Englisch vorliegende Buch „Two Roses“, das die kanadische Zeichnerin Miriam Libicki zusammen mit der Holocaust-Überlebenden Rose Lipszyc erarbeitet hat.
Auch in „Al-Fazia’“ nutzt Tobi Dahmen das Potenzial dieses Ansatzes überzeugend. Auf 80 Seiten dokumentiert er nicht nur die erschütternden Erfahrungsberichte von Al Saud, der sich als Architekturstudent in Aleppo für ein freies Syrien und gegen das Assad-Regime engagierte und dafür mehrere Male lange in dessen Foltergefängnissen landete, wo er kaum vorstellbare Grausamkeiten erlebte.
Indem er sich selbst als zweiten Akteur in die Geschichte einführt und seine Treffen mit Al Saud nachzeichnet, schafft Dahmen eine Art erzählerischen Schutzraum, in dem er Leserinnen und Lesern dabei hilft, die erschütternden Erzählungen des Syrers zu verarbeiten und einzuordnen, dem 2015 die Flucht über das Mittelmeer nach Europa gelang.

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Die mit naturalistischen Zeichnungen illustrierten Dialoge der beiden, die Dahmen um Hintergrundinformationen und Schaubilder ergänzt, zeigen sehr lebendig die Lage von Regimegegnern in Syrien zu Assads Zeiten. Und als dann während der Arbeit an dem Buch die Nachricht kommt, dass das Regime gestürzt wurde, findet Dahmen die passenden Bilder, um die historische Bedeutung des Ereignisses mit der persönlichen Perspektive Al Sauds eindringlich zu verknüpfen.

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Gewalt und Folter bildhaft darzustellen, ohne voyeuristisch zu wirken, ist eine der schwierigsten Aufgaben des dokumentarischen Comics. Aber Dahmen gelingt es in sachlichen, klaren Bildern mit gedämpften Farben, die entfesselte körperliche Gewalt und ihre Folgen für die Betroffenen vor Augen zu führen, ohne zu sehr in die sadistischen Details zu gehen oder die Vorgänge zu ästhetisieren.
Auch wenn Folter und Gewalt einen großen Teil der Erzählung prägen, reicht die Kernbotschaft von „Al-Fazia’“ zudem über die von Akram Al Saud und seinen Mitgefangenen erlittenen Misshandlungen hinaus.

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Das Buch ist neben einer Dokumentation des staatlichen Terrors vor allem das Manifest eines unbändigen Lebenswillens und einer fast unmenschlichen Kraft, mit der es Al Saud gelungen ist, sich vom Regime nicht brechen zu lassen und jetzt Zeugnis von dessen Verbrechen ablegen zu können.
Das Buch „Schattenleben – Menschen ohne Papier erzählen“, das kürzlich im Berliner Verlag Reprodukt erschienen ist (160 S., 24 €), vermittelt ebenfalls einen Einblick in von Gewalt und Flucht geprägte Lebensgeschichten von Menschen, die an der Vermittlung ihrer Erlebnisse in Comicform direkt beteiligt waren.
Im Fokus stehen hier Menschen, die in Deutschland ohne gültige Aufenthaltspapiere leben, was mit fundamentalen Problemen verbunden ist.

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Mit viel Empathie dokumentieren der Journalist Jonas Seufert und die Zeichnerin Lisa Frühbeis die Lebensgeschichte von vier Betroffenen, mit denen sie lange Gespräche geführt haben.

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„Schattenleben“, das mit einem Werkstipendium des vom Bund geförderten Deutschen Literaturfonds unterstützt wurde, zeigt ein weiteres Mal, worin eine der Stärken der sequenziellen Bilderzählung für dokumentarische Zwecke liegt: „Comic kann da glänzen, wo Kameras nicht hinkommen“, wie Jonas Seufert kürzlich bei einer Präsentation der auf dem Buch basierenden Wanderausstellung beim Internationalen Comic-Salon Erlangen sagte.
Die vier Hauptfiguren des Buches leben – wie Hunderttausende weitere Menschen ohne gültige Papiere – mitten in der deutschen Gesellschaft und doch weitgehend im Verborgenen. Das hat unterschiedliche Gründe, wie die von Frühbeis mit semirealistischem Strich und starken Schwarz-Weiß-Kontrasten zu Papier gebrachten Lebensgeschichten eindrücklich vermitteln.
Brienne kam als Sexarbeiterin aus Thailand nach Deutschland und wurde hier brutal ausgebeutet. Charlotte floh nach einer Vergewaltigung in Kamerun durch ihren Onkel über das Mittelmeer nach Europa. Dau kam unter falschen Versprechungen aus Vietnam, wo sich ihre Eltern hoch verschuldeten, um der Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen. Und Nasir kam als Kind mit seiner Mutter aus Somalia nach Deutschland, geriet als Jugendlicher auf die schiefe Bahn und hat nach 32 Jahren in der Bundesrepublik immer noch keine gültigen Papiere.

