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Emilia Schüle im Exklusiv-Interview: „Heimat war für mich nie etwas Eindeutiges“

Дата публикации: 01-08-2026 12:23:09

Die Schauspielerin über Kritik, Gleichberechtigung, ihre Heimatstadt Berlin und ihre russisch-ukrainische Wurzeln.

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Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung giebt allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Emilia Schüle ist immer wieder in tollen Rollen zu sehen, aber die der Dorfbewohnerin Greta im Drama „Der Heimatlose“ ist eine ihrer ungewöhnlichsten – und auch die hat sie mit gewohnter Bravour gemeistert. Anlässlich des Kinostarts, der auf den 27. August terminiert ist, haben wir mit der 33-Jährigen ein ausführliches Gespräch geführt.

„Der Heimatlose“ ist das Spielfilmdebüt von Regisseur Kai Stänicke. An welchen Stellen haben Sie das beim Dreh am stärksten gemerkt?

Eigentlich eher im positiven Sinne. Man hat bei Kai diese Dringlichkeit und Leidenschaft gespürt, diesen Film machen zu müssen. Gleichzeitig war er von Anfang an sehr offen für den Austausch mit uns Schauspielern. Kai hat sich auch auf meine Vision von Greta, meiner Figur, eingelassen. Es gab keine Haltung von So-muss-es-sein, sondern vielmehr den Wunsch, gemeinsam die beste Version einer Szene zu finden.

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Nach Ihrer bisherigen Erfahrung: Ist es ergiebiger, mit Filmemachern zu drehen, die noch nicht viel gemacht haben, weil sie eventuell engagierter und noch nicht so festgefahren sind, oder bevorzugen Sie es, mit Routiniers zu drehen, weil die ihre ganze Erfahrung in Projekte einbringen können?

Das kann man nicht so pauschal beantworten. Es gibt fantastische Regisseure mit jahrzehntelanger Erfahrung und ebenso spannende Filmemacher, die gerade erst anfangen. Für mich geht es in erster Linie darum, ob jemand etwas zu erzählen hat und ob Vertrauen entsteht. Erfahrung kann unglaublich wertvoll sein, genauso wie der frische Blick von jemandem, der noch ganz unverstellt an Geschichten herangeht. Ich hatte zuletzt auch großes Glück mit eher jüngeren Regieführenden wie eben auch mit Kai Stänicke.

„Der Heimatlose“ erzählt unter anderem von der Auseinandersetzung mit seinem früheren Ich. Als Schauspielerin und öffentliche Person werden Sie sicherlich häufiger mit Ihren früheren Ichs konfrontiert als viele andere. Wie gehen Sie damit um?

Dadurch, dass Filme bestehen bleiben, begegnet man tatsächlich immer wieder früheren Versionen von sich selbst. Früher habe ich mich manchmal dabei ertappt, sehr kritisch auf vergangene Arbeiten zu schauen. Heute sehe ich das eher mit einer gewissen Milde, dazu braucht es wahrscheinlich eine gewisse Reife. Jede Arbeit erzählt auch davon, wo man zu diesem Zeitpunkt im Leben stand. Ich finde es inzwischen schön zu sehen, wie man sich entwickelt hat – als Schauspielerin, aber auch als Mensch.

Zur Person

Emilia Schüle (geboren am 28. November 1992 in Blagoweschtschensk, Russland) ist eine deutsch-russische Schauspielerin. Bereits als Kind zog sie mit ihrer Familie nach Deutschland und begann früh ihre Schauspielkarriere. Ihren Durchbruch feierte sie mit dem Kinofilm „Freche Mädchen“.

Es folgten zahlreiche Rollen in Film- und Fernsehproduktionen sowie internationale Erfolge, unter anderem als Marie Antoinette in der gleichnamigen Serie. Mit ihrer Vielseitigkeit und starken Leinwandpräsenz zählt sie heute zu den erfolgreichsten Schauspielerinnen Deutschlands.

Kai Stänicke hat gesagt, dass es oft schwer sei zu unterscheiden, welche Teile von uns wirklich zu uns gehören und welche wir uns angeeignet haben, um uns zu schützen. Können Sie das nachvollziehen?

