Am Scharmützelsee beginnt am Sonntag eine dreitägige Wirtschaftskonferenz mit hochkarätiger Besetzung. Wirtschaftslenkerinnen und -lenker sorgen sich, dass der Aufholprozess ins Stocken gerät. Auch wegen der politischen Radikalisierung.
Bad Saarow Ostdeutsches Wirtschaftsforum debattiert über "neue (Un)Ordnung"
Von Thomas Bittner
Was braucht man für ein erfolgreiches Wirtschaftsforum? Einen guten Ort mit spektakulärer Naturkulisse, eine Hotelanlage mit Platz für kleine und große Runden, die Zusage von Spitzenmanagern und -politikern, ein finanzielles Polster beim Veranstalter. Und natürlich eine Agenda mit aktuellen Themen und Herausforderungen.
Was sich im Großen als World Economic Forum im schweizerischen Davos zum Stelldichein der Wirtschafts- und Politikelite entwickelte, soll im Kleinen als Ostdeutsches Wirtschaftsforum (OWF) in Bad Saarow (Oder-Spree) für Schlagzeilen sorgen. Vor zehn Jahren fand das "Davos des Ostens" zum ersten Mal statt. Die Initiative "Land der Ideen", getragen vom Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), lädt am Sonntag wieder für drei Tage in ein Vier-Sterne-Hotel am Scharmützelsee, dem "Märkischen Meer", um den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland zu bewerben. Wobei es in der Jubiläumsausgabe eher darum geht, in der derzeitigen Unordnung der Weltwirtschaft einen Platz für Ostdeutschland zu finden.
Gedämpfte Stimmung bei Entscheidern
"Eine neue (Un)Ordnung" ist das Motto. Der Osten Deutschlands hat zwar weiterhin viel Potenzial, heißt es bei den Veranstaltern. Bei Erneuerbaren Energien, der Halbleiterindustrie und in der Rüstungswirtschaft, die eine zunehmende Bedeutung bekommt, sehen Unternehmerinnen und Unternehmer die größten Wachstumschancen. Aber die Stimmung bei den Entscheiderinnen und Entscheidern passt nicht dazu.
Im Vorfeld des Forums wurden 1.500 privatwirtschaftliche Unternehmerinnen und Unternehmer repräsentativ vom Markt- und Meinungsforschungsinstitut Civey befragt. 49 Prozent der Befragten dieses "Transformationsbarometers" beurteilt die aktuelle wirtschaftliche Lage im Osten negativ, vor einem Jahr waren es 45 Prozent.
Ostdeutschland punktet laut Barometer zwar mit verfügbaren Flächen für neue Industrie, mit guter Verkehrsanbindung, auch mit Nähe zu Wissenschaft und Forschung sowie erstaunlicherweise mit immer noch gut verfügbaren Fachkräften. Dennoch plant ein Viertel der Unternehmer in den kommenden drei Jahren keine neuen Investitionen, ein weiteres Viertel will lediglich auf aktuellem Niveau investieren.
Verliert die ostdeutsche Wirtschaft den Anschluss?
Eigentlich ist der Aufholprozess des Ostens eine Erfolgsgeschichte. Unmittelbar nach der Wiedervereinigung lag die Wirtschaftsleistung bei nur einem Drittel des Westniveaus, vor zehn Jahren schon bei 78 Prozent und heute bei rund 85 Prozent. Doch die ostdeutsche Wirtschaft droht den Anschluss zu verlieren. Das sagt ein neuer "Wettbewerbsreport Ostdeutschland 2026", der von einem "Saarower Kreis" ostdeutscher Wirtschaftsverbände, erstmals für das OWF vorbereitet wurde.
Zwischen 2019 und 2023 lagen die privaten Investitionen pro Einwohner im Osten nur bei gut drei Vierteln des westdeutschen Niveaus. Und der demografische Wandel schlägt im Osten besonders zu. Im Jahr 2035 wird es sieben Prozent weniger Menschen im Erwerbsalter geben, in einigen Ländern wie Sachsen-Anhalt und Thüringen sinkt die Zahl sogar deutlich stärker. Gleichzeitig wandern viele junge, gut ausgebildete Menschen immer noch in andere Bundesländer ab.