© Lars von Törne
Nacheinander präsentieren Seufert und Frühbeis die Schicksale der vier Protagonisten auf Grundlage von deren eigenen Schilderungen. Durch die Visualisierung zentraler Szenen aus ihren Lebensgeschichten kommt man den Menschen sehr nahe. Gleichzeitig ist – anders als es bei einer Fotoreportage der Fall wäre – durch die zeichnerische Vermittlung ihre Privatsphäre geschützt, was die Voraussetzung dafür war, dass sie ihre Geschichten öffentlich machen.
Dadurch wird sehr gut nachvollziehbar, welche tiefgreifenden Folgen es hat, hierzulande ohne gültige Papiere zu leben – und damit ohne Zugang zu regulären Jobs und zur Gesundheitsversorgung sowie mit der oft latent drohenden Gefahr der Abschiebung. Diese Gefahr hat sich verschärft, seit der Bundestag Ende Januar 2025 mit den Stimmen von Union, FDP und AfD einen Entschließungsantrag angenommen hat, der unter anderem die Forderung enthält, Menschen ohne Aufenthaltsdokumente, die ausreisepflichtig sind, in Haft zu nehmen.

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Die sachlichen Schilderungen der vier Schicksale ergänzt Frühbeis um eine weitere visuelle Ebene, indem sie Symbole und Sprichworte, die den vier Protagonisten etwas bedeuten, in surrealistische Szenen übersetzt. So, wenn Brienne sagt, ihre Zuhälterin habe „Reis auf ihrem Rücken“ als Zwangsprostituierte gepflanzt – was Frühbeis zu einer Bildmetapher macht, die man nicht mehr vergisst.
Bei Dau wird eine kleine Glaskugel mit der Welt der Eltern darin zum visuellen Symbol für ihr Heimweh und ihr Schuldgefühl. Und bei Nasir wird die gezeichnete Verwandlung des jungen Mannes in den wuterfüllten Kraftprotz Hulk zum Sinnbild für die unkontrollierte Aggression, mit der er sich selbst im Weg steht.
Zwischen den Biografien präsentieren Sachkapitel wichtige Hintergrundinformationen zu den rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen für Menschen ohne Papiere.

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So wird das Buch zu einem politischen Plädoyer – wenn auch weniger für konkrete migrationspolitische Maßnahmen als mehr als Appell für mehr Menschlichkeit.
„Das Private ist politisch“ – so lautete in den 1970er- und 80er-Jahren ein Slogan linker Bürgerrechts- und Frauenbewegungen. Und es ist einer der Grundgedanken, der sich durch eine Graphic Novel zieht, in der die Comiczeichnerin Lisa Neun sich kritisch mit jener Zeit auseinandersetzt: „Der Traum ist aus, Charly P.“ (Avant, 206 S., 25 €).

© PR/avant-verlag
Mit cartoonhaft reduzierten Figuren erzählt die aus Wien stammende und in Erlangen lebende Autorin und Zeichnerin darin eine komplexe Geschichte aus dem Herzen der linksradikalen Bewegung der frühen 80er-Jahre, in der sie sich einst selbst bewegte. Hauptfiguren der fiktiven, aber auf realen Erfahrungen der Autorin basierenden Erzählung sind Charly und Elke, ein Paar, das die Widersprüche jener Zeit exemplarisch verkörpert.

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Während sie sich im linken Hausprojekt um das gemeinsame Kind und andere Herausforderungen des Alltags kümmert, schwingt er in Szenekneipen revolutionäre Parolen, macht sich an andere Frauen heran und hat nach einem missglückten Drogendeal einen folgenreichen Kontakt mit dem Verfassungsschutz. Letzteres beschert der einen Zeitraum von mehreren Jahren umfassenden Graphic Novel mehrere spektakuläre Wendungen, die nicht alle Figuren der Geschichte überleben.
Neuns Bilderzählung kombiniert unterschiedliche Elemente zu einer überzeugenden Mischung aus Familiendrama, Politthriller und exakt recherchierter Milieustudie. Die Zeichnerin vermittelt viel Zeitkolorit und zeigt ein großes Feingefühl für zwischenmenschliche Beziehungen und menschliche Schwächen.

