André Schicks, der Geschäftsführer der HSG Krefeld, spricht über den Lizenzierungsstreit und die rechtlichen Möglichkeiten, die der Verein ausschöpfen will.
Interview | Krefeld · André Schicks, der Geschäftsführer der HSG Krefeld, spricht über den Lizenzierungsstreit und die rechtlichen Möglichkeiten, die der Verein ausschöpfen will.
André Schicks will im Lizenz-Streit alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen.
Foto: Ja/Jochmann, Dirk (dj)Der Lizenzstreit zwischen dem sportlichen Zweitliga-Absteiger HSG Krefeld Niederrhein und der HSG Nordhorn-Lingen eskaliert. Die Krefelder haben wegen des Verdachts auf unrichtige Angaben im Lizenzierungsverfahren Strafanzeige erstattet. Ausgang ungewiss. Auf Verbandsebene hatte das zuständige Vertrauensgremium des Handball-Bundesliga e.V. (HBL) die Krefelder Beschwerde gegen die Lizenzerteilung an die HSG Nordhorn-Lingen und Vergabe des Startplatzes aus formellen Gründen zurückgewiesen. Laut des Gremiums habe Krefeld die Frist für das Drittanfechtungsverfahren versäumt. Nun hat der Klub eine einstweilige Verfügung beim Landgericht in Dortmund beantragt. Krefeld beantragt, kurzfristig in erster Linie eine Lizenz für die Spielzeit 26/27 in der 2. Liga erteilt zu bekommen. Die WZ sprach über die Hintergründe mit HSG-Geschäftsführer André Schicks.
Herr Schicks, Hand aufs Herz, spielt die HSG in drei Wochen beim Saisonstart in der zweiten oder dritten Handball-Liga?
André Schicks: Darauf kann ich keine belastbare Antwort geben. Wir glauben an unsere Chance und vertrauen darauf, dass das Landgericht Dortmund unsere Argumente angemessen würdigt. Uns ist klar, dass der Erlass einer einstweiligen Verfügung in diesen Fällen etwas Seltenes ist. Aber die Umstände des Falls sind leider auch sehr außergewöhnlich.
Als dann 19. Zweitligateam?
Schicks: Ja, darauf würde es wohl hinauslaufen.
Gibt es einen Zeitplan, bis wann es eine endgültige Entscheidung geben muss?
Schicks: Die Ligen-Statuten sehen vor, dass bis zum Beginn der Saison, in dem Fall bis zum Start des Spielbetriebs Ende August, eine Entscheidung fallen sollte. Das wäre mehr oder weniger die Deadline, bis wann bei positivem Ausgang für uns eine Eingliederung möglich wäre. Wir beginnen mit den Spielen im DHB-Pokal, da würde sich sowieso nichts ändern aufgrund der tatsächlichen Platzierungen, die es gegeben hat. Der sportliche Ligabetrieb in der zweiten wie in der dritten Liga beginnt eine Woche später.
Die HSG Krefeld ist medial in aller Munde, rund um den Verein hätten sich das viele in einem ganz anderen, vor allem sportlichen Rahmen gewünscht…
Schicks: Ja, das geht uns in der Geschäftsführung natürlich auch so. Mir ist wichtig zu betonen, dass wir nicht ein sportlich negatives Ergebnis, also unseren Abstieg aus der 2. Liga, anfechten. Unsere Intention ist eine Ungerechtigkeit innerhalb des Lizenzierungsverfahrens aufzudecken und damit den fairen sportlichen Wettbewerb langfristig zu ermöglichen und uns wieder auf unsere sportlichen Kernaufgaben zu konzentrieren.
Wie lauten denn nun die genauen Vorwürfe gegenüber Nordhorn-Lingen?
Schicks: Am 17. Juli räumte die HSG Nordhorn-Lingen öffentlich ein, dass sich der Club weiterhin in einer wirtschaftlich herausfordernden Situation befindet. Die Lizenzierungskommission der HBL stellte nicht unerhebliche Abweichungen gegenüber den im Frühjahr 2026 von der HSG Nordhorn im Lizenzierungsverfahren für die Saison 2026/27 gemachten Angaben fest und verhängte diverse Auflagen. Mittlerweile konnten unsere Experten weitere Unterlagen sichten und die zeigen, dass Nordhorn nach aktuellem Stand seit der obligatorischen Nachlizenzierung für die Saison 25/26 falsche Zahlen vorgelegt hat. Nachdem diese im Januar 2026 korrigiert wurden, bröckelte die wirtschaftliche Fassade immer weiter. Trotz Kenntnis der massiven Liquiditätsprobleme des Clubs ist niemand eingeschritten.
Und wie stehen die Chancen für die einstweilige Verfügung?
