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Hannes Müller: Aus der Köthener Hockey-Familie an die Weltspitze

Дата публикации: 03-08-2026 08:40:32

Vom Garten in Köthen zum Weltmeister: Hannes Müller spricht vor der versuchten Titelverteidigung über seine Hockey-Familie, Olympia, Druck und den nächsten Titel.

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Sonnenschein legt sich auf die Arme und das Gesicht, wärmt die Haut. Familien laufen durch die Köthener Innenstadt, deren Straßen entlang hier und da einige Damen gemeinsam Eis essen und Kaffee trinken. An der Kirche vorbei führt die Straße aus der Stadt heraus, an ein Wäldchen nebst einer Wohngegend. Jemand klopft an einer Fensterscheibe, kurz darauf streckt Wulf Müller sein Gesicht nach draußen und grüßt mit einem Lachen.

Im Garten sitzen seine Frau und Schwiegermutter. Hinter dem Zaun, der das eigene Grün eingrenzt, ragt das Gewächshaus der Nachbarn empor. „Da haben sie früher das ein oder andere Fenster zerschossen“, sagt Wulf Müller.

Eine Familie, ein Sport, drei Generationen

Er meint damit seine Söhne, die in bereits dritter Generation erfolgreich Hockey spielen. Wulf Müller selbst war DDR-Nationalspieler und spielte für den Cöthener HC. Auch sein Vater Bernhard spielte erfolgreich Hockey, ihm zu Ehren findet in jedem Jahr ein Gedächtnisturnier beim CHC statt. Wulf Müllers älterer Sohn, Martin Wulf Müller, spielt dort noch heute in der 2. Bundesliga. Und dann ist da noch Hannes Wulf Müller: Er ist Weltmeister, Europameister und Gewinner der Silbermedaille bei den Olympischen Spielen – der erfolgreichste Müller aus Köthen.

Da sind ein paar zerbrochene Scheiben doch nicht so schlimm, oder? „Jaa“, findet auch Wulf Müller. „Wir haben auch keine Partys im Garten gefeiert oder waren sonst super laut“, sagt Hannes, dessen Gesicht nun auf dem Laptop zu sehen ist, der auf dem Esstisch der Terrasse seinen Platz gefunden hat. „Da waren die kaputten Scheiben alle zwei Wochen doch das kleinere Übel.“

Der Nationalspieler hat sich zwischen zwei Uni-Seminaren aus einem Café in Hamburg zugeschaltet, wo er Psychologie studiert und für den Uhlenhorster Hockeyclub spielt. Dort hat er auch seine Freundin kennengelernt, die zunächst ebenfalls beim UHC spielte, mittlerweile aber beim Stadtrivalen aktiv ist. „Das macht man ja eigentlich nicht“, sagt er. „Aber ich bin da jetzt nicht sauer gewesen.“

Hannes Müller (l.) mit Papa Wulf Müller

Hannes Müller (l.) mit Papa Wulf Müller

© Wulf Müller

Bei Hannes Müller dreht sich schon immer alles um Hockey. „Den Schläger hab ich ihm quasi in die Wiege gelegt“, sagt sein Papa. Trotzdem betont der Sohnemann, dass er nie Druck verspürt habe. „Ich mache das, weil es mir unglaublich viel Spaß macht. Und wenn ich irgendwann gesagt hätte, dass ich keine Lust mehr habe, wäre das auch okay gewesen“, sagt er, und der Vater nickt auf der Terrasse in Köthen. Mit seinem Bruder habe er die Tage auf dem Hockeyplatz verbracht. „Da haben wir mit dem Fahrrad drei Minuten hin gebraucht. Und dann hieß es bloß: ‚Papa, wir nehmen deinen Schlüssel, wir fahren auf den Platz.‘“

Auch mit seinen Freunden teilte er damals die Leidenschaft für den Sport. „Da wurde nach der Schule Hockey gespielt. Ob es auf dem Hof war, bei uns im Garten oder in der großen Getreidehalle bei meinem Freund Anton. Das waren schon coole Zeiten.“ Seine engsten Freunde aus dieser Zeit besuchen das Familienhaus der Müllers in Köthen noch immer. „Die kommen jedes Jahr am ersten Weihnachtsfeiertag zu uns in die Küche“, erzählt Wulf Müller.