© PR/avant-verlag
Das erinnert stellenweise an einen anderen Comic-Chronisten der linksalternativen Bewegung jener Jahre, Gerhard Seyfried. Allerdings mit dem großen Unterschied, dass Lisa Neuns Werk von deutlich mehr Reflexion und kritischer Distanz geprägt ist.
Politische Themen, die sich als Kommentar zur aktuellen Weltlage lesen lassen, finden sich derzeit auch in vielen fiktionalen Unterhaltungscomics aus Genres wie Science-Fiction oder Humor.
Einen sehr unterhaltsamen Zugang hat der Berliner Zeichner Michael Beyer alias Mic gefunden. Seit 13 Jahren spinnt er in seiner Reihe „Papa Dictator“ eine mit schwarzem Humor getränkte Politsatire fort, jetzt ist mit dem Buch „Papa Dictator: Machtrausch“ (Jaja-Verlag, 148 S., 20 €) der bislang umfangreichste Band erschienen.

© Lars von Törne
Die mit souveränem Cartoonstrich als knuffig wirkender, schwarzer Flauschball gezeichnete Hauptfigur ist ein struppiger Tyrann in Uniform, der seit zehn Jahren sein verarmtes Land regiert. Nebenbei kümmert er sich als alleinerziehender Vater mehr schlecht als recht um seine zwei Kinder. Aus Anlass seines Thronjubiläums plant der von Größenwahn gezeichnete Alleinherrscher eine große Parade samt historischer Rede.
Doch als im Machtrausch die Nerven mit ihm durchgehen, begibt er sich inkognito auf eine Reise durch sein Reich. Dabei macht er einige Entdeckungen, die so gar nicht in sein Selbstbild als großer, von allen geliebter Führer passen.

© Jaja
Wie Zeichner Mic die Hauptfigur seiner turbulenten Erzählung angelegt hat, weckt Erinnerungen an reale autoritäre oder in der Richtung tendierende Herrscher von Putin bis Trump. Zugleich gelingt es ihm, auch die menschlichen Seiten seines Protagonisten so glaubhaft darzustellen, dass man als Leser auch manches von sich selbst darin wiederfinden kann. Der neue Papa-Dictator-Band unterhält prächtig – und regt dabei zum Nachdenken über die Lage der Welt und die ihr zugrundeliegende menschliche Natur an.
Unterdrückung, Flucht, Verfolgung und die Suche nach Sicherheit spielen bei zwei anderen fiktiven Comics eine Rolle, die in jüngster Zeit von deutschen Zeichnerinnen und Zeichnern veröffentlicht wurden.
In „Die Außenbezirke“, dem zweiten Band der in Berlin und Umgebung spielenden Science-Fiction-Reihe „Metropolia“ (Übersetzung Tanja Krämling, Splitter, 56 Seiten, 18 €) des französischen Szenaristen Fred Duval und des Berliner Zeichners Ingo Römling, geht es um eine Anschlagsserie an gigantischen Baumaschinen, die der Privatermittler Sascha Jäger aufklären muss. Die actionreiche, erneut sehr unterhaltsame Handlung ist jedoch wie schon im ersten Band in ein Thema eingebettet, das aktuelle Relevanz hat.

© PR/Splitter
Während es im 2025 erschienenen Auftaktalbum um die Gefahren der Künstlichen Intelligenz ging, ist dieses Mal das Schicksal von Flüchtlingen an den streng gesicherten Stadtgrenzen Berlins im Jahr 2099 die Folie für den Plot. Dabei werden Themen wie Migration und humanitäre Hilfe auf eine emphatische Weise vermittelt, die sich an vielen Stellen direkt auf die Welt des Jahres 2026 übertragen lassen.
Das gilt auch für einen weiteren Science-Fiction-Comic einer deutschen Zeichnerin. In ihrer aktuellen Graphic Novel „Endangered“ (Schwarzer Turm, 128 Seiten, 15 €) erzählt die in Nordrhein-Westfalen lebende Autorin und Zeichnerin Ines Korth, die sich zuvor mit der Fantasy-Geschichte „Massu Schmiedstochter“, mehreren Comicbänden der Reihe „Die drei Fragezeichen“ sowie dem Aufklärungsbuch „Das Regelwerk“ einen Namen gemacht hat, eine queere Science-Fiction-Geschichte mit politischer Botschaft.

© PR/Schwarzer Turm
Hauptfigur ist die junge Nawra, die als eine von wenigen Erdenbürgern auf einem fernen Alien-Planeten in einem Pflanzenladen arbeitet. Als sich die öffentliche Meinung gegen Menschen wie sie wendet, droht ihr die Abschiebung. Eine gerade erst begonnene Liebesgeschichte mit einer mysteriösen Frau könnte ihr Schicksal besiegeln – oder ihre Rettung sein …
„Endangered“ und der zweite Band von „Metropolia“ wurden kürzlich von einer Jury aus 30 deutschsprachigen Comic-Kritikerinnen und -Kritikern, der auch der Autor dieses Artikels angehört, unter die besten zehn Neuerscheinungen des Quartals gewählt. Mehr dazu hier.
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