Auf einigen Berliner U-Bahn-Linien fahren spätabends und am Wochenende kürzere Züge als sonst. Die werden dann teils richtig voll, beklagt der Fahrgastverband IGEB. Die BVG sieht kein Problem.
Berliner U-Bahn Fahrgastverband kritisiert BVG für Einsatz von Kurzzügen
Es ist ein ganz besonderes Naturschauspiel, das sich spätabends oder an Wochenenden immer mal wieder in Berliner U-Bahnhöfen zeigt: Wenn ein Zug einfährt, geht das große Gerenne los. Denn dann sind die U-Bahnen kürzer. Und Menschen, die warten, wo sonst die letzten Wagen halten, sehen die Bahn an sich vorbeirauschen.
Solche Szenen gibt es auf manchen Linien öfter, auf anderen dagegen kaum, weil nicht auf allen Strecken gleichviele Kurzzüge eingesetzt werden. Vor allem auf den Großprofil-Linien U5 bis U9 fahren zu bestimmten Zeiten fast ausschließlich kürzere Bahnen. Für Christian Linow vom Fahrgastverband IGEB ist klar: "Die BVG setzt zu oft Kurzzüge ein – und die sind dann meist zu voll."
Auch einige Fahrgäste, mit denen rbb|24 stichprobenartig gesprochen hat, bestätigen solche Eindrücke. Welch neuralgisches Thema Kurzzüge sein können, zeigt der Blick in ein Online-Forum zum Berliner Nahverkehr. In einer Diskussion über den Linienverlauf der U1 ging es plötzlich in Dutzenden Posts nur noch um überfüllte Kurzzüge. Ein Nutzer schilderte ein besonders drastisches Erlebnis von einem Sonntagabend aus der U5: "Am U Unter den Linden kamen nicht mehr alle mit, natürlich sammelte der Zug dann Verspätung." [bahninfo-forum.de]
Fahrgastverband spricht von BVG-"Milchmädchenrechnung"
Die BVG rechtfertigt den Einsatz von Kurzzügen am späten Abend und am Wochenende mit einer niedrigeren Auslastung ihrer Bahnen: "In den genannten Zeiten sind die Fahrgastzahlen durchschnittlich um ca. 80 Prozent geringer als in den Hauptverkehrszeiten", teilt Markus Falkner, Sprecher der BVG, auf Anfrage von rbb|24 mit.
"Das ist eine absolute Milchmädchenrechnung", entgegnet Christian Linow: "Gleichzeitig wird nämlich auch der Takt ausgedünnt." Statt alle vier oder fünf Minuten – wie in der Hauptverkehrszeit – fahren die Bahnen nachts und am Wochenende oft nur alle zehn oder 15 Minuten. "Wir haben dadurch also ohnehin schon deutlich weniger Kapazität auf der Schiene." Wenn die BVG dann auch noch Kurzzüge einsetze, seien schnell alle Plätze belegt.
Dass Kurzzüge sehr voll sind, ist schließlich auch zu Zeiten möglich, an denen im Durchschnitt weniger Fahrgäste kommen.
Am Wochenende häufiger Kurzzüge als unter der Woche
Das Land Berlin gibt der BVG nur in der Hauptverkehrszeit vor, wie lang ihre Züge sein sollen – also Montag bis Freitag von 6 bis 9 Uhr und zwischen 14 und 19 Uhr. "Außerhalb der Hauptverkehrszeit gibt es keine vertragliche Vereinbarung über den Einsatz bestimmter Fahrzeuggrößen", schreibt der Sprecher der Senatsverkehrsverwaltung, Michael Herden, auf rbb|24-Anfrage.
Christian Linow vom Berliner Fahrgastverband IGEB sagt: "Diese vertragliche Lücke nutzt die BVG in den Abend- und Nachtstunden konsequent aus – auf Kosten des Komforts der Fahrgäste."
Unter der Woche fahren laut BVG bei der U-Bahn am frühen Morgen – bis circa 5:15 Uhr – und am späten Abend Kurzzüge – je nach Linie ab 21, 22 oder 22:30 Uhr. Am Wochenende passiert das deutlich häufiger: Die Verkehrsbetriebe nennen vormittags, abends und nachts als Zeiträume, in denen verkürzte U-Bahnen unterwegs sind. Die Verkehrsverwaltung schreibt, dass ihr bisher keine Beschwerden zu den Kurzzügen bekannt seien. Auch "die vorliegenden Auslastungsdaten spiegeln die Fahrgastbeschwerden über sehr volle Züge nicht wider", so Sprecher Herden.
