Die Bretagne als Mörderparadies: Mit seinen Kriminalromanen hat der Schriftsteller Jean-Luc Bannalec eine treue Lesergemeinde. Seine Art des Schreibens ist ungewöhnlich.
Der Schriftsteller Jean-Luc Bannalec alias Jörg Bong an malerischer Felsenküste in der Bretagne.
Foto: Christoph Gebhardt/KiwiInterview | Bonn · Die Bretagne als Mörderparadies: Mit seinen Kriminalromanen hat der Schriftsteller Jean-Luc Bannalec eine treue Lesergemeinde. Seine Art des Schreibens ist ungewöhnlich.
Seit dem Jahr 2012 steht der Autor Jean-Luc Bannalec regelmäßig auf den Bestsellerlisten: Sein Kommissar Dupin, der in der Bretagne ermittelt, ist ein Sympathiemagnet. Soeben erschien Band 15 der Reihe. 13 Fälle wurden bereits von ARD Degeto verfilmt und in 40 Ländern ausgestrahlt. Wir sprachen mit ihm.
Cher Monsieur Bannalec, oder besser: lieber Herr Bong, sagen Ihnen das Ihre Leser oft – dass sie einen Ihrer Romane gelesen haben und sofort in die Bretagne auswandern möchten?
Bannalec Ehrlich gesagt ja. Das ist für mich immer verblüffend. Ich war soeben zum ersten Mal auf einer Lesetour, und das war das Häufigste, was ich beim Signieren gehört habe: „Ich habe Ihre Bücher gelesen, und seitdem machen wir Ferien in der Bretagne.“ Und viele, die die Bretagne schon kennen, sagen: Mit Dupin entdecken wir neue Gegenden und Orte.
Ich habe alle 15 Dupin-Romane gelesen. Die allermeisten...
Bannalec … ehrlich? Alle 15? Das ist ja süß …
… finde ich großartig. Es gibt ein paar Sachen, wo ich sage: Na ja, das braucht's jetzt nicht. Was mir beim Lesen immer auffällt: Das Finistère, das Ende der Welt, ist bei Ihnen kein Totraum, sondern ein Paradies. Und Sie wissen, wie man hineinkommt. Fühlen Sie sich wie der Schlüsselbesitzer?
Bannalec Nein, das Gefühl habe ich nie. Ich bin eher wie ein fliegender Geist, der in diese Gegenden hinein- und wieder heraushuscht. Ich bin ja auch kein Bretone. Das Konstrukt meiner Romane ist: Der Allerfremdeste, nämlich der Pariser, kommt in die Bretagne. Das hat mir natürlich auch erlaubt – sozusagen ein narrativer Trick –, mich als Fremder zu nähern. Dann fallen einem die Sachen auf, die einem ansonsten, wenn man daherkommt und da lebt, vielleicht weniger auffallen. Da hilft die Distanz, dass man etwas entdeckt.
Fremdheit ist ja das Phänomen von Dupin, der wie Maigret strafversetzt worden ist. In den Filmen bleibt er Pariser, aber bei Ihnen durchläuft die Person eine Art Assimilation, oder?
Bannalec Ja. Er nimmt Eigenheiten an und staunt immer, wenn sich ihm noch tiefere Dimensionen des Bretonischen aufschließen. Das ist auch die Aufgabe seiner Assistentin Nolwenn und seines Inspektors Riwal: Sie halten dieses profunde heimatliche Wissen für den assimilierten Dupin bereit. Nolwenn ist das, was man in der Bretagne eine „Bretonin pur beurre" nennt.
Reine Butter. So wie „reinstes Wasser“?
Bannalec Genau. Ein bretonischer Ausdruck, wenn jemand so ganz und gar etwas ist. Nolwenn ist sozusagen die Bretagne als einziger Mensch.
Was ist das Liebenswerte an Dupin? Ich glaube, es ist auch diese Kombination, dass spezifische weibliche Kompetenz – Nolwenn und Claire, seine Ehefrau – auf typisch männlichen Eigensinn prallt. Da können sich sehr viele Leserinnen identifizieren, weil sie das zu Hause haben.
Bannalec Das habe ich noch nie so formuliert gehört. Ich habe ehrlich gesagt weniger in den Kategorien Mann-Frau gedacht, sondern in Typen. Claire ist einer Freundin nachempfunden, die Wissenschaftlerin durch und durch ist – sehr rational, sehr wissenschaftlich. Und sie hat natürlich, wie man heute sagt, ihre Soft Spots, die dann plötzlich kommen. Dupin ist nicht emotional im eigentlichen Sinne, aber von Instinkt und Intuition geprägt. Der hat einen scharfen Verstand und kann deduzieren, induzieren, abduzieren – aber er ist sehr intuitiv. Das sind zwei Typen. Wenn man um 2010, 2012 einen Ermittler erfindet, bewegt man sich ja unter Millionen von Ermittlern seit 1850. Ich habe damals gesagt: Ich trete die Flucht nach vorne an und synthetisiere meine Helden.
