Am Mittwoch besprechen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik, wie es im Holzbau schneller vorangehen kann. Der Stoff ist viel weniger klimaschädlich als Beton, aber auch etwas teurer. Berlin war im Ländervergleich mal vorne dabei.
Holzbau in Berlin und Brandenburg Klimaretter Holzhaus? Wie weit Berlin und Brandenburg damit gekommen sind
Von der Straße aus wirkt das Haus am Waldrand wie ein Schatten zwischen den Kiefern: schwarze Holzfassade, schmale Fensterbänder, davor ein schmaler Pool und zwei grüne Liegen. Drinnen weiße Wände, helle Böden, große Fenster, Designlampen. Josephine Bauer und Philipp Kühn leben hier in Brandenburg in einem Haus, das fast komplett aus Holz besteht - nur das Fundament ist Beton. "Es war schon eine bewusste Entscheidung für das Klima", sagt Bauer. Als Hauptargument nennt Kühn, dass Holz ein ressourcenschonender, nachwachsender Rohstoff sei.
Das Haus von Josephine Bauer und Philipp Kühn in Brandenburg (Quelle: rbb).
Drinnen merkt man von der anderen Bauart nichts. Die Wände verputzt, die Böden wie in jedem anderen Neubau, nichts riecht nach Blockhütte. Gekostet hat das Ganze eine knappe Million Euro, finanziert mit einem hohen Kredit – das können sich viele nicht leisten. Dafür konnte das Holzhaus viel schneller gebaut werden als mit Betonbauweise. Durch eine Wärmepumpe und eine gute Dämmung soll das Ganze langfristig bezahlbar sein, sagt Kühn. "Wir haben hier 170 Quadratmeter und bezahlen im Schnitt so 60 Euro für Heizung und Warmwasser im Monat."
Die Eltern von zwei Kindern haben vor allem aus Überzeugung mit Holz gebaut, sagen sie - und sie haben ein entsprechendes finanzielles Polster. Andere Bauherren schätzen den Aufpreis für Holzbau im Vergleich zum Bauen mit Beton im Gespräch mit dem rbb auf 15 bis 20 Prozent.
Josephine Bauer und Phillipp Kühn haben sich bei ihrem Einfamilienhaus in Brandenburg für eine Holzbauweise entschieden (Quelle: rbb).
"Holzbau-Gipfel" am Mittwoch in Berlin
Am Mittwoch diskutieren Bund, Länder und Forschung bei einem “Holzbau-Gipfel”, wie der Holzbau schneller vorankommen kann. Der Anlass drängt, denn die Zementindustrie verursacht weltweit sieben bis acht Prozent des CO₂-Ausstoßes, während ein wachsender Baum Kohlendioxid bindet und eine Wand aus Holz es weiter speichert.
Die Bundesregierung hat 2023 deshalb eine Holzbauinitiative beschlossen. Sie soll den Einsatz von Holz bis 2030 deutlich erhöhen, den Rohstoff effizienter nutzen und vorgefertigtes, modulares Bauen mit Holz voranbringen.
Auch Berlin und Brandenburg haben es zum Ziel erklärt, mehr Holz zu verbauen. Der Landesbeirat Holz erinnert regelmäßig daran, dass der Bau von Gebäuden rund 30 Prozent der deutschen CO₂‑Emissionen verursacht – und dass jeder Holzbau als Speicher wirkt.
Trotzdem geht es nur langsam voran. Bundesweit liegt die Holzbauquote im Neubau von Wohngebäuden bei rund 22 Prozent, bei Nichtwohngebäuden – also etwa Schulen und Kitas – bei gut 23 Prozent. In Mehrfamilienhäusern erreicht Holz gerade einmal gut acht Prozent der Genehmigungen.
In Berlin ist der Anteil noch deutlich niedriger: Bei genehmigten Mehrfamilienhäusern kam Holz 2024 auf nur 5,4 Prozent. "Von jährlich etwa 600 Mehrfamilienhäusern in Berlin wurden in den letzten zehn Jahren durchschnittlich nur 25 Gebäude in Holzbauweise errichtet", bilanziert der Landesbeirat Holz.
Vorzeigeschule aus Holz
Neuruppin, Wilhelm‑Gentz‑Grundschule: Von außen ein langgestreckter Bau mit unbehandelter Lärchenfassade, silbrig verwittert, davor Fahrradständer, rote Stelen, ein DDR‑Mosaik am Eingang. Innen eine große Holztreppe, auf der Kinder sitzen und lesen können, Decken mit Holzlamellen, dahinter Betonwände und Lüftungskanäle.
