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Matthias Rogg über Sicherheit Deutschlands: „Verteidigung ist Aufgabe von uns allen!“

Дата публикации: 10-08-2026 20:20:00




Renommierter Militärhistoriker Rogg ruft nicht nur zu mehr Rüstung auf – sondern will auch einen Mentalitätswandel in der Gesamtbevölkerung.



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Matthias Rogg über Sicherheit Deutschlands „Verteidigung ist Aufgabe von uns allen!“

Zweibrücken · Renommierter Militärhistoriker Rogg ruft nicht nur zu mehr Rüstung auf – sondern will auch einen Mentalitätswandel in der Gesamtbevölkerung.

Vor allem durch Russland sah Matthias Rogg (bekannt auch als langjähriger Gründungsdirektor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden) bei seinem Vortrag in der Versöhnungskirche Deutschlands Sicherheit und Frieden bedroht – kritisierte aber auch heftig die aktuelle Politik der USA.

Vor allem durch Russland sah Matthias Rogg (bekannt auch als langjähriger Gründungsdirektor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden) bei seinem Vortrag in der Versöhnungskirche Deutschlands Sicherheit und Frieden bedroht – kritisierte aber auch heftig die aktuelle Politik der USA.

Foto: Lutz Fröhlich

Dicht besetzt war die Versöhnungskirche am Donnerstagabend bei einem Vortrag auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik Zweibrücken. Was zum einen am Referenten lag – Oberst i. G. (im Generalstab) Matthias Rogg ist einer der renommiertesten Militärhistoriker Deutschlands – und wuchs in Zweibrücken bis nach dem Abitur auf.

Und zum anderen wohl am nach dem missglückten Drohnen-Anschlag einer mutmaßlich fremden Macht auf den Flughafen Leipzig noch aktueller klingenden Vortragsthema Roggs: „Die Welt in Unordnung – Sicherheitspolitische Herausforderungen und die Rolle Deutschlands in der einer Welt der Ungewissheit.“

Dreiviertel der Bundesbürger hätten heute große Sorgen um die Sicherheit (vor allem wegen Krieg), stieg Rogg mit Umfragedaten in seinen Vortrag ein – ein drastischer Anstieg seit 2019, wo noch eine (wenn auch ganz knappe) Mehrheit sich sicher fühlte.

Ein Gefühl, dass auch mit „nackten Fakten“ zusammenhänge, wegen derer die Angst vor allem vor Russland wachse (von 32 auf 81 Prozent seit der Vollinvasion in der Ukraine). „Alarmierend“ findet Rogg, dass infolge des neuen Kurses der USA 65 Prozent der Deutschen die Sicherheit auch durch den wichtigsten Bündnispartner bedroht sehen.

Zu den „nackten Tatsachen“ gehöre unter anderem auch der steile Anstieg der weltweiten militärischen Krisen und Konflikte vor allem seit 2010. Besonders dramatisch bei Russlands Krieg gegen die Ukraine, der täglich fast 1000 Tote fordere – laut Rogg eine „enorme Anzahl wie im Zweiten Weltrkieg“.

Zudem werde angesichts der volatiler und unübersichtlicher werdenden Weltlage „unglaublich schwer zu prognostizieren: Wo stehen wir demnächst, in 5, 10 oder 20 Jahren? Das ist für Wissenschaftler sehr interessant – aber die Leute macht das irre.“ Was Wasser auf die Mühle von Populisten sei – und so auch innenpolitisch für Probleme sorge. Viele Menschen verlören das Vertrauen in „die Politik“ und meinten: „Das hätte es unter Helmut Schmidt nicht gegeben.“ Aber auch ein wiederbelebter Kanzler Schmidt hätte auf die immer komplexer werdenden (Un-)Sicherheits-Herausforderungen keine einfache Antwort, ist Rogg überzeugt.