Ja. Ich glaube, das kennen die meisten Menschen. Wir entwickeln alle Strategien, um mit bestimmten Situationen oder gar mit Traumata umzugehen. Entscheidend ist für mich, sich immer wieder ehrlich zu fragen, ob man aus Überzeugung handelt oder aus Angst. Das ist kein Zustand, den man einmal erreicht, sondern ein fortlaufender Prozess.

Zentraler Aspekt des Films ist die Auseinandersetzung mit sich selbst nach der Rückkehr in seine Heimat. Sie sind in Berlin aufgewachsen und leben immer noch dort. Kennen Siedieses Gefühl trotzdem?

Ich glaube, Heimat konfrontiert einen immer mit einer bestimmten Version von sich selbst, unabhängig davon, ob man weggezogen ist oder nicht. Orte speichern Erinnerungen. Wenn ich nach einer längeren Reise nach Berlin zurückkomme, merke ich oft erst, wie sehr diese Stadt zu meinem Alltag und meiner Identität gehört.

Das Team von „Der Heimatlose“ auf der Berlinale 2026: Sebastian Schwarz, Julika Jenkins, Paul Boche, Regisseur Kai Stänicke, Jeanette Hain und Emilia Schüle (v.l.n.r.)

Das Team von „Der Heimatlose“ auf der Berlinale 2026: Sebastian Schwarz, Julika Jenkins, Paul Boche, Regisseur Kai Stänicke, Jeanette Hain und Emilia Schüle (v.l.n.r.)

© Dave Bedrosian/ imago

Denken Sie, dass man in einer Großstadt eher man selbst sein kann als in der Provinz?

Eine Großstadt bietet sicherlich mehr Anonymität und mehr Vielfalt und man kann sicher unbeobachteter leben. Dieses Gefühl „Hier kann ich machen, was ich will“, da man nicht an jeder Ecke jemanden kennt und insofern weniger beurteilt wird, kann befreiend sein. Gleichzeitig kann man sich auch mitten in einer Millionenstadt unglaublich einsam fühlen. Tatsächlich genieße ich die Stadt, aber ich bin inzwischen sehr froh, wenn ich auch mal in die Provinz komme.

Wann und wo kommen bei Ihnen besonders viele Heimatgefühle auf?

Weniger an einem bestimmten Ort als in bestimmten Momenten. Wenn Familie oder enge Freunde zusammenkommen. Wenn man Menschen trifft, bei denen man nichts erklären muss. Meine Arbeit führt dazu, dass ich regelmäßig längere Zeiten in anderen Orten oder Ländern bin.

Gerade in politisch aufgeheizten Zeiten hadern viele Menschen mit dem Begriff „Heimat“. Was bedeutet Heimat für Sie?

Das ist für mich keine einfache Frage. Meine Eltern sind nach Deutschland gekommen, als ich ein Jahr alt war. Ich bin in Berlin aufgewachsen, dort zur Schule gegangen und dort ist bis heute mein Zuhause. Gleichzeitig bin ich in einer russisch-ukrainischen Familie groß geworden. Deshalb war Heimat für mich nie etwas Eindeutiges. Ich empfinde bei dem Begriff immer auch eine gewissen Zerrissenheit. Für mich ist Heimat deshalb weniger ein geografischer Ort oder eine nationale Identität, sondern eher eine Erfahrung. Heimat entsteht für mich dort, wo Erinnerungen und Beziehungen sind, wo ich mich angenommen fühle und sein kann, wie ich bin. Gerade in Zeiten, in denen der Begriff oft politisch vereinnahmt wird, wünsche ich mir, dass wir Heimat wieder stärker als etwas Verbindendes verstehen und nicht als Abgrenzung gegenüber anderen.

Auch das Thema der Bewertung durch andere spielt im Film eine Rolle. Welche Strategien haben Sie entwickelt, um damit gesund umzugehen?

Ja, nicht so einfach. Aber bei jedem künstlerischen Beruf setzt man sich der Kritik aus. Man muss damit umgehen. Man lernt mit der Zeit, zwischen konstruktivem Feedback und bloßer Bewertung zu unterscheiden. Kritik anzunehmen kann ja heißen, sich weiterzuentwickeln. Nicht jede Meinung muss man an sich heranlassen. Mir hilft es sehr, mein Selbstwertgefühl nicht von Reaktionen im Außen abhängig zu machen.

