Bei massgeschneiderten Fahrevents lernen Menschen mit Behinderungen Sicherheit und Fahrfreude. Über die Idee dieses besonderen Fahrertrainings und die Initiatorin Tina Schmidt-Kiendl.
Bei massgeschneiderten Fahrevents lernen Menschen mit Behinderungen Sicherheit und Fahrfreude. Über die Idee dieses besonderen Fahrertrainings und die Initiatorin Tina Schmidt-Kiendl.
Fabian Hoberg25.07.2026, 05.30 Uhr

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Der BMW M4 Competition beschleunigt auf die nächste Kurve zu. 530 PS drücken das Coupé nach vorne, der Reihensechszylinder faucht, die Reifen krallen sich in den Asphalt. Über Funk ertönt eine ruhige Stimme: «Blick weiter nach vorne, lass das Auto arbeiten.» Die Anweisung kommt präzise, sachlich und ohne jede Aufregung. Am Steuer sitzt ein Mann, dessen Beine sich seit Jahren nicht mehr bewegen. Die Frau, die ihn anleitet, sitzt neben der Strecke – im Rollstuhl.
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Tina Schmidt-Kiendl arbeitet als Instruktorin bei BMW auf dem Trainingsgelände in Maissach bei München. Sie hat etwas geschafft, was weit über ein gewöhnliches Fahrertraining hinausgeht: Sie zeigt Menschen mit Behinderung, wie sie ein hoch motorisiertes Auto sicher beherrschen und ein Stück Freiheit zurückgewinnen. Gleichzeitig vermittelt sie Fahrspass.
Als Tina Schmidt-Kiendl 2017 nach elf Monaten aus dem Krankenhaus entlassen wurde, war nichts wie vorher. Nach einer geplanten Operation an der Bandscheibe entwickelte sich eine Entzündung im Rückenmark. Ein paar Tage später sass sie im Rollstuhl. Für sie brach eine Welt zusammen. «Das war persönliches Pech», sagt sie heute ohne Verbitterung.
Die Zeit war anfangs hart für sie. Doch gab es bei ihrem Arbeitgeber auch Stellen für Menschen mit Behinderungen. Aber im Bereich des Fahrertrainings? Die Wirtschaftsingenieurin arbeitete ab 2003 nebenbei leidenschaftlich als Instruktorin bei der M-GmbH, dem BMW-Bereich für Sportmodelle. Dort leitete sie neben ihrem Hauptberuf mehrmals pro Jahr Fahrsicherheitstrainings. «Das hatte ich mir im Krankenhaus schnell abgeschminkt, so schwer es mir auch gefallen ist», sagt die 50-Jährige.
Schmidt-Kiendl spricht darüber ohne Pathos. Ihr Weg zurück in ein eigenständiges Leben war lang und geprägt von Reha, Rückschlägen und Anpassungen. Doch irgendwann entdeckte sie etwas wieder, was sie fast verloren glaubte: die Freude an Mobilität. «Ich habe zum Glück einen unglaublichen Optimismus in die Wiege gelegt bekommen», sagt sie lachend.
Aus der Idee wird eine InstitutionEine Freundin, die sie im Krankenhaus besuchte, fragte sie, was jetzt mit ihrer Arbeit als Instruktorin sei. «‹Wenn du wieder Auto fahren kannst, dann kannst du auch Fahrertrainings anbieten›, meinte sie. Da habe ich gegrübelt, habe die Idee meiner Chefin vorgetragen, und sie hat mich gebeten, ein Konzept auszuarbeiten», erzählt sie. Ein paar Wochen später ist die Idee reif für eine Präsentation. Das Konzept geht den Gang durch die BMW-Instanzen und wird tatsächlich genehmigt.

