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Rechenzentrum im Spreewald: Nett hier. Aber waren Sie schon mal in Lübbenau?

Дата публикации: 22-06-2026 15:17:24

Noch vor wenigen Jahren war Lübbenau vor allem für Gurken, Kähne und den Spreewald bekannt. Nun soll dort eine der leistungsfähigsten Digital-Infrastrukturen Europas entstehen. Kann ein Rechenzentrum eine Region verändern?


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Rechenzentrum im Spreewald Nett hier. Aber waren Sie schon mal in Lübbenau?

Archivbild: Mehrere Kräne stehen auf der großen Baustelle für ein Rechenzentrum der Schwarz-Gruppe. (Quelle: dpa/Pleul)
Archivbild: Mehrere Kräne stehen auf der großen Baustelle für ein Rechenzentrum der Schwarz-Gruppe. (Quelle: dpa/Pleul)

Wenn in Deutschland jemand eine Stadt nach seinen Vorstellungen umbaut, dann ist das – im Vergleich etwa zu saudischen Megaprojekten – meist eher unauffällig. Der Milliardär Dieter Schwarz macht das seit Jahren in Heilbronn.

Ein Innovationspark Künstliche Intelligenz hier, ein Experimenta Science Center da, ein Bildungscampus samt Gründungszentrum der TU München und Einrichtungen der ETH Zürich ein wenig weiter: schon entsteht in einer sonst unscheinbaren 130.000 Einwohner Stadt in Baden-Württemberg ein Bildungs- und KI-Ökosystem, das in Europa seinesgleichen sucht.

Möglich macht das der zurückgezogen lebende Milliardär Dieter Schwarz über seine Stiftung und sein Handelsimperium. Die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören, hat Heilbronn in den vergangenen Jahren vermutlich stärker geprägt als SAP-Co-Gründer Hasso Plattner Potsdam.

Investieren tut Schwarz allerdings nicht nur in seine Heimatregion am Neckar. Sondern neuerdings auch im Spreewald.

"Prädestiniert" für ein Rechenzentrum

Das geplante Rechenzentrum der Schwarz Gruppe in Lübbenau für rund elf Milliarden Euro ist längst eines der größten Industrieprojekte Brandenburgs. Bis zu 100.000 KI-Spezialchips (GPUs) können dadurch künftig am Rande des Spreewalds installiert werden. Zum Vergleich: Das neue Rechenzentrum, das die Deutsche Telekom und Nvidia derzeit in München bauen, soll mit 10.000 GPUs laufen.

Dass die Wahl auf Lübbenau fiel, wirkt auf den ersten Blick überraschend. Zwischen Gurkenfeldern, Kahnhäfen und ehemaligen Tagebauen vermuten die Wenigsten den nächsten Hotspot der digitalen Wirtschaft. Doch auf dem über 13 Hektar großen Gelände des ehemaligen Braunkohlekraftwerks findet sich alles, was man für ein Rechenzentrum braucht.

"Der Standort Lübbenau war insofern prädestiniert aufgrund des ehemaligen Kohleabbaugebietes, aufgrund der vorhandenen möglichen Kühlung über die Wassermengen, die dort eben durch den Kohleabbau auch da sind, dass wir gesagt haben: Wir haben hier direkt den Energieknotenpunkt, den wir brauchen", sagt Claudia Alsdorf von Schwarz Digits dem rbb am Rande der Technology Experience Convention in Heilbronn (Tech), einer Messe, die der Konzern zusammen mit dem Handelsblatt initiiert hat.

Stellungnahme von Schwarz Digits zur Kühlung des Rechenzentrums

Schwarz Digits teilte auf Nachfrage mit, dass für die Kühlung des Rechenzentrums in Lübbenau kein Trinkwasser eingesetzt werden solle. Geplant sei eine sogenannte Trockenkühlung, wodurch der Betrieb unabhängig von der lokalen Wasserversorgung sei.

Weiter heißt es, die Server würden mit einer "Direct Liquid Cooling"-Technologie ausgestattet. Die Kühlung erfolge dabei über die Umgebungsluft. Die entstehende Abwärme mit Temperaturen von bis zu 50 Grad Celsius solle in das Fernwärmenetz des regionalen Energieversorgers Süll eingespeist und an Fernwärme-Kunden in Lübbenau und Umgebung verteilt werden. Nach Angaben des Unternehmens könne die dabei bereitgestellte Wärme theoretisch bis zu 75.000 Haushalte versorgen.

Grafik: Experimenta-Heilbronn. (Quelle: experimenta.science/M. Stark) Grafik: Experimenta-Heilbronn. (Quelle: experimenta.science/M. Stark)

Die Sache mit dem Strom

Wenn man über große Rechenzentren spricht, muss man immer auch die entsprechenden physischen Standortfaktoren berücksichtigen und die sind inzwischen zu einem knappen Gut geworden.

Ökonom Jan Schnellenbach von der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg (BTU) verweist darauf, dass viele Regionen längst an ihre Grenzen stoßen. "In den großen Städten, ist es gar nicht so leicht, überhaupt noch den Stromanschluss zu kriegen, um da ein eben sehr energieintensives Rechenzentrum ans Netz zu bringen."