BVG: Zuglängen werden "gegebenenfalls" angepasst
Aus der Sicht von Christian Linow zeigen die fehlenden Beschwerden jedoch nicht, dass Kunden zufrieden seien. Sondern vielmehr, wie schwer es für Fahrgäste sei, mit Kritik durchzudringen: "Die Dunkelziffer der unzufriedenen Fahrgäste dürfte enorm sein."
Die BVG sieht es ähnlich wie die Verkehrsverwaltung: Einen generellen Bedarf zum Einsatz längerer Züge gab und gebe es bisher nicht, schreibt Markus Falkner. Bei angekündigten Großveranstaltungen fahre die BVG jetzt schon statt mit kurzen Zügen mit normallangen. Und Falkner gibt ein vages Versprechen ab: "Wenn sich im Regelbetrieb stabil neue Bedarfe zeigen, werden Fahrpläne und Zuglängen gegebenenfalls auch angepasst."
Lange Züge auf der U1 trotz weniger Fahrgäste
Es gibt für die BVG aber durchaus Anreize, kürzere Bahnen einzusetzen. Ein Kurzzug auf den Großprofil-Linien U5 bis U9 verbrauche im Durchschnitt 20 bis 30 Prozent weniger Energie, schreibt Sprecher Falkner.
Kurzzüge einzusetzen hat auch Auswirkungen auf die Wartungsintervalle der U-Bahnflotte. Wagen, die abgekuppelt werden und quasi übrigbleiben, wenn ein Kurzzug gebildet wird, fahren dann natürlich weniger. "Sie müssen dadurch erst später zu den vorgeschriebenen Frist-Untersuchungen in die Werkstätten und werden generell weniger 'abgenutzt'", so Falkner. Gerade weil der Wagenpark der BVG immer noch aus vielen alten Zügen bestehe und die Werkstätten deshalb stark ausgelastet seien, bedeute der Einsatz von Kurzzügen auch eine Entlastung.
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Umso erstaunlicher ist, dass die U1 derzeit oft nicht als Kurzzug unterwegs ist, obwohl sie seit Mitte Juni nur noch zwischen Uhlandstraße und Nollendorfplatz fährt anstatt bis zur Warschauer Straße. Allgemein gilt: Je kürzer eine Linie ist, desto weniger Fahrgäste hat sie tendenziell. Menschen, die längere Strecken zurücklegen müssen, suchen dann andere Optionen.
Auf der U5 sollen Kurzzüge ab 2029 Vergangenheit sein
Das zeigt sich bis heute auf der U4 mit nur fünf Stationen. Auch in den langen Zügen der verkürzten U1, die derzeit nur vier Bahnhöfe bedient, sind an einem Montagabend nur wenige Fahrgäste zu sehen. "Hier wären Kurzzüge mal sinnvoll", sagt IGEB-Sprecher Christian Linow. "Wir würden uns wünschen, dass die BVG mit der Verkehrsverwaltung in Kontakt tritt und das anders verteilt wird."
Zumindest auf einer U-Bahn-Linie sind die Tage der Kurzzüge jetzt schon gezählt: Auf der U5 sollen ab 2029 nur noch Bahnen in voller Länge fahren. Der Grund: Bis 2029 bekommt die Linie das neue Zugsicherungssystem CBTC. "Ein Kuppeln unter CBTC-Bedingungen ist grundsätzlich möglich, aber um ein Vielfaches aufwändiger als bei anderen Fahrzeugen", erklärt BVG-Sprecher Falkner. Darum hätten sich die Verkehrsbetriebe für den Einsatz durchgängiger Züge entschieden. Und Falkner beteuert: "Die neuen Fahrzeuge sind dabei trotzdem energiesparender und wartungsärmer unterwegs als die älteren Wagen."
Sendung: rbb|24, 27.07.2026, 06:01 Uhr
Audio: rbb|24, 27.07.2026, Stefan Ruwoldt im Gespräch mit Klaas-Wilhelm Brandenburg
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