Diese Kolumne kommt spät. Aber manchmal muss auch ein Satiriker länger darüber nachdenken, warum und worüber er in den letzten Wochen gelacht hat, und warum und worüber nicht.
Nach meinem Abitur habe ich Zivildienst geleistet. Ich arbeitete als Klassenhelfer in einer Waldorfschule für Behinderte. Einmal machten wir einen Klassenausflug mit dem Lebenshilfe-Bus. Wir hielten vor einem Zebrastreifen und sahen einen gebrechlichen, alten Mann mit Hütchen, wie er sich mühselig über die Straße zitterte. Ein Windstoß kam auf und das Hütchen flog ihm vom Kopf. Alle im Bus lachten. Tobias, ein geistig behinderter Spastiker, der seltenst spontan lachte, lachte am lautesten. Sogar lauter als ich. Frau Birchel, die Sonderpädagogin, lachte nicht. „Der arme Mann!“, betonte sie, traurig über unsere verdorbenen Charakter.
Nach dem Ausflug zitierte sie mich zum Gespräch. Warum ich gelacht hätte? „Wegen der Situationskomik“, antwortete ich, „der Hut flog weg.“ Darüber hätte ich nicht lachen dürfen, erklärte sie mir. „Warum?“ – „Du bist Vorbild!“ Ich solle mich nun vielmehr fragen, ob eine Schule für Behinderte wirklich der richtige Arbeitsplatz für mich sei, wo ich doch so gern über die Gebrechen anderer Menschen lache. Ich verteidigte mich: „Ich habe doch nicht über die Gebrechen des alten Mannes gelacht, sondern darüber, dass ihm sein Hut vom Kopf flog!“ – „Aber dieser Hut saß vorher auf dem Kopf eines alten, gebrechlichen Mannes!“
Und deshalb hätte ich vorher darüber nachdenken sollen, ob ich – gerade ob dieser altersdiskriminierenden Konnotation – spontan lachen möchte. Noch dazu im dienstlichen Zusammenhang! Ich unternahm einen letzten Versuch: „Sogar Tobias hat gelacht! Am lautesten!“ Frau Birchels Antwort: „Ja, aber Tobias kann ja nichts dafür!“ - „Tobias kann nichts dafür?“ - „Nein, denn Tobias ist geistig behindert!“, führte Frau Birchel aus, „er konnte vorher darüber nicht nachdenken! Und er ist auch kein Vorbild!“ Ich entschuldigte mich und gelobte, zukünftig nur noch im privaten Zusammenhang und erst nach gründlicher Abwägung spontan zu lachen. Und ich fragte sie noch, ob ich sie im Zweifel um ihre professionelle Einschätzung bitten dürfe.
Situationskomik ist lustigMein schonungsloses Eingeständnis, dreißig Jahre später: Ich lache immer noch wie Tobias. Spontan, ohne vorher nachzudenken. Zum Beispiel lache ich spontan, wenn im Endspiel ein argentinischer Fußballer einen Spanier kunstvoll durch die Luft wirbeln lässt. Slapstick! Weltniveau! Da muss ich einfach lachen! Wenn ich vorher darüber nachgedacht hätte, ob er sich beim Aufprall verletzt haben könnte, hätte ich ja nicht mehr lachen können.
Übrigens: Ich kann auch spontan nicht lachen. Zum Beispiel, wenn ich einen Witz nicht verstehe. Wenn ein im ZDF-Interview zugeschalteter Militärexperte angesichts eines von den Ukrainern bombardierten Lastwagens kommentiert: „Lustig auch die Russen, die gerade noch weglaufen, bevor die Drohne einschlägt.“ Warum ist das lustig? Wo ist der Witz? Leider hat die Interviewerin nicht nachgefragt. Sie hatte den Witz offenbar verstanden.
Ich habe auch über Steimles Auftritt bei der AfD Sachsen-Anhalt nicht spontan gelacht. Obwohl ich verstanden hatte, dass Steimle einen Witz gemacht hat. Einen Wortwitz. Aber Witze leben vom Überraschungsmoment. Und dieser Witz über Merkels Porträt („da stellen wir sie an die Wand“), erzählt von Steimle bei einer AfD-Veranstaltung – da fehlt einfach das Überraschungsmoment.