Große Rechenzentren benötigten eben enorme Mengen Energie. "Und in Lübbenau haben wir noch Netzkapazitäten, da besteht noch ein Anschluss von früheren Kraftwerksplanungen und der kann problemlos genutzt werden."

Ein ChatGPT für Unternehmen

Die eigentliche Dimension des Projekts erschließt sich allerdings erst beim Blick auf die jüngsten Investitionen der Schwarz-Gruppe. Der Konzern hat erst im April 500 Millionen Euro in das kanadische KI-Unternehmen Cohere investiert. Cohere entwickelt große Sprachmodelle für Firmen und Behörden: eine Art ChatGPT für Unternehmen. Durch den Zusammenschluss mit der Heidelberger KI-Hoffnung Aleph Alpha entsteht daraus ein Akteur, der ausdrücklich als europäisch-kanadische Alternative zu den großen amerikanischen KI-Konzernen auftreten will.

Cohere-Chef Aidan Gomez, den der rbb auf der Tech in Heilbronn getroffen hat, spricht von einem Unternehmen mit "zwei Pässen". "Ich möchte, dass wir ein Champion für Kanada und Europa sind." Nach dem Zusammenschluss werde Cohere sowohl in Kanada als auch in Deutschland zuhause sein. Zu lange, so Gomez, habe sich technologische Entwicklung auf wenige Regionen der Welt konzentriert. Europa müsse wieder eigene Fähigkeiten aufbauen, eigene Anbieter hervorbringen und eigene Infrastruktur schaffen.

Den Begriff dafür liefert der Kanadier gleich selbst mit: "Techno-Patriotismus".

Wenn Künstliche Intelligenz künftig für Wirtschaft, Verwaltung und Sicherheit so wichtig werde wie heute Strom oder Telekommunikation, argumentiert Gomez, dann dürften sich Staaten nicht von einzelnen Anbietern abhängig machen. Es brauche Alternativen.

Eins und eins

Die Schwarz-Gruppe investiert also in Rechenleistung und in künstliche Intelligenz. Beides zusammen könnte genau jene Infrastruktur schaffen, die eine Alternative zu amerikanischen KI-Konzernen benötigt.

Wer eins und eins zusammenrechnet, könnte meinen, dass in Lübbenau gerade das Herzstück einer europäisch-kanadischen KI-Allianz entsteht. Werden künftig am Rande des Spreewalds jene Modelle trainiert und betrieben, die Behörden, Banken oder Unternehmen in Europa nutzen?

Bei Schwarz beginnt die Antwort mit einem "Naja". Claudia Alsdorf möchte Lübbenau nicht zum künftigen Zuhause einer bestimmten KI erklären. Digitale Souveränität bedeute schließlich auch Dezentralisierung. Wer Infrastruktur konzentriere, schaffe neue Risiken, Angriffsflächen. "Jetzt zu sagen, Lübbenau wird das Zentrum genau für diese Anwendung, würde ich so niemals sagen", erklärt sie. Welche Anwendungen in Lübbenau später laufen, entscheide am Ende der Markt – und vor allem die Kunden.

Lübbenau, das neue Heilbronn?

Für die Lausitz bleibt eine Frage dennoch spannend. Kann aus einem Rechenzentrum mehr entstehen? Kann Lübbenau für Brandenburg das werden, was Heilbronn heute für Baden-Württemberg ist?

Jan Schnellenbach von der BTU hält das zumindest theoretisch für denkbar. Auch in der Lausitz werde zu künstlicher Intelligenz geforscht. Kooperationen zwischen Wissenschaft und Schwarz Digits seien grundsätzlich möglich. Realistisch betrachtet sieht er den Schwerpunkt des Konzerns jedoch anderswo. "Wenn es um Forschung, Entwicklung, um Programmierung geht, liegt der Schwerpunkt für Schwarz, glaube ich, dann doch am Hauptstandort in Heilbronn, an der Unternehmenszentrale – da wo man auch mit erheblichen Mitteln einen Universitätsstandort aufgebaut hat."

Kein Spreewald Valley

Für Lübbenau sieht Schnellenbach eine andere Rolle – auf der Infrastrukturseite. Das Rechenzentrum könne dazu beitragen, dass Daten europäischer KI-Anwendungen in Europa verarbeitet werden und nicht auf außereuropäischen Servern landen. Das sei schon ein positiver Beitrag, aber: "Man darf sich keine falschen Hoffnungen machen, dass hier ein Silicon Valley entstehen wird."

Lübbenau wird also vermutlich weder zum Spreewald Valley noch zu einem Heilbronn des Ostens. Aber zu etwas, das Europa mindestens genauso dringend braucht: Der Maschinenraum, an dem die Rechenleistung für die nächste Generation künstlicher Intelligenz bereitsteht.

Zumindest bis der erste Milliardär aus Lübbenau kommt.

Sendung: rbb24 Inforadio, 19.06.2026, 10:35 Uhr

Audio: rbb24 Inforadio, 19.06.2026, Efthymis Angeloudis

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