Gab es Phasen, in denen Sie die permanente Bewertung von außen belastet hat?

Natürlich gibt es Momente, in denen einen Kritik oder öffentliche Diskussionen beschäftigen. Ich glaube, das ist völlig menschlich. Mit den Jahren habe ich aber gelernt, meine Aufmerksamkeit stärker auf die Menschen zu richten, denen ich vertraue, und auf die Arbeit selbst. Schauspielende haben ja im Grunde vielmehr im Vorfeld mit Ablehnung zu kämpfen als mit der Kritik am fertigen Projekt – da werden wir in der Regel relativ milde behandelt, auch wenn ein Film verrissen wird. Wir werden zu Castings eingeladen, lesen für die Vorbereitung das Drehbuch, setzen uns mit der Rolle auseinander und verlieben uns in eine Rolle. Aber am Ende wird uns möglicherweise gesagt, dass wir zwar ein tolles Casting gemacht haben, aber man sieht uns doch nicht in der Rolle. Es ist ein Prozess zu lernen, mit dieser Ablehnung zu leben.

Der Film erzählt auch davon, dass man nicht gesehen wird, wenn man nicht man selbst ist. Ihr Beruf ist es, ständig jemand anderes zu sein. Fällt Ihnen die Trennung manchmal schwer?

Interessanterweise empfinde ich das Gegenteil. Eine Rolle zu spielen, bedeutet nicht, sich selbst zu verlieren, sondern etwas von sich in eine Figur einzubringen. Natürlich nimmt man Figuren manchmal mit nach Hause, wenn sie besonders intensiv sind. Aber ich glaube, gerade deshalb sind Rituale wichtig, mit denen man eine Arbeit auch wieder loslassen kann.

Sie haben einmal gesagt, dass Sie gerne Rollen spielen würden, die möglichst weit weg von Ihnen sind. Warum?

Weil genau darin für mich der Reiz des Schauspielens liegt. Ich möchte Welten kennenlernen, die mit meinem eigenen Leben möglichst wenig zu tun haben. Das fordert mich heraus und erweitert den eigenen Blick auf Menschen und die Welt. Gerade Figuren, die man auf den ersten Blick vielleicht nicht versteht, sind oft die spannendsten.

Gibt es so etwas wie die Rolle Ihres Lebens?

Hm, ich hoffe, ehrlich gesagt, nicht. Ich wünsche mir, dass sie noch vor mir liegt. Das Schöne an diesem Beruf ist doch, dass man nie weiß, welche Geschichte einen als Nächstes findet.

Sie haben auch in den beiden „Wunderschön“-Filmen mitgespielt, die das Thema Gleichberechtigung in den Mainstream gebracht haben. Wie ist Ihre Einschätzung zur Gleichberechtigung in der Filmbranche und in der Gesellschaft?

Es hat sich in den vergangenen Jahren einiges bewegt. Gleichzeitig stehen wir noch längst nicht da, wo wir hin müssen. Gleichberechtigung bedeutet nicht nur gleiche Chancen vor der Kamera, sondern auch hinter der Kamera; in Produktionen, bei der Frage, welche Geschichten erzählt werden und aus welchen Perspektiven. Ich wünsche mir, dass diese Vielfalt selbstverständlich wird und wir darüber irgendwann gar nicht mehr gesondert sprechen müssen. Gerade wird viel darüber gesprochen, ob sich in unserer Branche Gleichberechtigung und Vielfalt auf dem Weg der Abwicklung befinden. Ich hoffe sehr, dass das nicht passieren wird.

Daniel Schieferdecker arbeitet als freier Autor für verschiedene Medien wie Zeit Online, Esquire und Rolling Stone. Er war außerdem drei Jahre lang Chefredakteur von Europas größtem HipHop-Magazin Juice und hat zwei Bücher geschrieben: das chinesische Reisekochbuch „Forever Yang“ und die autorisierte Biografie des Rappers RAF Camora.

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