Überraschend wäre es vielleicht gewesen, wenn Steimle gesagt hätte: „Da stellen wir sie an die Wand. Dort kann sie warten, bis Weidel neben ihr hängt.“ Doch, ich glaube, ich hätte spontan lachen müssen. Und nein, Frau Birchel, nicht, weil ich einen Menschen hängen sehen möchte! Aber die Gesichter der Zuschauer! Viele Empörte warfen Steimle und allen, die über seine Witze gelacht haben, Geschmacklosigkeit und fehlende Moral vor.
Was, wenn Böhmermann gewitzelt hätte?Ich glaube, spontanes Lachen hat mit Geschmack und Moral gar nichts zu tun. Derselbe an-die-Wand-stellen-Witz, erzählt von Böhmermann über – sagen wir mal – Trump: Ich wette, Dunja Hayali persönlich hätte die Laudatio für den Deutschen Kleinkunstpreis geschrieben. „Da stellen wir sie an die Wand“, geschmacklos oder nicht, können wir uns darauf einigen, dass es dem Wesen nach ein Wortwitz war?
Und auch Steimles Frage, wenn er Merz sieht, „wo ist Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?“: Es sollte ein Witz sein. Entschuldigung, aber wer glaubt denn ernsthaft, Steimle habe zum realen Attentat an Merz aufgerufen? Wer, außer Frau Birchel? Zumal man Hitler und Merz nun wirklich nicht gleichsetzen kann. Hitler war bei seinem Volk beliebt. Ich habe lange überlegt, warum ich über Steimles Witze nicht gelacht habe. Ich habe zwei Vermutungen. Erstens: Ich habe den Witz inhaltlich nicht verstanden. Warum sollte man Merkel an die Wand stellen? Auch wenn Steimle überspitzt hat (Satire), der Grund für die Überspitzung sollte doch erkennbar sein, oder?
Und zweitens: Natürlich hat Steimle nicht gemeint, dass er Merkel ernsthaft an die Wand stellen würde. Es sollte ja witzig gemeint sein. Das habe ich beim hinterher Nachdenken auch verstanden. Er hat es selbst gesagt, und ich glaube ihm.
Aber bei einer Propagandaveranstaltung läuft das witzig Gemeinte Gefahr, als ernst gemeint verstanden zu werden. Egal, ob bei einer Veranstaltung der AfD, der SPD oder der Grünen. Und in der Sekunde, in der ich vorher darüber nachdenke, ob Steimle es nicht doch ein wenig genau so meint, vergesse ich zu lachen. Komisch ist also nur: dass Steimle ausgerechnet auf einer Propagandaveranstaltung Kunstfreiheit einfordert. Das ist wirklich komisch. Aber nicht lustig.
Lachen - wenn auch nicht spontan - musste ich wieder, als drei Tage später dieselben Empörten, die gerade noch ein Berufsverbot für Steimle gefordert hatten, überhaupt nicht verstehen konnten, warum das ZDF die Musiker Danger Dan und Igor Levit ausgeladen hat. Die beiden haben Angst vor einer „Machtergreifung“ der AfD (in einer Demokratie auch als „Regierungswechsel“ bekannt). Das glaube ich ihnen. Ich habe auch Angst davor, dass die AfD regiert.
Danger Dan versus SteimleIn ihrem Lied „Keine Angst“ geben die beiden Künstler deshalb eine Anleitung zum Aufbau linker, militanter Terrorzellen, die „Nazis lang legen“. Wer ein Nazi ist, wird im Lied nicht näher bestimmt, das liegt wahrscheinlich im Ermessen der Terrorzellenteilnehmer*innen, ob der AfD wählende Nachbar schon lang gelegt werden darf. Diese Details sind aber nicht wichtig, so die Liedlogik, denn jetzt hülfe eben nur noch rohe Militanz. Denn, und jetzt wird es komisch: „Nazis machen ihre Politik mit Terror und roher Militanz“. Ich glaube, im Strafrecht wäre das eine Kombination aus Selbstjustiz und Körperverletzung. Und wenn das viele Menschen machen, nennt man es Bürgerkrieg.