Die Stadt hat hier ein altes DDR‑Schulgebäude umgebaut, Teile abgerissen, anderes weitergenutzt und mit Holzmodulen erweitert. "Wir wollten eine nachhaltige Architektur, aber es war nicht festgelegt, dass es Holz sein muss", sagt die zuständige Bauamtsleiterin Anne Schommler im rbb‑Interview. "Der Wettbewerbssieger hat den Holzbau vorgeschlagen – heute sind wir sehr glücklich damit." Die Fassade besteht aus unbehandelter Lärche. "Wir wollten den Baustoff bewusst sichtbar lassen", erklärt sie. Die Holzkonstruktion der neuen Sporthalle spannt mit gewaltigen Fachwerkträgern den Raum, jeder Träger rund 30 Meter lang und drei Meter hoch.
Kein Problem mit Brandschutz
Und der Brandschutz? "Holzbau ist da kein Problem", sagt Schommler. Man sehe an der Fassade Brandriegel – solche Unterbrechungen brauche man bei gedämmten Putzfassaden genauso.
Ähnlich argumentiert Eike Roswag‑Klinge, Architekt und Professor von der TU Berlin. "Beim Brandschutz gilt für Holz und Beton das gleiche Sicherheitsniveau", sagt er. Der Unterschied liege eher in den Maßnahmen und den Kosten, die beim Holzbau noch etwas höher sind – und darin, dass der Brandschutz noch stark vom konventionellen Bauen her gedacht werde.
Mit der Schule in Neuruppin hat die Stadtverwaltung ihren Angaben zufolge gute Erfahrungen gemacht. "Wir sehen Energieeinsparungen durch die Gebäudekubatur und einen CO₂‑Speicher vor Ort", sagt die Bauamtsleiterin. Neue Projekte – eine Kita in Holzständerbauweise in Gildenhall, weitere Vorhaben im Ortsteil Alt Ruppin – werden deshalb ebenfalls mit Holz geplant. Trotzdem bleibt Neuruppin innerhalb Brandenburgs damit eher Exot als Standard.
Anne Schommler, Stadtverwaltung Neuruppin, Sachgebiet Hochbau und Gebäudemanagement, bei einem Interview zum Thema Holzbau vor der neuen Wilhelm-Gentz-Grundschule Neuruppin am 23.04.2026 (Quelle: rbb).
Brandenburger Holz geht eher ins Ausland
Wer durch Brandenburg fährt, sieht vor allem Kiefer. Doch der Rohstoff landet selten direkt in den Wänden von Berliner Schulen oder Wohnhäusern. "Brandenburg ist das Land, das die Rohstoffe liefert", sagt der Professor Eike Roswag‑Klinge. Trotzdem werde das meiste dort geerntete Holz zu Spanplatten oder Fussböden verarbeitet – oder exportiert. "Viele Hersteller liefern ihr Holz nach China oder Kanada – das ist eigentlich irre." China ist dabei nicht nur Verbraucher, sondern auch Weiterverarbeiter. Aus dem Holz werden Möbel, Sperrholz, Holzwerkstoffe und Fertigprodukte, von denen viele dann wieder exportiert werden.
Hinzu kommt, dass die märkische Kiefer in Brandenburg wegen einer Empfehlung des Umweltbundesamtes nicht für die oberste Nachhaltigkeitsstufe des Qualitätssiegels für Nachhaltiges Bauen zugelassen ist. Das schränkt ihren Einsatz im geförderten Neubau in der Region ein.
Viele Fertigbauteile kommen aus Süddeutschland
Für tragende Bauteile in mehrgeschossigen Häusern kommen häufig verleimte Produkte wie Brettsperrholz zum Einsatz, hergestellt in großen Werken in Süddeutschland oder Österreich. Der Transport verschlechtert zwar die Klimabilanz, dominiert sie aber nicht vollständig, weil mit relativ wenig Holz viel Raum geschaffen wird.
Laut Roswag‑Klinge wird nur ein kleiner Teil des Brandenburger Holzes für Konstruktionen genutzt. Das kritisieren auch Umweltverbände wie der NABU: Die Hälfte des jährlich in Deutschland geernteten Holzes werde verfeuert, nur ein kleinerer Teil verbaut.
Gleichzeitig warnen Fachleute davor, den Wald nur als Rohstofflager zu sehen. Der Umbau der reinen Nadelwälder zu Mischwäldern sei nötig, um die Klimakrise zu überstehen, sagt Eike Roswag‑Klinge. Holzbau könne diesen Wandel unterstützen – wenn das Holz effizient eingesetzt und nachgepflanzt werde.
