Nicht nur die Temperaturen sind frostig im hohen Norden des amerikanischen Kontinents, sondern auch die Stimmung zwischen den USA und Kanada. Aber der famose Alaska Highway zeigt, dass das Verhältnis auch schon wärmer war. Denn gebaut wurde die nördlichste Fernstrasse der Welt vor über achtzig Jahren von beiden Staaten gemeinsam.
Nicht nur die Temperaturen sind frostig im hohen Norden des amerikanischen Kontinents, sondern auch die Stimmung zwischen den USA und Kanada. Aber der famose Alaska Highway zeigt, dass das Verhältnis auch schon wärmer war. Denn gebaut wurde die nördlichste Fernstrasse der Welt vor über achtzig Jahren von beiden Staaten gemeinsam.
Thomas Geiger (Text und Bilder)18.04.2026, 05.30 Uhr

Es ist Vormittag, und an der Zollstation zwischen Kanada und den USA ist kaum etwas los. Das liegt nicht an der Eiszeit zwischen Washington und Ottawa, sondern an den Temperaturen. Denn es ist Winter, das Thermometer zeigt auch mittags kaum mehr als minus 20 Grad. Ausser dem kleinen Grenzverkehr hat der Zollbeamte hier kaum jemanden abzufertigen.
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Bei 78 Einwohnern im kanadischen Beaver Creek im Süden und 33 Amerikanern in Port Alcan im Norden kommen an Tagen wie diesen selten mehr als eine Handvoll Autos zusammen. «In ein paar Wochen dagegen, ab dem späten Frühling, stehen die Touristen hier wieder bis zum Horizont», sagt der Officer.
Denn der Grenzübergang liegt am Alaska Highway, der früher einzigen und heute noch immer wichtigsten Landverbindung zwischen den 49 amerikanischen Gliedstaaten im Süden und der Nummer 50 ganz oben im Norden. Seit es sie gibt, ist die Strasse ein Sehnsuchtsziel aller Nordlandfahrer, denen Skandinavien zu nah, zu zivilisiert und zu dicht besiedelt ist.
«Die Berge, die Seen, die Wälder, die Lachse und die Bären», zählt der Grenzbeamte die grossen Publikumsmagneten auf, die seinen Sommer gelegentlich ein bisschen stressiger machen. Heute dagegen ist er entspannt. Deshalb lässt er alle Autorität seiner Uniform mit einem Lächeln abfallen, drückt den Stempel behutsam in den Pass und ist dankbar für einen kleinen Plausch.
Er hat sogar Zeit, sich über unser Auto zu wundern, das so sattsam vertraut aussieht und ihm trotzdem irgendwie fremd ist. Denn was auf den ersten Blick an einen alten Land Rover Defender erinnert, ist ein nagelneuer Ineos Grenadier, und wir erzählen ihm gerne die Geschichte von Jim Ratcliffe, einem der reichsten Briten, der ein grosser Fan des Land Rover Defender ist. Weil der vom drohenden Ende des rustikalen Geländewagens so getroffen war, hat er nach einem bierschweren Abend bei der «last order» in seinem Londoner Lieblingspub «The Grenadier» beschlossen, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

So hat Ratcliffe seinem Chemie-Giganten Ineos eine Autosparte verordnet und – benannt nach jenem Pub – im Jahr 2022 den Grenadier auf den Markt gebracht. Entwickelt von Magna in Graz und angetrieben mit einem Reihensechszylinder von BMW, erntet der rustikale Offroader zwar Anerkennung, ist aber auch ausserhalb von Alaska unbekannt. Kein Wunder also, dass sich der Officer erstaunt die Augen reibt, nur um uns dann eine ähnlich kuriose Geschichte aufzutischen.
Denn die Strasse, derentwegen wir hier durch den eisigen Winter fahren, sei nicht irgendein Highway durch Alaska, erzählt der Beamte. «Sondern das ist der Alaska-Highway», sagt der Officer und erzählt von einem politischen Kraftakt aus einer Zeit, als die Welt noch klar aufgeteilt war in Gut und Böse, Ost und West. Er wurde 1942 in einer Eile gebaut, die heute kaum vorstellbar ist. Nach dem Angriff auf Pearl Harbor und der Besetzung zweier Aleuten-Inseln durch japanische Truppen fürchteten die USA um die Sicherheit Alaskas. Der Seeweg galt als verwundbar. Eine Landverbindung existierte nicht.
Washington und Ottawa beschlossen deshalb gemeinsam den Bau einer Strasse. Kanada stellte das Territorium zur Verfügung, die USA übernahmen Planung, Bau und Finanzierung. Rund 11 000 amerikanische Soldaten schlugen zusammen mit 16 000 Zivilisten eine 2197 Kilometer lange Schneise durch Sümpfe, Permafrost und vergletscherte Gebirge mit Gipfeln von bis zu 6000 Metern.
Bei durchschnittlich acht Kilometern am Tag war die Strecke innerhalb von acht Monaten fertig. Bulldozer und Dynamit ersetzten Vermessung und Feinarbeit. Der Alaska Highway war eine militärische Notlösung, errichtet aus strategischer Sorge – und im unerschütterlichen Vertrauen auf den Nachbarn.
Noch 1942 eröffnet und seit 1948 auch für den zivilen Verkehr freigegeben, ist die Strasse heute längst asphaltiert, begradigt, technisch gesichert. Und doch bleibt sie zwischen November und Mai eine schwere Prüfung. Schneeverwehungen verschlucken Markierungen und lassen den Highway oft zu einer schmalen Schneise schrumpfen. Lastwagen hinterlassen gefrorene Spurrillen, die bei einsetzendem Tauwetter zu Eiswellen erstarren, und viel Leben rechts und links der Strecke wird man auch nicht finden.
Der Alaska Highway ist im Winter ein Band aus Schnee und Eis, das sich wie eine gedachte Linie durch eine Landschaft zieht, die den Menschen allenfalls duldet. Der Himmel über dem Yukon ist von einer Helligkeit, die nichts Wärmendes hat.
Wer hier unterwegs ist, hat sich entschieden – gegen Bequemlichkeit, gegen ein durchgehendes Mobilfunknetz, gegen die Illusion, dass einen die Assistenzsysteme schon irgendwie ans Ziel bringen werden. Der Grenadier passt perfekt in diese raue Welt. Während sein 286 PS starker BMW-Benziner – etwa in der Kaffeepause nahe Tok – auch im Stand läuft, wie um sich selber Mut zuzusprechen, ist er das Werkzeug unter all den Spielzeugen, die sich heute SUV nennen. Er ist kein Accessoire für verweichlichte Grossstädter, sondern eine Konstruktion für Kenner und Könner: Leiterrahmen, Starrachsen, permanenter Allradantrieb, Differenzialsperren. Ein Kumpel, mit dem man sich auch im Winter auf den Alaska Highway traut.

