Betäubt, vergewaltigt, gefilmt: Der Aargauer Missbrauchsfall erschüttert auch uns Männer. Doch kaum einer spricht darüber, was in uns vorgeht. Mein Versuch, das zu ändern.
K.-o.-Tropfen im Drink: Leider kein Einzelfall.Bild: Adobe Stoc
Es kann überall passieren. Auf dem Heimweg. Im Ausgang. Oder im eigenen Zuhause, wo man sich am sichersten fühlen sollte. Genau dort soll der Beschuldigte im Fall Untersiggenthal seine Taten begangen haben. Er soll Frauen betäubt, vergewaltigt und gefilmt haben. Seine Ex-Frau wurde laut Anklage 140-mal sediert. Der Fall erinnert unweigerlich an das Schicksal der Französin Gisèle Pelicot.
Der Sturm der Entrüstung ist riesig. Er geht vor allem von den Frauen aus. Sie organisieren Mahnwachen, fordern Massnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt und nehmen die Männer in die Pflicht. Männer wie mich.
Mein erster Reflex ist bequem. Wer Frauen betäubt und vergewaltigt, muss ein Monster sein. Ein krasser Einzelfall. Dann drängen sich mir Zweifel auf. In tragischer Regelmässigkeit bringt ein Mann seine Frau oder Ex-Partnerin um. Vergewaltigungen gibt es jeden Tag. Es ist kein Einzelfall.
Trotzdem beruhige ich mich selbst: Solche Männer mag es geben – aber nicht in meinem Umfeld. Die Freunde: alle anständig. Die Ehemänner und Partner: respektvoll. Doch das hatten die Partnerinnen der 51 Männer, die in Frankreich Gisèle Pelicot missbraucht haben, auch gedacht.
Der Fall Untersiggenthal, er wühlt mich auf. Was ist los mit uns Männern? Was hat das mit mir zu tun? Habe ich als Mann wirklich mehr gemeinsam mit einem Vergewaltiger als eine Frau?
Ich merke, dass mir als Mann die entscheidende Perspektive fehlt. Ich weiss nicht, wie es ist, Frau zu sein. Wie es ist, wenn man Männer unwillkürlich danach beurteilt, ob von ihnen Gefahr ausgehen könnte.
Das Gefühl werde ich nie kennen. Aber das heisst nicht, dass uns Männer das Problem nichts angeht. Wir müssen darüber reden. Auch wenn es unangenehm ist.
Nach Missbrauchsfällen und Femiziden wird zu Recht ein besserer Opferschutz und mehr Ressourcen für die Polizei gefordert. Aber es gilt, viel früher anzusetzen. Alles beginnt bei der Erziehung. Bei einem Frauenbild, das auf Respekt statt Überlegenheit beruht. Bei einem Nein, das als Nein akzeptiert wird.
Gerade stimmen die Entwicklungen nachdenklich. In den sozialen Medien erreichen Frauenhasser wie der eben verhaftete Andrew Tate Millionen junger Männer. Sie verherrlichen die Unterordnung von Frauen und verharmlosen Gewalt. Und schaffen so den Nährboden für künftigen Missbrauch.
Dem müssen wir etwas entgegensetzen. Und mit «wir» meine ich uns Männer. Leider wird vielfach gar nicht mehr über Gleichstellung und Geschlechterrollen gesprochen. Die jungen Frauen driften nach links, die jungen Männer nach rechts. Das verbreitete Gefühl: Man wird sich ohnehin nicht einig. Oder man hat Angst, für seine Meinung verurteilt zu werden. Und schweigt. Dabei wäre das Gegenteil nötig: einen Schritt aufeinander zuzugehen.
Das bedeutet nicht, dass alle Männer Frauenquoten befürworten oder sich Feministen nennen müssen. Feminismus darf kritisiert werden. Und wenn er dem Patriarchat die Schuld für jedes gesellschaftliche Problem gibt, muss er das auch. Die Realität ist nie schwarz-weiss. Und nicht alle Probleme sind männlich.
Es bedeutet etwas viel Grundlegenderes: Sexismus klar zu verurteilen. Zu sagen: Gewalt an Frauen ist ein enormes Problem. Punkt.
Wir sollten unsere Partnerinnen, Freundinnen und Kolleginnen fragen, welche schlechten Erfahrungen sie mit Männern bereits gemacht haben. Nicht wegschauen, sondern Grenzen ansprechen, wenn sie überschritten werden. Auch wenn es ein Teamkollege ist, der auf der Fahrt zum Handballmatch aus dem Autofenster Frauen hinterherpfeift. Tun wir das nicht, bleiben wir – auch ich – Teil des Problems statt Teil der Lösung.
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