Mit Anklängen an Maigret – und Hercule Poirot, den Detektiv bei Agatha Christie? Bisweilen schreiben Sie, dass Dupin seine „kleinen grauen Zellen“ aktiviert.
Bannalec Sie haben es bemerkt, Gott sei Dank. In jedem Fall von Poirot geht es um die kleinen grauen Zellen und die Sorge, ob die richtig arbeiten. Und dann tauchen bei Dupin natürlich auch Figuren aus dem Fernsehen auf, etwa: Peter Falk als Columbo. Immer diese Struktur: Ein Gespräch ist zu Ende und dann kommt sein Satz „Ach, da fällt mir noch etwas ein.“
Bannalec Ja, genau. Mit den Phobien, dem Hineinsteigern in Gedanken, fixen Ideen.
Aber es ist auch noch ein ganz anderer drin, das haben Sie nur noch nie verraten. Der Präfekt ist ja ein Wiedergänger des Vice-Questore Patta bei Donna Leon.
Bannalec Ja, absolut. Dieser eitle, aufgeblasene Typ, der jeden Ermittlungserfolg als eigenen ausweisen möchte, obwohl er nie etwas damit zu tun hatte.
Oft ist es so, dass Sie einen Aspekt des Mythologischen einbinden. Das bringt mich auf eine andere Krimiautorin: Fred Vargas.
Bannalec Die bewundere ich sehr. In der Gegenwart ist sie wahrscheinlich meine Lieblingsautorin. Fred Vargas ist für mich die, die am weitesten in die Literatur hineinragt. Die transzendiert das Genre auch. Und das tue ich ja überhaupt nicht. Meine Bücher sind Kriminalromane, aber keine Literatur in diesem Sinne wie bei Simenon – das ist große Literatur, das ist Weltliteratur.
Ich war verblüfft, dass Sie in einem Interview gesagt haben, Sie hätten bis Seite 200 keine Idee, wer der Mörder ist. Das glaube ich nicht.
Bannalec Es stimmt aber wirklich. Meine Arbeit ist immer, dass ich mich verpflichte, drei, vier Figuren so zu führen, mit unterschiedlichen Motiven, dass sie es sein könnten. Die Handlung entsteht beim Schreiben. Die anderen Sachen – welcher Ort, welche Sujets, welche Figuren – sind akribisch vorbereitet. Aber ich weiß am Beginn eines Romans nie, wer der Mörder ist.
Die Bretagne ist Ihre zweite Heimat. Wie reisen Sie dorthin? Mit dem Auto, dem TGV, dem Flugzeug?
Bannalec Eigentlich immer mit dem TGV. Ich bin im Moment in Bonn zu Hause, bin viel unterwegs, und im Jahr sind das ziemlich genau 30 Reisetage. Ich hätte sonst einen ganzen Monat im Jahr verloren, wenn ich Auto fahren würde. Im Zug habe ich komplette Arbeitstage: zwei Mal knapp vier Stunden, in Paris nur umsteigen.
Und von Brest dann wie weiter?
Bannalec Ich fahre gar nicht nach Brest. Meine Heimat liegt in der Nähe zwischen Pont-Aven und Concarneau. Da gibt es einen Ort, der vom TGV Richtung Quimper angefahren wird: Rosporden. Weil dort die Zentrale von Bonduelle ist – die ganze Gemüsekonserven-Industrie. Der hält dreimal am Tag, und das reicht mir. Da ist man um 18.20 Uhr, und da steht dann mein kleines Auto. Dann fahre ich noch eine Viertelstunde zu mir.
Wie lang brauchen Sie, um einen Roman zu schreiben?
Bannalec Es beginnt immer mit einem Ort, an dem alles spielt. Ich habe ein kleines Heftchen – das, was Dupin auch hat, dieses Clairefontaine – darin sammele ich Orte. Ich habe immer eine Liste mit 40, 50 Orten. Es beginnt alles damit, dass ich irgendwo in der Bretagne bin und denke: Wow, hier! Dann wähle ich intuitiv aus dieser Liste. Dann kommt die erste Reise, um den Ort genauer kennenzulernen – Wanderungen, Cafés, kleine Ortschaften, Buchten. Dann eine zweite Reise mit den Themen oder Sujets: Wovon leben die Menschen? Was ist der Alltag? Was sind die Sagen? Dann lese ich ganz viel – alles, was ich finde.
Bannalec Der dreht sich um Jules Verne und Nantes, da lese ich Jules-Verne-Biografien. Als Drittes kommen die Figuren – wieder eine Reise, Gespräche mit Menschen: mit einem Salzbauern bei der Ernte, mit einer Delfinforscherin auf dem Boot, mit Zwiebelbauern. Dann, sagen wir nach vier Wochen, kommt der erste Satz, und dann fließt das. Die Handlung entsteht beim Schreiben. Das Schreiben selbst braucht dann vielleicht zwei Monate, dann lasse ich es eine Woche liegen, dann kommt noch ein Monat Bearbeitung. Insgesamt viereinhalb Monate.
