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Eric Pfeils Pop-Tagebuch: Zugträume von Kansas City

Дата публикации: 07-08-2026 05:52:07

Ein singender Schaffner erinnert unseren Kolumnisten an die Les Humphries Singers.
Folge 285 Ich träume oft von Zügen. Manchmal sitze ich auch in ihnen. Heute wird mir die gewohnt zähe Bahnfahrt von einem Schaffner des Typs „Stets gut gelaunter Sprücheklopfer“ versüßt. Einer neben mir sitzenden Dame kredenzte er soeben ihr bestelltes Heißgetränk mit den Worten: „Einmal Kaffee MK – mit Keks“. Beim Kontrollieren der Tickets traf...
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Empfehlungen der Redaktion

Folge 285

Ich träume oft von Zügen. Manchmal sitze ich auch in ihnen. Heute wird mir die gewohnt zähe Bahnfahrt von einem Schaffner des Typs „Stets gut gelaunter Sprücheklopfer“ versüßt. Einer neben mir sitzenden Dame kredenzte er soeben ihr bestelltes Heißgetränk mit den Worten: „Einmal Kaffee MK – mit Keks“. Beim Kontrollieren der Tickets traf er dann auf eine englischsprachige Reisende. „Where are you from?“, fragte der Schaffner. „Kansas City“, gab sie zur Antwort. Da sei er noch nie gewesen, informierte er die Dame, er kenne nur „Kansas City“ von den Les Humphries Singers. Und dann sang er, und aller Verspätungsverdruss war wie weggeblasen.

Die Les Humphries Singers, das muss unumwunden festgestellt werden, zählen zu jenen Acts der Siebziger, deren Werk selbst in revivalfreudigen Zeiten wie diesen hartnäckig der Wiederentdeckung trotzt. 1969 von dem in Hamburg lebenden Engländer Les Humphries gegründet, verquirlte die in hippiesker Kledage auftretende Truppe munter Gospel, Pop und Traditionals. Die Mitglieder gaben sich auf der Bühne stets ungezwungen und lebensfroh, es wurde beim Singen viel in die Hände geklatscht – Daseinsbejahung am Anschlag.

Gleichwohl wurde schon früh kolportiert, dass der Chef und Namensgeber jenseits der Bühne ein Schreckensregiment geführt habe: Humphries soll allzu sehr dem Alkohol zugesprochen, häufig Wutanfälle bekommen und sich wiederholt Prügeleien mit seinem Bandkollegen und Co-Songschreiber Jimmy Bilsbury geleistet haben. Kein allzu verträglicher Zeitgenosse, wie es scheint. Seine ikonischste Komposition bleibt die Titelmusik zur Serie „Derrick“. 1972 heiratete Humphries in Undeloh in der Lüneburger Heide die Schlagersängerin Dunja Rajter, die Ehe wurde 1976 wieder geschieden, auch die Les Humphries Singers wurden Ende des Jahres aufgelöst.

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Der vorgetäuschte Tod und das Chaos hinter den Kulissen

Der Chef des Ensembles geriet daraufhin erst einmal in finanzielles Schlamassel und setzte sich in der Folge wegen Steuerschulden nach England ab. Nach der Verjährung des Delikts kam er zurück nach Deutschland. Was Humphries für Freunde extremer Showpersönlichkeiten interessant macht, ist ein gescheiterter PR-Coup aus dem Jahr 1998: Um sich wieder ins Gespräch zu bringen, gab er sich in einem Telefonanruf bei einer Tageszeitung als sein Zwillingsbruder aus und vermeldete seinen eigenen Tod. Doch die Finte flog auf. Der streitbare Künstler sprach danach von einem „Missverständnis“.

„Kansas City“ is ein musikalisch eher unterkomplexer Partykellerkracher, dessen Text von zwei Freunden handelt, die sich in der titelgebenden Stadt eine gepflegte Sause zu leisten beabsichtigen. Doch oh weh: Die Sache läuft aus dem Ruder, die unglückselige Verbindung von Alkohol und Schusswaffengebrauch bringt die Kameraden in Kalamitäten. „Hey Ho Yippeeiayay / We shot up Kansas City on a very fine day“, schmettert der Chor. Einige im Internet aufzustöbernde TV-Auftritte legen nahe, dass vorab auch backstage ein ziemliches Yippeeiayay stattgefunden haben dürfte: Die Handhabung des Vollplaybacks muss als salopp bezeichnet werden.

Einmal im Universum des schlagbehosten Vokalensembles gelandet, kann ich gar nicht mehr aufhören, mich mit dem Bühnenschaffen der Künstler auseinanderzusetzen: Es zählt zu den letzten Freuden des freien Westens, sich während einer Fahrt mit der Deutschen Bahn alte Auftritte der Les Humphries Singers anzuschauen. 2007 verstarb Les Humphries dann wirklich im südenglischen Basingstoke, ein Ort, den ich nicht nur wegen seines schönen Namens schon immer mal besuchen wollte.

Mein Zug hat inzwischen knapp zwei Stunden Verspätung. Auf meinem Lieblingsalbum, „I Often Dream Of Trains“, singt Robyn Hitchcock im magischen Titelstück: „I dream of them constantly / Heading for Paradise / Or Basingstoke or Reading.“ Das könnte der fröhliche Schaffner eigentlich auch mal singen.

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