Schicks: Kommende Woche wird im Landgericht Dortmund öffentlich verhandelt. Den Vorsitz wird nach aktuellem Stand der Richter Dr. Gerhard Klumpe haben. Er kennt sich im Sport bestens aus, er hat die FIFA vor drei Jahren in einem prominenten Kartellrechtsstreit um das neue Spielervermittler-Reglement vorläufig gestoppt und dem Weltverband wie dem DFB untersagt, die umstrittenen Honorarobergrenzen und Lizenzvorgaben anzuwenden.
Die HSG mit dem Vorsitzenden Dr. Simon Krivec und ihnen als Geschäftsführer an der Spitze will Gerechtigkeit, darum bestreiten sie alle rechtlichen Wege?
Schicks: Richtig. Unser erster Schritt war es, das neue Vertrauensgremium der Handball-Bundesliga anzurufen, einerseits mit einem Auskunftsbegehren, um zu erfahren, was in Nordhorn tatsächlich passiert ist, andererseits mit einer Beschwerde gegen die Lizenzerteilung zugunsten der HSG Nordhorn-Lingen, nachdem wir von der öffentlichen Bekanntmachung der HSG Nordhorn-Lingen im Juli erfahren haben. Die Beschwerde wurde mit der Begründung einer Fristversäumnis zurückgewiesen. Zu der von der Liga festgesetzten Frist wussten wir allerdings noch gar nicht, dass Nordhorn massive finanzielle Probleme hatte. Wir haben uns sofort gemeldet, als die Infos vorlagen. Auf unser Auskunftsersuchen erfolgte von Seiten der HBL-Führung keine Reaktion.
Der Fall zwischen Nordhorn und Krefeld wird mit dem Fall Hamburg und dem Bergischen HC aus dem Jahr 2024 verglichen…
Schicks: Da wir nicht beteiligt waren, kann ich die Details nicht vollständig beurteilen. Die Sachlage war aber wohl zumindest vergleichbar. Wir müssen uns darauf verlassen können, dass die HBL die notwendige Chancengleichheit zwischen den Clubs im Lizenzierungsverfahren zu jeder Zeit gewährleistet. Wie der Bergische HC beim HSV Handball haben wir aktuell Zweifel, dass die Kriterien der Lizenzierungsordnung hier zu jederzeit korrekt angewendet wurden.
Aus diesem Grunde wurde nun der zivilrechtliche Weg eingeschlagen?
Schicks: Ja, da uns nach wie vor zentrale Informationen im Zusammenhang mit der Lizenzerteilung an die HSG Nordhorn-Lingen fehlen, müssen wir den Rechtsweg beschreiten, um an sie heranzukommen. Wir haben mit Unterstützung von gleich drei Finanzexperten die wirtschaftlichen Verhältnisse der HSG Nordhorn Lingen detailliert durchleuchtet. Bereits da ergaben sich erhebliche Verdachtsmomente, dass Nordhorn-Lingen bewusst falsche Angaben gemacht hat und das schon im Lizenzverfahren vor der Saison 25/26. Das lief bis jetzt so weiter. Wir wollen über die staatlichen Instrumente rechtliche Aufklärung erreichen, da wir nach unserer Meinung wirtschaftskriminelle Vorgänge auf dem Tisch liegen haben. Darum haben wir eine Strafanzeige gestellt.
Dem jetzt die einstweilige Verfügung folgt?
Schicks: Unser primäres Ziel ist es, in der Saison 2026/27 in der 2. Liga zu spielen. Wir betreten allerdings juristisches Neuland, da es eine vergleichbare, außergewöhnliche Konstellation in Deutschland so kurz vor dem Saisonbeginn noch nicht gegeben hat.
Welche Möglichkeiten bleiben der Handball Bundesliga, wenn der Verfügung entsprochen wird?
Schicks: Entweder sie legen gegen die einstweilige Verfügung Rechtsmittel beim Oberlandesgericht ein oder sie suchen mit uns endlich das Gespräch, denn dann liegt das Heft des Handelns auf der anderen Seite.
Wären Sie und die Mannschaft bereit in der 2. Liga anzutreten?
Schicks: Natürlich sind wir bereit. Unsere Spieler wollen in der 2. Liga spielen. Ich glaube, unser Drittligateam ist schon jetzt in großen Teilen auf einem guten Zweitliganiveau.
Die HSG Krefeld fühlt sich durch die vermeintlich erschlichene Lizenz von Nordhorn-Lingen geprellt. Wie hoch schätzen sie die Schadenssumme?
Schicks: Final lässt sich das noch nicht genau beziffern, das hängt noch von verschiedenen Umständen ab – insbesondere dem Ausgang der rechtlichen Auseinandersetzung. Allein die entgangenen Fernsehgelder und Marketingerlöse liegen bei mindestens 150 000 Euro.