Studien zeigen, dass der jährliche Holzbedarf für alle in Holzbauweise neu gebauten Wohnungen in Berlin etwa dem Zuwachs im Brandenburger Wald in rund 60 Tagen entspricht. Ganz am Mangel des Rohstoffs scheitert der Holzbau also nicht.
"Beim Brandschutz gilt für Holz und Beton das gleiche Sicherheitsniveau": Eike Roswag-Klinge, Architekt und Professor an der TU Berlin (Quelle: rbb).
Auch die Degewo baut mit Holz
Im Südosten Berlins steht ein Bau, der zeigen soll, wohin die Reise gehen könnte: das "Quartier der Vielfalt" in Altglienicke, ein Projekt der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Degewo.
Gebaut wird hier in Holz‑Hybrid‑Bauweise: Beton im Fundament und in den Treppenhäusern, darüber Holzmodule, die in Werkhallen in Brandenburg vorgefertigt und vor Ort montiert werden. "Etwa 50 Prozent des Gebäudes bestehen aus Holz", erklärt der Ingenieur Andreas Riege im Interview. Das spare CO₂, verkürze die Bauzeit und sorge für ein angenehmes Raumklima. Holz kann die Luftfeuchtigkeit tatsächlich etwas besser regulieren und aufgenommene Feuchtigkeit abgeben.
Der Architekt Gerrit Wolff beschreibt den Bau als robustes, serielles System, das sich leicht wiederholen ließe. Die Kosten lägen nur geringfügig über einem konventionellen Bau – der Unterschied schrumpfe, je mehr Erfahrung Firmen mit Holz sammelten.
Berlin rudert ein bisschen zurück
Die Berliner Senatsverwaltung für Bauen verweist auf rbb‑Anfrage auf mehrere Programme: In den vergangenen Jahren entstanden Dutzende Schul‑ und Kitabauten mit hohem Holzanteil, viele davon seriell vorgefertigt.
Der Fachmann Eike Roswag-Klinge sieht das skeptischer: "Berlin ist aktuell nicht federführend im Holzbau", sagt er. Die Stadt habe einst mit sieben‑ und achtgeschossigen Holzhäusern Pionierprojekte gebaut, sei aber beim Brandschutz wieder konservativer geworden. Große Vorhaben stocken, wie das als Holzquartier angekündigte Schumacher‑Quartier, wo viele Gebäude nun doch als Betonhybrid geplant sind.
Auch der Blick aufs benachbarte Bundesland zeigt: Von einem echten Mainstream ist die Region weit entfernt. Während in Ländern wie Baden‑Württemberg fast jedes zweite Einfamilienhaus aus Holz gebaut wird, liegt Brandenburg bei etwa einem Viertel.
Bei kommunalen Nichtwohngebäuden gehört Brandenburg immerhin zu den Ländern mit dem stärksten Anstieg der Holzbauquote. "Es ist noch nicht so viel, wie ich es mir wünsche, weil es wirklich eine große Chance ist - auch für unsere regionalen Baustoffe, für unsere regionale Wirtschaft. Aber es wird immer mehr", sagt Robert Crumbach, der zuständige Brandenburger Bauminister (SPD).
Warum nicht mehr mit Holz gebaut wird
Die wichtigsten Hindernisse liegen weniger im Material als im System. Holzbau ist laut dem Professor Eike Roswag‑Klinge insgesamt rund acht Prozent teurer als konventionelles Bauen, auch wenn der Unterschied schrumpft.
Wer wie Josephine Bauer und Philipp Kühn eine Million Euro investieren muss, braucht viel Eigenkapital oder einen langen Atem bei der Bank. Dazu kommt, dass Brandschutz und Baurecht auf Beton zugeschnitten sind und für Holz teils zusätzliche Nachweise gelten, die Zeit und Geld kosten. Und viele Menschen trauen Stein auf Stein mehr als einem Holzhaus - obwohl Bewohner berichten: Da knarze nichts. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) schreibt in seiner aktuellen Nutzungsdauertabelle für Baustoffe, Holzbauteile seien bei fachgerechter Planung und Ausführung vergleichbar lange haltbar wie ein Massivbau.
Aber ob Holz wirklich zum Baustoff für alle wird, entscheidet sich weniger im Architektenhaus mit Pool, sondern in den standardisierten Wohnquartieren, den Schulen, Kitas und ganz normalen Reihenhaussiedlungen - noch hat der Baustoff eher das Image von Luxus.
Beitrag von Sebastian Schneider, mit Material von Juliane Kowollik und Theresa Majerowitsch
Sendung: rbb24, 29.04.2026, 6:15 Uhr
Audio: rbb24, 29.04.2026, Juliane Kowollik
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