Die Entwicklung im Osten ist nicht einheitlich. Brandenburg wächst stark, besonders im Berliner Umland, in der Flughafenregion und durch Industrieansiedlungen wie die Tesla-E-Auto-Fabrik in Grünheide. Doch das täuscht über die Struktur der Wirtschaft hinweg. Sie ist kleinteilig, die Masse der Betriebe hat nicht mehr als zehn Mitarbeitende und weniger als zwei Millionen Euro Umsatz.
"Herbst der Reformen" kommt nicht überall an
Die Wirtschaft wünscht sich Investitionen. Aber vor allem: Verlässlichkeit. Die Wunschliste kennt man: Bürokratie abbauen, Energiekosten und Steuern senken. So sagt es das Transformationsbarometer.
Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Bundesregierung kommen nicht an. 53 Prozent der Befragten spüren keine positiven Effekte im eigenen Betrieb, 28 Prozent sehen für ihr Unternehmen überhaupt keine relevante Weichenstellung seit Jahresbeginn 2026. Im "Herbst der Reformen" von Kanzler Friedrich Merz (CDU) sind offensichtlich zu wenig Blumen gesät worden, die im Bad Saarower Frühling blühen könnten.
Die ostdeutschen Wirtschaftsbosse können auf dem Forum am Scharmützelsee nun ihre Kritik direkt adressieren. Nach Bad Saarow kommt nicht nur die die gesamte Riege der ostdeutschen Wirtschaftsministerinnen und Wirtschaftsminister. Auch Bundeskanzler Merz, Digitalminister Karsten Wildberger (CDU) und die Ostbeauftragte der Bundesregierung Elisabeth Kaiser (SPD) haben sich angekündigt. Die nach ihrer China-Reise erkrankte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) lässt sich von der Parlamentarischen Staatssekretärin Gitta Connemann (CDU) vertreten.
Radikalisierung als Risiko
Der Brandenburger Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) eröffnet am Sonntag das Forum am See. Auch die Regierungschefs der Nachbarländer, Manuela Schwesig (SPD) aus Mecklenburg-Vorpommern, und Sven Schulze (CDU) aus Sachsen-Anhalt diskutieren am Sonntag und Montag mit den Forumsteilnehmern.
Die beiden stehen in diesem Jahr vor einer besonderen Herausforderung. Im September wird im Osten gewählt, die AfD ist in beiden Ländern stark. Viele befürchten im Osten Deutschlands eine Erosion der Demokratie. Für Unternehmerinnen und Unternehmer ist das auch ein handfestes Standort- und Wirtschaftsrisiko: Fachkräfte könnten wegbleiben, Investitionen ausbleiben. Fast jeder zweite befragte privatwirtschaftliche Entscheider ist der Meinung, dass die politische Radikalisierung die Attraktivität Ostdeutschlands als Standort stark beeinflusst.
Ostdeutsche Unternehmenslenkerinnen und -lenker wollen deshalb das OWF nutzen, um auf die Verantwortung der Wirtschaft aufmerksam zu machen. Eine Initiative "Unternehmen für Demokratie" stellt sich vor. Ohne die AfD namentlich zu benennen, stellen sich die Firmenchefs in einer Erklärung "jenen entschieden entgegen, die nicht länger 'in' der Demokratie offen streiten wollen, sondern 'gegen' die offene Demokratie." Es soll auch nicht bei Worten bleiben. In einem Workshop soll es auch darum gehen, was Unternehmen für eine demokratische Kultur im Alltag tun können: Dialogformate im Werk, Medienkompetenz-Trainings für Beschäftigte.
Wahlempfehlungen wollen die Bosse nicht geben. In der Erklärung heißt es aber: "Für die Regierungsbildung können wenige Stimmen viel bewirken. Wer die Demokratie erhalten will, sollte die Chance nutzen."
Es geht in Bad Saarow eben darum, die "neue (Un)Ordnung" ins Visier zu nehmen.
Sendung: rbb|24, 31.05.2026, 07:09 Uhr
Audio: rbb|24, 31.05.2026, Martin Adam
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