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BMW unterstützt seither das Projekt, die hauseigene Bank finanziert die Fahrzeuge mit den speziellen Umbauten für Menschen mit Behinderung. 2021 startete das Training, wenn auch anfangs mit angezogener Handbremse wegen der Covid-Pandemie.
Mittlerweile stehen aktuelle M2, M3 und M4 zwischen 480 und 530 PS Leistung acht Teilnehmern pro Kurs zur Verfügung, können aber auch von «Spaziergängern» gefahren werden, also Menschen ohne körperliche Beeinträchtigung. Zehn Fahrertrainings leitet Tina Schmidt-Kiendl im Jahr, nimmt für den speziellen Zweitjob Urlaub. «Das Training richtet sich aber nicht nur an Rollstuhlfahrer, sondern auch an Interessierte, die mit Menschen mit Behinderungen arbeiten», erklärt sie. Dazu zählt sie Physiotherapeuten oder Betreuer, die erleben wollen, wie es sich anfühlt, mit Handgas zu fahren.
Teilnehmer im Rollstuhl zahlen für den Kurs 180 Euro, die die Kosten bei weitem nicht decken. Fussgänger bezahlen 490 Euro. Die Preisgestaltung zeigt: BMW sieht in dem Angebot offenbar eine Art soziale Aufgabe, Fahrfreude und sicheres Fahren vor allem auch an Rollstuhlfahrer zu vermitteln. Den Teilnehmern gefällt diese besondere Form der Resozialisierung.
An Teilnehmern mangelt es nichtMirko Haltmann aus der Nähe von Hamburg ist seit seiner Geburt gelähmt. Privat fährt der Autofan einen BMW 530d und hat sich angemeldet, um ein starkes M-Modell zu fahren. «Die Möglichkeiten sind ja sonst eher begrenzt, und hier lerne ich noch was dabei», sagt er. Der Basketball-Profi und Nationalspieler Tobias Hell reist mit seinem Kumpel Tim Neumann aus Dresden extra nach Bayern an. «Wir beide lieben Autos, und hier können wir beide unsere Skills verbessern, das macht Spass», sagt der Bronzemedaillengewinner von 2024.
«Für die Möglichkeit, diese speziellen Fahrertrainings anzubieten, bin ich BMW dankbar. Das ist in wirtschaftlich agierenden Unternehmen nicht selbstverständlich. Wir haben ein sehr spezielles Training, und ich bin der Meinung, Freude am Fahren dürfen wir auch vermitteln», sagt die Instruktorin Tina Schmidt-Kiendl.
Und das ist gar nicht so einfach. Von aussen betrachtet, wirkt die Szenerie wie jedes andere Fahrsicherheitstraining. Erst beim Blick ins Cockpit werden die Unterschiede sichtbar. Statt Gas- und Bremspedal übernehmen spezielle Handbediensysteme die Steuerung. Beschleunigt wird über einen elektronischen Gasring oder Daumenregler am Lenkrad, gebremst über einen separaten Hebel.

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Auf dem Gelände der BMW-Area M in Maisach bei München herrscht konzentrierte Betriebsamkeit. Zwischen BMW M2, M3 und M4 bereiten sich die Teilnehmer auf die nächste Übung vor. Ausweichmanöver bei 50 km/h. Das bedeutet: bis auf 50 km/h beschleunigen und dann an einem definierten Punkt eine Vollbremsung hinlegen und gleichzeitig einem Hindernis ausweichen.
«Gut gemacht, drück aber noch beherzter auf die Bremse, und lenke das Auto so lange nach rechts, bis es am Hindernis vorbei ist», so gibt Tina Schmidt-Kiendl Tipps übers Funkgerät. Nach jeder Runde steigert sich die Geschwindigkeit leicht. Die Sechszylinder brüllen auf, das ABS rattert vor den Pylonen, Reifen quietschen beim Lenken. Für «Fussgänger» ist es gar nicht so einfach, die Geschwindigkeit mit den Händen konstant zu halten, dann ruckartig zu bremsen und nur mit einer Hand zu lenken.
Die Grundidee des Trainings unterscheidet sich nicht von dem für alle Autofahrer: Souveränität im Strassenverkehr und Freude am Fahren vermitteln. Ein paar Unterschiede gibt es dennoch: Bei klassischen Übungen weichen Autofahrer nach links aus. Mit Handgas und Handbremse an der rechten Seite ist ein Ausweichen nach rechts einfacher. Auch das Driften, bei dem das Heck kontrolliert ausbricht, ist mit Handgas schwierig zu steuern.

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Während der Übungen verändert sich die Stimmung. Zu Beginn herrscht bei manchen Teilnehmern Nervosität. Viele sitzen zum ersten Mal in einem leistungsstarken Fahrzeug. Doch die Unsicherheit verschwindet schnell. Bald fahren die Teilnehmer Slalomkurse, absolvieren Ausweichmanöver und Gefahrenbremsungen.
Sie kennt den langwierigen ProzessDas Besondere an den Trainings ist die Normalität, mit der sie ablaufen. Niemand wird geschont. Wer eine Kurve unsauber fährt, bekommt eine klare Rückmeldung. Wer beim Bremsmanöver zu spät reagiert, ebenfalls. Schmidt-Kiendl begegnet den Teilnehmern nicht als Trainerin von aussen, sondern als jemand, der denselben Weg gegangen ist. Genau das schafft die besondere Atmosphäre dieser Trainings. Hier sprechen Menschen miteinander, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

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Als die letzten Fahrzeuge am späten Nachmittag in die Boxengasse rollen, bleibt die Stimmung auf dem Gelände gelöst. Mirko Haltmann und Tobias Hell planen bereits das nächste Training. Denn sie haben einen BMW M2, M3 oder M4 schnell und sicher bewegt und dabei mehr Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit gefasst. Die eigentliche Leistung von Tina Schmidt-Kiendl besteht deshalb nicht darin, das Autofahren zu perfektionieren, sondern darin, den Menschen zu zeigen, dass ein selbstbestimmtes Leben auch dann möglich bleibt, wenn die Umstände dagegensprechen.
Und die nächste Stufe soll bald gezündet werden: Level-2-Rennstreckentraining auf dem Salzburgring im Herbst. Natürlich mit den hochsportlichen Fahrzeugen und Tina Schmidt-Kiendl als Instruktorin.
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