Die USA erwarten von Europa, die eigene Rüstungsindustrie auszubauen. Hat der Iran-Krieg die Produktionskapazitäten der Amerikaner an ihre Grenzen gebracht?
Stand: 03.07.2026, 13:19 Uhr
Von: Theresa Breitsching
Die USA erwarten von Europa, die eigene Rüstungsindustrie auszubauen. Hat der Iran-Krieg die Produktionskapazitäten der Amerikaner an ihre Grenzen gebracht?
Berlin – Die USA zählen zu den wichtigsten Lieferanten moderner Waffensysteme für Europa. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs tragen sie zudem einen wesentlichen Teil der militärischen Unterstützung Kiews und liefern Kampfjets oder Raketenabwehrsysteme. Doch die amerikanische Rüstungsindustrie stößt zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen. Der jüngste Konflikt mit dem Iran hat die Bestände der US-Streitkräfte zusätzlich schrumpfen lassen. Der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses im Bundestag, Thomas Röwekamp (CDU), erwartet, dass die USA beim Nato-Gipfel ab Dienstag die europäischen Partner zu einer stärkeren Rüstungsproduktion auffordern werden. Können die USA die steigende Nachfrage nach Waffen nicht mehr allein decken?

„Aus Washington kommt die Bitte, die Rüstungsindustriekapazitäten auszubauen“, sagte Röwekamp der Nachrichtenagentur AFP. „Es geht nicht mehr um Buy American, sondern die Amerikaner sagen, wir können diese Riesennachfrage nach Rüstungsgütern nicht erfüllen.“ Ab Dienstag dürfte beim Nato-Gipfel in der Türkei daher vor allem der Ausbau der europäischen Rüstungsindustrie im Mittelpunkt stehen. Im Fokus steht dabei die Frage, wie in Europa zusätzliche industrielle Kapazitäten für die Produktion militärischer Fähigkeiten geschaffen werden können. Eine wichtige Rolle könnte dabei auch die beim G7-Gipfel vereinbarte Möglichkeit spielen, US-Rüstungsgüter künftig in Europa in Lizenz zu produzieren. Das sei grundsätzlich umsetzbar, so Röwekamp. „Es setzt natürlich ein wechselseitiges Vertrauen voraus. Technologien zu teilen, ist nie ganz einfach.“
Röwekamp möchte Europa grundsätzlich besser aufrüsten und unabhängiger von den USA werden. Rüstungsprojekte in Europa verlaufen jedoch nicht immer reibungslos. Jüngstes Beispiel: das Scheitern des deutsch-französischen Kampfjet-Projekts FCAS. Der CDU-Politiker sieht dennoch einen Mentalitätswandel vor dem Hintergrund der veränderten sicherheitspolitischen Lage. „In der Vergangenheit, das gebe ich offen zu, waren gemeinsame Rüstungsprojekte häufig auch stark von nationalen Industrieinteressen geprägt – auch in Deutschland“, sagte er. „Aber ich glaube, es ist mittlerweile allen Beteiligten klar, dass nationale Industrieinteressen nicht mehr die richtige Antwort sind.“
Röwekamp verwies zudem auf erfolgreiche Beispiele europäischer Rüstungskooperation, etwa den vereinbarten Einstieg Deutschlands beim Panzerbauer KNDS in Zusammenarbeit mit Frankreich, sowie das gemeinsam mit Norwegen entwickelte U-Boot-Projekt U212 CD. Dieses sei im Kostenrahmen geblieben und habe bereits das Interesse weiterer Nato-Partner geweckt – „Genauso kann Rüstungskooperation in Europa funktionieren.“
Die USA planen schon seit Jahren, ihre militärische Präsenz in Europa zu reduzieren. Seit Anfang 2025 fordert Washington unter Präsident Donald Trump außerdem noch einmal deutlicher, dass die europäischen Nato-Staaten mehr Verantwortung für ihre eigene Verteidigung übernehmen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) betonte am Mittwoch, dass die europäischen Staaten beim Nato-Gipfel selbstbewusst gegenüber den USA auftreten wollen. „Also wir gehen durchaus selbstbewusst jetzt in die nächste Woche und sagen den Amerikanern: Ihr seid abhängig von uns, wir sind abhängig von euch“, wird der Bundeskanzler von der Nachrichtenagentur AFP letzte Woche zitiert.
Bei der gemeinsamen Pressekonferenz sagte Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD), dass Europa auch in den kommenden fünf bis zehn Jahren weiterhin „dringend“ auf US-amerikanische Waffensysteme angewiesen sein werde. Deutschland arbeite „engstens“ mit der US-Rüstungsindustrie zusammen und habe Interesse daran, bestimmte Systeme auch in Europa zu produzieren. Die Zusammenarbeit in der Rüstung zwischen den USA und Europa basiere auf gegenseitigem Interesse, so Merz. Gleichzeitig wolle man sich weiter unabhängiger aufstellen – „aber wir wollen diese Kooperation mit den Amerikanern immer da suchen, wo sie in unserem eigenen Interesse liegt.“ (tsb mit AFP)