Zu den Herausforderungen gehöre einerseits auch, dass große Militärbündnisse an Bedeutung verlören und seit einigen Jahren es eine extreme Zunahme von Kooperationen nur zwischen einzelnen Staaten gebe. Und andererseits, dass es „neue Player mit enormen Auswirkungen gibt – wie die Frage, ob ein Mann wie Elon Musk Starlink für die Ukraine ein- oder ausschaltet“.

Noch viel größere Gefahren als durch Drohnen sieht Rogg durch den „Krieg um und mit Daten“, der zunehmend mithilfe Künstlicher Intelligenz geführt werde.

Angesichts der wachsenden Komplexität werde es auch immer schwieriger, Kriege zu beenden: „Dafür müssen unglaublich viel Faktoren zusammenkommen, wenn sich zum Beispiel die Ukraine und Russland irgendwann zusammensetzen.“ Diesen Krieg in 24 Stunden wie Trump beenden zu wollen, sei völlig illusorisch gewesen.

„Warum ist die Welt in Unordnung?“ Rogg nannte hierfür eine Vielzahl von Faktoren wie Infragestellen von Völkerrecht und des Grundprinzips territorialer Unversehrtheit selbst durch die USA (Stichwort Grönland, aber auch Kanada). Dies drohe auch andere Länder wie Indien oder Pakistan zu ermutigen, „gleiches Recht für alle“ für sich in Anspruch zu nehmen. Rogg wirft den USA auch eine „Abkehr von Demokratie und freiem Welthandel und Nato“ vor. Hinzu komme, dass geografische Grenzen in der modernen Welt viel weniger Bedeutung hätten als früher: „Es ist ein Irrglaube, dass Wüsten und Meere noch Menschen aufhalten.“

Ein düsteres Szenario malte Rogg unter dem Stichwort „Weltwirtschaft unter Druck“: „Wir befinden uns in einem ökonomischen Abstieg. Viele von uns werden den Aufschwung nicht mehr erleben – es geht darum, den Abschwung abzumildern.“

Zudem gerieten „etablierte Normen unter Druck“, zu viele Menschen sagten „früher war alles besser“ und glaubten populistischen Parteien, die sagen: „Wir kriegen die Probleme gelöst.“ Verstärkt werde die wachsenden Unordnung und Unsicherheit noch durch Probleme wie Klimawandel und Demografie.

Die Hauptgefahr allerdings sieht Rogg von der aggressiven Politik Russlands ausgehen. „Spätestens 2014“, also der Besetzung der Krim, hätte Deutschland merken müssen, „dass der Mitspieler nicht mehr da ist“, die Energie-Abhängigkeit von Russland beenden und die eigene Verteidigungsfähigkeit deutlich aufrüsten. Was für Rogg nicht nur eine Materialfrage ist: „Die Aussetzung der Wehrpflicht 2011 war der größte sicherheitspolitische Fehler in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland.“

Fatal sei auch die jahrelange Vernachlässigung des Schutzes kritischer Infrastruktur und vor Cyberangriffen. Die Folge: „Wir sind ständig hybriden Angriffen ausgesetzt“, vor allem aus Russland.

Rogg appellierte „Wir müssen die Bedrohung unsere Sicherheit als real erkennen.“ Die Sorge, dass spätestens 2029 drohe, dass Russland einen Angriff auf ein Nato-Land teste, basiere nicht nur auf Geheimdienst-Informationen, sondern „fußt auch auf dem, was Putins Regierung sagt und schreibt“.

Und angesichts der wachsenden wirtschaftlichen von China müsse Deutschland „höllisch aufpassen, dass wir nicht den gleichen Fehler wie mit Russland begehen“.

Zwischen dem kriegerischen Russland und der jahrzehntelangen Schutzmacht USA, „auf die wir uns nicht verlassen können“, gerate Deutschland in eine gefährliche „Sandwich-Position“, wenn man nicht endlich mehr in die eigene Sicherheit investiere.