Dass den beiden Künstlern dieser offensichtlich komische Widerspruch (Feuer mit Feuer bekämpfen) nicht aufgefallen ist, hatte vielleicht mit ihrer Angst zu tun. Angst blockiert das klare Denken. Was wiederum noch komischer wäre, ihr Lied heißt schließlich „Keine Angst“. Und es war sicher nicht dieser komische Widerspruch, der die Macher der „Anstalt“ geritten hat, ausgerechnet diesem Lied in ihrer Satiresendung Gehör zu verschaffen. Haben Uthoff und von Wagner da was verwechselt? Haben sie – so wie Steimle Propaganda mit Kabarettbühne – ihrerseits Kabarettbühne mit Propaganda verwechselt?
Dann darf ich jetzt auch einmal Satirische Kolumne mit ungefilterter Meinung verwechseln:
1.) Liebes Anstaltteam: Tatsächlich keine Angst hat der Influencer „Marcant“, der bei jeder AfD-Demo mitläuft und mit den Demonstranten diskutiert. Sachlich, auf Augenhöhe, im harten Widerspruch, aber ohne Schmähung. Keine Angst hat, wer das Gespräch sucht und in Kauf nimmt, sich vom Gegenüber auslachen zu lassen.
2.) Ihr habt gesagt, Ihr hättet euch – wären Dan und Levit vom ZDF nicht ausgeladen worden – in der Sendung kritisch mit dem Lied auseinandergesetzt. Ich denke, eine kritische Auseinandersetzung wäre zum Beispiel gewesen, die durch „linke“ rohe Militanz schwer verletzten und traumatisierten Opfer der von Danger Dan lieb gegrüßten Hammerbande („Lina, Gucci, Maja und Nanuk“) einzuladen und mit ihnen über Kunstfreiheit zu diskutieren.
„Mich macht das fertig!“Herrje! Jetzt ist die Kolumne in einen sehr ernsten Ton gerutscht. Das tut mir leid, Sie hätten sich bestimmt gewünscht, mehr spontan lachen zu können. Aber mich macht das wirklich fertig! Was mich so umtreibt, sind die reflexhaften Forderungen nach Verboten. Zum Beispiel habe auch ich Dieter Nuhrs Witz nicht verstanden: Er schlug Frauen vor, vor dem Geschlechtsverkehr ihre Partner erstmal näher kennenzulernen, damit sie nicht ermordet werden. Ich konnte da nicht lachen, denn die meisten Frauenmorde werden durch langjährige Partner verübt. Aber müssen wir Nuhrs Sendung wirklich gleich absetzen, nur weil er einen schlechten, unverständlichen Witz gemacht hat?
Einige Empörte haben das ja gefordert. Eine Veranstaltung von Steimle auf Hiddensee wurde verschoben, weil Empörte im Netz Stimmung gegen den Veranstalter gemacht hatten. Natürlich darf jeder empört sein und jeder Veranstalter darf entscheiden, wen er auftreten lässt. Was mich stört, ist diese Maßlosigkeit. Es ist ja schon ein Irrglaube, es gäbe eine richtige Seite. Aber der Irrglaube, wer auf dieser vermeintlich richtigen Seite stehe, dürfe entscheiden, wer in diesem Land welche Witze macht, und wer wann und worüber lachen darf, dieser Irrglaube führt direkt ins Totalitäre. Jeder glaubt doch, auf der richtigen Seite zu stehen. Ich möchte auch in Zukunft spontan lachen dürfen, über feine Wortwitze, über grobe Wortwitze, aber auch über Geschmacklosigkeiten, über Pointen, die jede Grenze einreißen.
Müssen wir nicht die schlechten Pointen aushalten, um die wirklich guten zu ermöglichen? Eine meiner Lieblingspointen stammt von Jimmy Carr, einem britischen Comedian: „Ich tue meinen Teil für den guten Zweck. Ich habe eine Ladung Moskitonetze nach Afrika geschickt. Das sollte Millionen von Moskitos davor retten, an AIDS zu sterben.“ Hätte Jimmy Carr auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, ob diese Pointe seine Bühnenkarriere beenden könnte, er hätte sie nicht gemacht. Denn, meine liebe, verehrte Sozialpädagogin Birchel: Jimmy Carr macht sich nicht über AIDS-kranke Menschen lustig. Ganz im Gegenteil! Und er vertraut darauf, dass Menschen den Unterschied zwischen Ernst und Witz erkennen können. Nur Tobias nicht. Aber der kann ja nichts dafür.
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