Bei Ausgrabungen am Naumburger Dom entdecken Archäologen einen hochmittelalterlichen Friedhof – und stoßen auf Hinweise zur Geschichte der frühen Elite.
Wer im Mittelalter am nächsten bei einer Kirche bestattet wurde, hatte meist auch zu Lebzeiten eine besondere Stellung. Genau darauf deutet nun ein außergewöhnlicher Fund am Naumburger Dom hin: Archäologen haben dort einen bislang völlig unbekannten Friedhof aus dem 11. Jahrhundert freigelegt. Die aufwendig angelegten Gräber sprechen dafür, dass hier Angehörige der damaligen Oberschicht – möglicherweise sogar die Stifterfamilie des Doms – ihre letzte Ruhe fanden.
Die Entdeckung gelang im Zuge der umfassenden Umgestaltung des Domplatzes. Seit dem Frühjahr untersuchen Fachleute des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt den bislang kaum erforschten Außenbereich des UNESCO-Welterbes. Während die Baugeschichte des Naumburger Doms durch frühere Grabungen bereits gut dokumentiert ist, birgt das Gelände rund um das Gotteshaus noch zahlreiche archäologische Geheimnisse.
13 Gräber zwischen Dom und NikolaikapelleFreigelegt wurde ein kleiner Friedhof genau zwischen dem ersten Naumburger Dom aus dem 11. Jahrhundert und der Nikolaikapelle. Insgesamt konnten bislang 13 Gräber dokumentiert werden – und fast alle fallen durch ihre außergewöhnlich hochwertige Bauweise auf.
Fünf Verstorbene wurden in gemauerten Steinkisten bestattet. Die Grabkammern bestanden aus großen Steinplatten, die mit Kalkmörtel verbunden waren und ursprünglich mit Holz abgedeckt wurden. Zwei weitere Tote lagen ebenfalls in Steinkisten, allerdings ohne Mörtel. Andere Gräber waren mit Steinplatten an Kopf- und Fußende versehen. Eine derart aufwendige Gestaltung war im Mittelalter keineswegs selbstverständlich und gilt als Hinweis auf einen hohen gesellschaftlichen Rang.
Drei Bestattungen des Friedhofs zwischen Naumburger Dom und Nikolaikapelle.
© LDA Sachsen-Anhalt/Michel Klehm
Unter den Bestatteten befinden sich Männer, Frauen und Jugendliche sowie ein etwa einjähriges Kind. Besonders bemerkenswert: Das Kleinkind wurde nachträglich in einer bereits belegten Steinkiste beigesetzt. Die Archäologen vermuten deshalb eine enge familiäre Verbindung zwischen beiden Toten. Ob diese Annahme zutrifft, sollen DNA-Untersuchungen klären.
Hinweise auf einen FamilienverbandAuffällig ist außerdem, dass sich die Gräber kaum überschneiden. Das spricht dafür, dass die Grabstellen oberirdisch gekennzeichnet waren und der Friedhof nur über einen vergleichsweise kurzen Zeitraum genutzt wurde.
Da mittelalterliche Bestattungen in der Regel keine Grabbeigaben enthalten, lässt sich ihr Alter bislang nur über die Bauweise der Gräber und ihre Lage bestimmen. Nach aktuellem Forschungsstand stammen sämtliche Bestattungen aus dem 11. Jahrhundert – also aus der Zeit, als nach der Verlegung des Bischofssitzes von Zeitz der erste Naumburger Dom entstand.
Für die Wissenschaft könnte der Fund deshalb weit über Sachsen-Anhalt hinaus Bedeutung haben. Erstmals lässt sich ein solcher Bestattungsplatz dieser Zeit mit modernen Methoden umfassend untersuchen. Nach Einschätzung der Archäologen handelt es sich zweifelsfrei um Angehörige der damaligen Elite. Nicht nur die aufwendigen Gräber sprechen dafür, sondern vor allem ihre außergewöhnliche Lage: Der Friedhof befand sich zwischen zwei Sakralbauten und unmittelbar vor dem damaligen Haupteingang des Doms – ein Ort, der im Mittelalter häufig Kirchenstiftern oder anderen hochrangigen Persönlichkeiten vorbehalten war.
DNA-Analysen sollen offene Fragen beantwortenNach der vollständigen Dokumentation wurden die Skelette geborgen und werden nun anthropologisch untersucht. Zusätzlich sind genetische Analysen am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig geplant.
Sie sollen Aufschluss darüber geben, ob die Bestatteten tatsächlich miteinander verwandt waren, woher sie stammten und welche Lebensbedingungen sie hatten. Die Ergebnisse fließen in ein langfristiges Forschungsprogramm des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie ein, das sich mit den frühmittelalterlichen Eliten Mitteldeutschlands beschäftigt.
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