Es gibt gewisse Bausteine, die sich in Ihren Romanen regelmäßig wiederholen. Es vergeht kein Band, wo nicht die Formulierung vorkommt, dass Dupin etwas konsumiert und begeistert ist von „komplexen Aromen“.
Bannalec Wirklich? Das habe ich überhaupt nicht auf dem Schirm.
Oder einmal die Formulierung: „Seine Augen haben sich zu Schlitzen verengt.“ Das ist auch ein Klassiker bei Ihnen.
Bannalec Echt? Das setze ich auf die Liste. Soll ich Ihnen was verraten? Ich vergesse, was ich geschrieben habe, und zwar wahnsinnig schnell. Wenn meine Lektorin beim Lektorat von Band 16 sagt: „Das hattest du im letzten Band“ – Dann sage ich: Wie? Wo denn? – „Hier, guck mal, genau diese Szene: Er sitzt im Café und macht das.“ Ich weiß es nicht mehr.
Brauchen Sie fürs Schreiben eigentlich genauso viel Kaffee wie Dupin?
Bannalec Ich bin genauso süchtig, abhängig und begeistert von Kaffee. Es gibt aber einen Unterschied: Ich habe keinen niedrigen Blutdruck wie Dupin. Wenn ich zu viel Kaffee trinke, werde ich ganz fahrig und nervös. Dabei liebe ich den Geschmack unendlich. Morgens ohne Kaffee ist mein Gehirn noch aus – das Koffein schaltet es ein. Aber ich kann leider nicht so viel trinken. Sonst würde ich es den ganzen Tag machen.
Dupin ist ein Feinschmecker. Kochen Sie daheim auch selbst, oder gehen Sie lieber essen?
Bannalec Beides, wirklich beides, und zwar gleich gerne. Ich koche sehr gern, aber als Koch bin ich überhaupt nicht sophisticated. Meine Sachen sind sehr einfach. Und ich gehe auch sehr gerne essen, mit einem großen Spektrum. Manchmal ist es ein paar hundert Meter von mir entfernt ein Restaurant mit einem Stern – toll zu erleben, was sich so ein Chef ausdenkt. Aber am nächsten Abend muss ich in meinem Strandbistro sitzen und etwas Schlichtes aus der Pfanne essen. Das eine brauche ich wie das andere. Manchmal sind es auch einfach Pommes frites – oder ein gutes Baguette, drei Stücke Käse und eine Flasche Rotwein.
Wie ist Ihr Verhältnis zu den Verfilmungen?
Bannalec Ich bin an den Filmen gar nicht beteiligt – nicht am Drehbuch, nicht an der Verfilmung. Ich mag den Produzenten Matthias Lösel sehr. Der ist aufrichtig, der liebt die Bretagne, er fährt dorthin, seit er Kind ist. Ich habe mich auch noch nie zu den Filmen geäußert und würde es auch nicht tun. Das sind eigene Produktionen nach eigenen Gesetzen, die als eigene Schöpfungen rezensiert werden müssen. Die Filme sind ja viel erfolgreicher als die Bücher.
Aber Sie sind als Autor doch ein Nutznießer der Verfilmungen?
Bannalec Ganz ehrlich, die Verkaufszahlen meiner Bücher haben sich durch die Verfilmungen überhaupt nicht verändert. Das können Sie sehr gut beobachten. Die Bücher erscheinen im Juni, und wenn die Filme laufen, passiert bei den Verkäufen überhaupt gar nichts. Vielleicht 200 Verkäufe mehr in der Woche. Es ist ein ganz anderes Publikum: Die Leute, die die Filme mögen, mögen meine Bücher gar nicht so. Die finden sie übertrieben ausführlich. Zitat einer Leserin: „Da ist immer eine halbe Seite über irgendeine Sage“.
Ich mag aber das Personal in den Verfilmungen sehr. Ich kann mir keinen besseren Inspektor Kadeg vorstellen als Jan Georg Schütte.
Bannalec Schütte ist unglaublich, aber auch als Mensch – ich habe ihn nur einmal getroffen, letztes Jahr. Das war ein wahnsinnig netter Abend. Dann habe ich mir die Fernsehserie „Kranitz“ angeguckt, in der er Paartherapeut ist – das fand ich beeindruckend.
Wie groß ist der Fundus an Orten, die Sie noch literarisch bearbeiten wollen?
Bannalec Der ist wirklich groß. Das Heftchen mit Orten, die für Dupin in Frage kommen könnten, hat sicher noch 30, 40 weitere. Es wird natürlich keine 30, 40 Bände geben, schon weil ich nicht so lange lebe. Aber der immense Reichtum der Bretagne, die Vielgestaltigkeit der Landschaften und Stimmungen – das könnte literarisch noch ein Jahrhundert so gehen.
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