Für den Traum vom großen Hockey nach Hamburg

Dabei wohnt sein Sohn schon lange nicht mehr in Sachsen-Anhalt. Mit 15 Jahren wagte Hannes den Schritt von Köthen nach Hamburg, um dort auf höherem Niveau Hockey zu spielen. Der Umstieg wurde ihm dadurch erleichtert, dass er zunächst bei der Familie eines Freundes wohnte. „So kam ich von einer Familie in die andere. Dann konnte ich da weiterleben, ganz normal“, sagt Hannes. Und Wulf Müller ergänzt: „Das war die Geschichte mit seinem Freund, mit der Familie. Die haben sich bei einem Kinderturnier kennengelernt und sich gegenseitig immer schon besucht.“

Der Umzug in die Großstadt fiel dem Teenager Hannes leicht. „Das war für meine Eltern deutlich schlimmer als für mich. Ich brannte dafür, das machen zu wollen. Ich wusste immer: ‚Wenn es nicht klappt, komme ich zurück‘“, erzählt er.

Geklappt hat es dann aber sehr gut. Wenn der Wahl-Hamburger im August 2026 mit der Nationalmannschaft zur WM fährt, tut er dies als Titelverteidiger. Müller war einer der Schützen, die im Finale der bisher letzten Ausgabe 2023 gegen Belgien im Penalty-Shootout trafen und so den Ausschlag für Deutschland gaben.

Olympia-Silber als harte Kost

Ein Jahr später trat der frisch gebackene Weltmeister bei den Olympischen Spielen an. Eine Erfahrung, auf die er mit gemischten Gefühlen zurückblickt. „In der Rückbetrachtung war eigentlich alles kacke: schlechte Schlafbedingungen, Vierer-Apartments, kein Licht, Essen nicht gut genug. Aber es ist Olympia, deswegen ist alles geil.“

Schöne Momente habe er dort auch erlebt. „Du gehst da aufs Schiff bei der Eröffnungsfeier und siehst da die anderen Topsportler, das ist schon besonders“, berichtet er. Während der Wettkämpfe habe er sich davon aber nicht ablenken lassen. „Ich habe es geschafft, mich während des Turniers komplett abzuschotten von diesem Event an sich, was da im Dorf rumläuft und sonstiges.“ Sonst, sagt er, „fliegst du auch raus. Das ist gnadenlos.“

Sportlich lief es dann gut. Das deutsche Hockeyteam gewann in Paris die Silbermedaille. Müller aber habe lange gebraucht, bis er diese als Erfolg verstehen konnte. „Ich bin eigentlich einer, der über die letzten Jahre gelernt hat, mit Niederlagen umzugehen. Aber das hat schon an mir genagt“, sagt er. Auch dieses Mal, im Finale gegen Holland, ging es ins Penaltyschießen. Und Müller vergab zweimal. Danach sei er „mental in ein Loch gefallen“.

Hannes Müller (Deutschland) weint nach dem Olympia-Finale im Hockey der Männer zwischen Deutschland und den Niederlanden im Stade Yves du Manoir.

Hannes Müller (Deutschland) weint nach dem Olympia-Finale im Hockey der Männer zwischen Deutschland und den Niederlanden im Stade Yves du Manoir.

© Sebastian Wells

Dabei ging es ihm weniger um die Silbermedaille selbst als um die Gesamterfahrung Olympia. „Da ist die Silbermedaille sogar nebensächlich. Das ganze Event, das ist schon das Größte, was du vielleicht jemals erreichen wirst. Du weißt ja nicht, ob das nochmal passiert. Man hat sich darauf zwei Jahre lang vorbereitet und alles hintenangestellt. Das kannst du ja mit einer Woche Urlaub nicht abhaken.“

In den zwei Wochen zwischen Olympia und dem Neustart der Vereinssaison habe er überhaupt keine Zeit gehabt, das Erlebte zu verarbeiten. „Ich hatte keine Lust auf Training, keine Lust auf Bundesliga-Spiele. Der Alltag ist mir schwergefallen. Das klingt jetzt alles hart, aber es war hart. Zwei Monate, drei Monate später war alles wieder in Ordnung, dann hatte man es auch verarbeitet. Aber so der Monat danach war es schon nicht ohne“, erzählt er.

