Mindestens 750 Millionen Euro soll der Neubau des Potsdamer Bergmann-Klinikums kosten. Einen Teil davon könnte die Bundeswehr beisteuern – wenn das Krankenhaus im Verteidigungsfall auch verwundete Soldaten versorgt. Gespräche darüber laufen bereits.
Krankenhaus für den Ernstfall Bundeswehr könnte Klinik-Neubau in Potsdam mitfinanzieren
Von Felix Moniac
Das Klinikum Ernst von Bergmann (EvB) in Potsdam soll einen Neubau erhalten – und der könnte auch mit finanziellen Mitteln der Bundeswehr zustande kommen. Denn Potsdam liegt nach Darstellung der Klinikleitung im Kriegsfall strategisch günstig, um verletzte Soldaten einer denkbaren Front im Osten zu versorgen. Das sagte EvB-Geschäftsführer Tomislav Gmajnic bei der Vorstellung der aktuellen Pläne am Mittwoch im Hauptausschuss.
Die Überlegungen sind einerseits noch vage, andererseits sehr handfest: Ein Neubau kostet mindestens 750 Millionen Euro – Geld, für das das kommunale Klinikum nach zusätzlichen Geldgebern sucht.
OP-Säle in der Tiefgarage
Gmajnic sagte, Potsdam würde, da die Stadt "relativ nah an einer möglichen Ostgrenze" liege, im Ernstfall auch mit Verletzten von der Front konfrontiert werden, "die auch zum Teil bei uns behandelt werden müssten". Dafür brauche es zusätzliche Kapazitäten. "Und diese zusätzlichen Kapazitäten könnte man beispielsweise gemeinsam mit der Bundeswehr bei uns errichten", so Gmajnic.
In Friedenszeiten könnten diese Bereiche anders genutzt werden, in einem möglichen Kriegsszenario ließe sich aber sofort umschalten, "um dann in der Tiefgarage beispielsweise OP-Flächen zu generieren oder auch nochmal Betten aufzustellen für verletzte Soldaten".
Deutschland als Drehscheibe: der Operationsplan
Hintergrund der Überlegungen ist der Operationsplan Deutschland, ein weitgehend geheimes Strategiepapier der Bundeswehr, das die Verteidigung Deutschlands und die zivil-militärische Zusammenarbeit im Krisen- oder Verteidigungsfall regelt. Deutschland wäre demnach vor allem Drehscheibe für Truppen und Material der Nato – und damit auch für den Rücktransport von Verwundeten. Welche Rolle einzelne Krankenhäuser wie das EvB dabei konkret spielen sollen, ist öffentlich nicht bekannt.
Im rbb-Interview sagte Gmajnic am Donnerstag dazu: "Es gibt schon konkrete Überlegungen der Bundeswehr, mit welcher Anzahl von Verwundeten zu rechnen ist, wenn es tatsächlich zu einem Kriegsfall käme. Diese Zahlen liegen derzeit noch nicht öffentlich vor, werden aber diskutiert." Betroffen wären demnach vor allem Krankenhäuser in den östlichen Bundesländern.
Klinik bestätigt Gespräche mit der Bundeswehr
"Wir planen das Krankenhaus grundsätzlich unter den Gesichtspunkten der Resilienz", sagte Gmajnic. Teile des Neubaus sollen als sogenannte Dual-Use-Flächen entstehen, "die natürlich auch militärisch genutzt werden können". Man stehe "im Austausch mit der Bundeswehr bezüglich einer möglichen Mitnutzung des Krankenhauses" – und könne sich vorstellen, dass sich diese "an der Finanzierung zum kleinen Teil mitbeteiligen kann". Konkrete Summen nannte Gmajnic nicht. Welche Bedarfe tatsächlich bestehen, soll erst eine Machbarkeitsstudie klären.
In der Stadtpolitik stößt das Vorhaben auf ein geteiltes Echo. Klare Ablehnung kommt von der Linken. "Ein kommunales Krankenhaus muss zivile Gesundheitsversorgung bieten, immer und vorrangig. Das ist das Allerwichtigste", sagte Fraktionschef Tobias Woelki dem rbb. Die militärische Versorgung sei nicht Aufgabe eines kommunalen Krankenhauses.
Problematisch ist aus Sicht der Linken, dass die Versorgung der Zivilbevölkerung im Zweifelsfall hinter militärische Belange zurücktrete. In den noch groben Plänen gehe es vor allem um Räume für die Bundeswehr – zusätzliches Personal sei nicht vorgesehen, sodass den Ärzten weniger Zeit für die eigentlichen Aufgaben bleibe. "Die Militarisierung solcher Aufgaben" lehne seine Fraktion grundsätzlich ab, so Woelki.
Neun Etagen, 650 Betten, zehn Jahre
Ganz anders die CDU. "Ich finde, es ist eine sehr gute Idee. Wir sollten schauen, wie wir den Klinikneubau auf feste Füße stellen", sagte Fraktionschef Clemens Viehrig. Synergien mit der Bundeswehr seien "ein gangbarer Weg" – besser, als in einer Krise parallele Strukturen aufzubauen, die sich gegenseitig Ressourcen wegnähmen. Dass ein solcher Standort Potsdam zum strategischen Ziel machen könnte, glaubt Viehrig nicht: Mit Landtag und Landesregierung sei die Stadt ohnehin exponiert. Zudem gehe er davon aus, dass auch im Krisenfall die Genfer Konventionen gälten und Krankenhäuser von Kriegshandlungen ausgespart blieben.
Grünen-Fraktionschefin Silke Reimer verweist darauf, dass über eine Einbindung des EvB in den Operationsplan nicht in Potsdam entschieden werde, sondern auf Bundesebene. Sie gehe davon aus, dass die Landeshauptstadt "mit der Nähe zum Osten von Europa" daran beteiligt sein werde – und müsse. Dann allerdings sei es für sie "selbstverständlich", dass sich die Bundeswehr an der Finanzierung beteilige – "mindestens in dem Umfang", wie dem Klinikum Extrakosten entstünden.
Gebaut wird in zwei Bauabschnitten
Unabhängig von der Bundeswehr-Frage sehen die vorgestellten Pläne einen kompakten Neubau am bestehenden Campus in der Innenstadt vor: bis zu neun Etagen, rund 650 Betten – statt heute etwa 1.100, weil künftig immer mehr Patienten ambulant behandelt würden, so Gmajnic.
Gebaut werden soll in zwei Bauabschnitten bei laufendem Klinikbetrieb; entstehen könnte das neue Haus in den nächsten zehn Jahren. Zustimmen müssen noch der Aufsichtsrat des Klinikums und am Ende die Stadtverordneten.
Sendung: rbb24 Brandenburg Aktuell, 11.06.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb24 Brandenburg Aktuell, 11.06.2026, Karsten Blumenthal/Felix Moniac
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