Im Grenadier halten wir eisern Kurs nach Norden, kämpfen uns durch die Einsamkeit des ewigen Zwielichts im arktischen Winter und wagen uns in den unbekannten Teil von British Columbia. Kilometer um Kilometer, Stunde um Stunde gewöhnen wir uns mehr an den rustikalen Charme des Charakterdarstellers, der dieser Kälte mit dem gemütlichen Bass seines Sechszylinders trotzt.
Schnell sind wir nicht unterwegs, aber stetig – selbst dann, wenn uns der eine oder andere Schneesturm die Sicht raubt. Solange die grobstolligen Reifen noch irgendwie Halt finden auf dem weissen Teppich über grobem Asphalt, kommt der Offroader genauso tapfer voran wie die Bisons, die nach der Dämmerung den Strassenrand säumen. Wie gut, dass zumindest die Bären gerade Winterschlaf halten.
Am nächsten Tag kreuzen wir die Grenze zum Yukon Territory, das spätestens seit Jack Londons Romanen sinnbildlich steht für Abenteuer, Goldsucher und den wirklich Wilden Westen. Doch gibt es ausser Eis und Einsamkeit gar nicht viel zu sehen in dem riesigen Territorium, in dem nur gerade 50 000 Menschen leben – auf einer Fläche, mehr als zehnmal so gross wie die Schweiz.
Aber genau dieses endlose Nichts macht die Fahrt gen Norden so spektakulär: Der Highway wirkt wie eine Vereinbarung zwischen Mensch und Landschaft: Wir durchqueren dich, aber wir beanspruchen dich nicht. Links und rechts stehen schwarze Fichten in weisser Starre. Gelegentlich kreuzt die Fährte eines Elches die Fahrbahn. Tankstellen sind selten, Mobilfunk ist episodisch.

Der Grenadier rollt weiter zuverlässig nach Norden. Sein Konzept ist klassisch: In einer Zeit, in der die Bildschirmdiagonale wichtiger ist als das Differenzial, wirkt er wie ein Anachronismus. Aber hier, auf einer Strasse, die aus strategischer Notwendigkeit geboren wurde, erscheint dieses Prinzip folgerichtig. Wer ein SUV mit Sitzbelüftung und Autopilot fahren will, der soll sich ein anderes Fahrzeug kaufen – und damit gefälligst in den «lower 49s» bleiben, den 49 südlichen amerikanischen Gliedstaaten unterhalb der Eisgrenze.
Nur für ein paar Stunden färbt sich der Himmel blassrosa. Die Temperatur sinkt weiter. Der Motor läuft gleichmässig, die Reifen schneiden eine Spur in die verdichtete Schneedecke. Es ist eine stille Fahrt, fast kontemplativ, auf der womöglich einsamsten Strasse der Welt, wo selbst die sonst allgegenwärtigen Trucks selten werden und man nur alle paar Stunden einen anderen Pkw zu Gesicht bekommt.
Die einsame Route führt uns bis Delta Junction, wo der Alaska Highway nach 2197 Kilometern offiziell endet. Links geht es nach Anchorage, rechts nach Fairbanks und von dort weiter nach Prudhoe Bay, zum nördlichsten Punkt, den man auf dem amerikanischen Kontinent mit dem Auto erreichen kann. Aber das ist ein anderes Abenteuer.
Die Recherchereise wurde von Ineos unterstützt.
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