In der Nachbetrachtung habe er, auch durch Gespräche mit anderen Athleten, verstanden, dass auch die Silbermedaille ein großer Erfolg ist. „Wer kann schon von sich behaupten, er hat eine Silbermedaille von den Olympischen Spielen?“

EM-Titel: Genugtuung, aber kein Trost

Und ein Jahr später konnten er und seine Teamkollegen sich immerhin etwas entschädigen. Bei der Europameisterschaft setzten sich die deutschen Hockey-Herren in einer Neuauflage des Olympia-Finales gegen Holland durch und wurden Europameister. Ein Trost für die Niederlage im Vorjahr sei das aber nicht gewesen. „Nee, auf keinen Fall“, sagt der mittlerweile 26-Jährige, der auch von einer Revanche nichts wissen will. „Du kannst nicht einfach eine EM-Medaille mit einer Olympiamedaille tauschen.“

Trotzdem gab es dem Team etwas Genugtuung. „Es ist natürlich geil: Wir sind mit den Hollies (den Niederländern, Anm. d. Red.) unangefochten Weltspitze bei den Turnieren in den letzten vier Jahren gewesen. Deswegen war es geil, die dann ein Jahr später bei einem wichtigen Spiel auch wieder zu schlagen und sofort wieder einen Titel zu holen.“

Hannes Müller (vorne) und seine Mitspieler bejubeln den Sieg im Finale der Europameisterschaft.

Hannes Müller (vorne) und seine Mitspieler bejubeln den Sieg im Finale der Europameisterschaft.

© IMAGO/Maximilian Koch

Nun ist der jüngste Sohn von Wulf Müller Weltmeister, Europameister und Olympia-Zweiter. Holt er sich trotzdem noch manchmal einen Tipp vom Papa ab? „Ja, wir reden viel. Manchmal kommen die Tipps auch einfach, da kann man nicht immer nein sagen, aber das ist ja nicht schlimm“, erzählt Hannes, der sich vom Senior auch noch einiges abgucken kann. „Was das Schlagen angeht: Da ist Papa, glaube ich, immer noch besser als ich.“

Insgesamt sei es schon auch ein Vorteil, aus einer Hockeyfamilie zu kommen. Gerade sein Papa Wulf begleitet ihn stets zu den großen Turnieren. „Aber es ist jetzt nicht so, dass abends die Spiele ausgewertet wurden am Essenstisch.“

Die Liebe zum Schlager

Und wenn einmal niemand aus seiner Familie dabei sein kann, dann dürfte sich Hannes trotzdem an sie erinnert fühlen, wenn er die Musik in der Kabine wählen darf. Seine Familie hat ihn nämlich nicht nur sportlich geprägt. Sondern auch musikalisch. Die Müllers sind Schlagerfans. „Es wurde natürlich früher viel gehört. Irgendwie habe ich dann schon entdeckt, dass das gute Musik ist. Mein Onkel, also Papas Bruder, spielt da auch eine Riesenrolle. Der ist absoluter Schlagerfan. Ich glaube, noch viel größer als Papa“, erzählt Hannes Müller. „Bald gehen wir zusammen zu Helene Fischer“, ergänzt Wulf Müller.

Im Verein teilt Hannes diese Leidenschaft auch als einer der Kabinen-DJs mit der Mannschaft. „In der Nationalmannschaft darf ich nicht, das ist vielleicht auch gut so.“ Außer es läuft gut, wie im Falle einer erneuten Weltmeisterschaft im Sommer etwa. „Ich komme eher, wenn die Stimmung ausgelassener ist. Dann darf ich mal ran.“

Eine neue Perspektive

Bevor er wieder losmuss, um sein nächstes Seminar zu besuchen, verrät Hannes Müller noch, was es mit seinem Studium auf sich hat. Nach der Karriere könne er sich vorstellen, als Sportpsychologe zu arbeiten. Mit einem solchen arbeite er selbst seit viereinhalb Jahren zusammen. „Das hat mich mental unglaublich stabilisiert über die letzten Jahre. Das hilft mir ungemein. Ich kann es mir auch ohne nicht mehr vorstellen“, sagt er. „Es hilft mir einfach, über alles zu reden: über den Alltag, über Sportsituationen, über private Situationen. Man vermischt ja dann doch alles.“

Seine Perspektive als Leistungssportler könnte ihm helfen, sollte er selbst diese Rolle übernehmen. „Und ja, die Richtung kann ich mir auf jeden Fall vorstellen. Wenn jetzt vielleicht ein Athlet vor mir sitzt und sich mit Druck auseinandersetzt oder mit schwierigen Situationen, dann könnte ich sagen: Ja, das habe ich auch alles erlebt. Ich kann da schon ein bisschen anders drüber reden. Aber das ist noch so ein weiter Weg, bis das passiert.“

Erstmal will er nämlich als Spieler noch weitere Erfolge feiern. Bei der WM in Belgien und den Niederlanden zuerst. Dann fehlt ihm im Trophäenschrank noch eine Hallen-WM. Und auch bei Olympia hofft Hannes Müller, noch einmal angreifen zu können. Am besten schon in zwei Jahren. „Das ist der Plan.“

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