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Unterm Strich: Die Last der Geschichte: Dunkle Flecken und wir

Дата публикации: 24-07-2026 13:00:00




Haben „wir“ einst Krieg „gegen Russland“ geführt? War Opa in der SS? Und was war eigentlich mit Vichy, und Mussolini, und dem Heldenplatz, und den Indianern? Vom Umgang mit der Vergangenheit.



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Unterm Strich: Die Last der Geschichte Dunkle Flecken und wir

Meinung · Haben „wir“ einst Krieg „gegen Russland“ geführt? War Opa in der SS? Und was war eigentlich mit Vichy, und Mussolini, und dem Heldenplatz, und den Indianern? Vom Umgang mit der Vergangenheit.

Unbefangenheit und Pragmatismus: Davon, wie zum Beispiel die Briten mit ihrer Geschichte umgehen, könnten wir Deutsche lernen, findet unser Kolumnist.

Unbefangenheit und Pragmatismus: Davon, wie zum Beispiel die Briten mit ihrer Geschichte umgehen, könnten wir Deutsche lernen, findet unser Kolumnist.

Foto: picture alliance / dpa/Will Oliver

Vor einigen Wochen erschien das bekannte deutsche Nachrichtenmagazin mit dem Titel „Unser Krieg gegen Russland“. Ich war einigermaßen erstaunt. Dass „wir“ gegen Russland Krieg führen, hätte man doch mitbekommen müssen. Ich persönlich hatte noch nie gegen Russland Krieg geführt und auch nicht die Absicht, dies jemals zu tun.

Wenn die verantwortlichen Spiegel-Redakteure mit dem Personalpronomen „unser“ die Gesamtheit aller Deutschen bezeichnen wollten, dann hätten sie mich doch bitte ausdrücklich ausklammern sollen, außerdem meine Töchter und alle anderen Deutschen, die ich kenne. Ich lege meine Hand ins Feuer: Keiner von denen führt gegen Russland Krieg; trotz allem, was die Russen zurzeit so anstellen.

Natürlich war die Überschrift ein Trick, ein ziemlich billiger dazu. Mit dem Wörtchen „unser“ sollten alle ins Boot geholt werden, die die Überschrift auf dem Zeitschriftenständer am Kiosk lesen und sich angesprochen fühlen mussten. Und weil den Spiegel-Leuten eine historische Titelgeschichte über den Krieg des sogenannten „Dritten Reichs“ gegen die Sowjetunion womöglich zu lahm erschien, tauschten sie die „Sowjetunion“ kurzerhand gegen „Russland“ aus. Wenn schon, denn schon.

Vermeiden wir doch bitte die Schuldsprüche aus bequemem zeitlichem Abstand!

Nur Geschichtsnerds interessiert doch, dass zu den damals angegriffenen Ländern die Ukraine gehörte, gegen die heute wiederum Russland Krieg führt. Alles sehr kompliziert und nur mit vielen Relativsätzen zu erklären. Wen kümmern schon historische Wahrheit und aktuelle Fakten, wenn man unter den Bedingungen der Aufmerksamkeitsökonomie Zeitschriften verkaufen muss?

Apropos historische Fakten: „Wir“ Deutsche können ja seit einigen Wochen überprüfen, ob Ur-Opa oder Ur-Oma in Hitlers NSDAP war oder sogar in Himmlers SS. Dank moderner Datenbanktechnik lässt sich in jeder Hinsicht komfortabel in der Familiengeschichte forschen. Nur ein paar Mausklicks am Küchentisch, zack!, schon hat man Klarheit. Schade nur, dass die unfreiwillig geouteten Vorfahren sich dazu nicht mehr selbst erklären können, weil sie längst auf dem Friedhof liegen.

Aber selbst wenn man den Toten ihre Ruhe nicht lassen will: Aus dem bequemen zeitlichen Abstand von einem runden Jahrhundert und mit einem Leben in Wohlstand und Demokratie und ohne belastenden Hintergrund wie einem verlorenen Weltkrieg, einer Wirtschaftskrise und dem politischen Chaos der frühen 1930er Jahre sollte man vorschnelle Schuldsprüche vielleicht doch vermeiden.

Die angeblichen „Lektionen aus der Geschichte“ helfen uns in der Gegenwart meist nicht weiter

Aber es geht wohl nicht anders: Die Beschäftigung mit der eigenen jüngeren Geschichte bleibt für uns Deutsche schwierig. Besonders für den Zeitabschnitt 1933 bis 1945 ist und bleibt sie vor allem eins: quälend. Mit dem Verharmloserspruch „Es war nicht alles schlecht“ und dem Hinweis auf die Autobahnen kann man nur noch denen kommen, die besagte Jahre für einen Vogelschiss der Geschichte halten. Schlimm genug.

Trotzdem könnte man fast neidisch werden auf andere Nationen und die Art und Weise, wie sie mit den dunklen Flecken der eigenen Geschichte umgehen. Sklaverei und Völkermord an den Ureinwohnern? Fußnoten in den US-Geschichtsbüchern. Die Österreicher und ihr Anteil am „Dritten Reich“? Küss die Hand und schleich di, du Piefke. Die Franzosen? Ganz viel Résistance, aber nur ein ganz kleines bisschen Kollaboration. Und mit den Namen Mussolini oder Franco will man zu dieser Zeit des Jahres auch niemandem den Urlaub vermiesen.

Und vielleicht ist es Zeit für uns nachgeborene Deutsche, sich eine kleine Scheibe von der Unbefangenheit und dem Pragmatismus zum Beispiel der Briten abzuschneiden, die auch die wenig glanzvollen und vielleicht sogar verbrecherischen Episoden ihres Königreichs als das behandeln, was sie sind: Vergangenheit, und von uns leider nicht mehr zu beeinflussen. Die Lektionen, die wir aus der Geschichte tatsächlich oder angeblich lernen sollen, helfen uns in der Gegenwart meist auch nicht weiter. Das ist für den, der unbedingt will, natürlich kein Grund, trotz sonniger Urlaubszeiten auf schwermütig-teutonische Selbsterforschung zu verzichten.

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