Dabei sei aber „das eigentlich größte Problem: Wir haben zu viel Zeit vergeudet.“

Gefragt seien nun Politik UND Bürger: „Verteidigung ist die Aufgabe nicht nur der Bundeswehr – sondern von uns allen!“ So habe er kürzlich einen deutschen Spediteur mit vielen baltischen Lkw-Fahrer gefragt: „Wenn es Krieg im Baltikum gibt, sind deine Leute von heute auf morgen weg, um dort zu kämpfen. Wie läuft dann die Logistik?“ Und ältere Leute sollten untereinander „über vernünftige Vorsorge sprechen“. Außer Wehr- sei auch Zivildienst wichtig: „Die Corona-Pandemie hat gezeigt: Wir brauchen Menschen in vielen Bereichen.“

Bei der Aufrüstung der Verteidigungsfähigkeit solle Deutschland in Europa als „servant leader“ vorangehen – also ohne Großmachtanspruch, aber in Europas Sicherheit dienender Vorbild-Funkt, welche zur Nachahmung anregen könne.

„Mehr Sicherheit kostet mehr“, räumte Rogg ein. Aber ohne solche Investitionen drohe es noch viel teurer zu werden: „Wenn es zu einem Konflikt wie Ukraine/Russland kommt, geht 80 Prozent des Haushalts drauf.“

Um für solche Ausgaben Mehrheiten auch in der Bevölkerung zu überzeugen, gelte es aber Überzeugungsarbeit zu leisten. Um das „Mindset“ zu ändern, seien auch plakative Sätze wie „Ohne mich und „Nie wieder“ nach dem Zweiten Weltkrieg oder auch „Make America Great Again“ wichtig, nannte Rogg allerdings nur zwei aktuell auch seines Erachtens inhaltlich nicht passende Beispiele.

Man müsse zudem erreichen, dass mehr „junge Leute aus Überzeugung zur Bundeswehr gehen – und nicht nur, weil man da einfach einen Führerschein machen kann oder ein paar Numerus-Clausus-Punkte“ für Studium gutmachen kann. Wobei er „durchaus Verständnis“ habe für junge Leute, die sagen: „Ihr habt das Klima versaut, die Rente ist nicht mehr so sicher – und jetzt soll ich noch ein Jahr in einen Wehrdienst investieren, wo es wirklich ernst werden könnte?“ Rogg: „Das muss man erstmal schlucken.“

Aus dem Publikum erhielt Rogg viel Zustimmung, aber auch eine kritische Frage (wozu er ausdrücklich ermuntert hatte): „Eins habe ich in Ihrem Vortrag vermisst: Diplomatie und Verhandlungen.“ Rogg hob deren Bedeutung zwar dann auch hervor. Gab aber zu bedenken, dass diese Strategie gegenüber Russland bislang gescheitert sei. Vor der Vollinvasion in der Ukraine sei ein westlicher Regierungschef nach dem anderen vergeblich „an Putins langen Tisch gereist“, auch danach seien Verhandlungsangebote (er wisse auch von andauernden Kontakten hinter den Kulissen) in Moskau ebenfalls auf Granit gebissen.

Und erst einmal müsse Russland die Kampfhandlungen unterbrechen: „Es gibt kein Beispiel in der Geschichte, wo weitergeschossen wurde während echter Friedensverhandlungen!“ Außerdem bräuchte es – wie erfolgreich in Südafrika – Führungspersönlichkeiten, die zu konstruktiven Verhandlungslösungen willens seien. Rogg plädiert für ein „Grand-Strategy-Project“, ähnlich wie die Abschreckungspolitik mit gleichzeitiger Verhandlungsbereitschaft im Kalten Krieg.

Strahlende Augen bekam Rogg nach all den ernsten Worten direkt nach seinem Vortrag – als ihm Tobias Bodesohn-Walter, Sektionsleiter Zweibrücken der Gesellschaft für Sicherheitspolitk, einen Pfälzer-Spezialitäten-Geschenkkorb überreichte. Rogg linste hinein und rief begeistert: „Pälzer Lewwerworschd – und ein Emmer-Bier!“ Rogg war gerade von einem mehrjährigen – kulinarisch für den Ex-Zweibrücker offenbar nicht ganz befriedigenden – Lehrauftrag-Aufenthalt aus den USA zurückgekehrt.

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