Drei Männer, die sich ähneln, eine Protestfrau ohne Machtoption und eine mit zerklüfteter Partei: Nach dem Rückzug von Kai Wegner müssen die Kandiderenden für die Berlin-Wahl erst noch Fuß fassen.
Immerhin das hat Kai Wegner mit seinem Rückzug geschafft: Das Rennen um das Rote Rathaus ist vor den Berlin-Wahlen jetzt noch offener als ohnehin schon. Der neue CDU-Frontmann Stefan Evers ist, erst recht nach den wahrheitswidrigen Selbstverstrickungen des Regierenden Bürgermeisters rund um den Stromausfall, wahrlich ein Inbegriff von Seriosität, Loyalität und Verantwortungsbewusstsein – deshalb ist er Finanz- und Kultursenator und nun auch noch Spitzenkandidat geworden. Als Menschenfänger ist Evers allerdings noch nicht aufgefallen, zumal er vielen Leuten außerhalb der lokalen Politikblase kaum bekannt ist.
Falls das von vielen erwartete Linksbündnis nicht klappen sollte, könnte der Grüne Werner Graf unversehens Bürgermeister werden.
Tagesspiegel-Autor Robert Ide
Evers’ Nominierung zeigt einerseits, wie personell zerschlissen die Berliner CDU nach nur drei Jahren Regierung ist, und dass sie auch inhaltlich neue Ideen braucht außer der Verhinderung der Linkspartei. Evers versucht hier schon erste Akzente zu setzen, etwa mit der Randbebauung des Tempelhofer Felds ohne neuen Volksentscheid. Andererseits macht seine Nominierung den Blick dafür frei, dass die anderen Spitzenkandidierenden ebenfalls kaum in der breiteren Bevölkerung bekannt sind.
Die in den Umfragen hinterherhinkende SPD dürfte sich inzwischen noch mehr ärgern, dass sie sich für den Wahlkampf gegen ihre bekannteste Person entschieden hat: Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey ist ständig im Stadtbild präsent und war während des Stromausfalls beständig für die Stadt im Einsatz. Doch weil die Hauptstadt-SPD gerne mit sich selbst beschäftigt ist, hat sie sich intern lieber auf Steffen Krach aus Hannover als Frontmann verständigt. Er muss allerdings in Berlin noch mehr Fuß fassen, und sein größtes Argument – seriöser zu sein als Kai Wegner – ist gerade weggefallen.
Dass sich Evers und Krach vom Profil durchaus ähneln, könnte eine unverhoffte Chance für Grünen-Kandidat Werner Graf sein. Der Fraktionschef steht eher für den bürgerlichen Flügel der Partei und hat auch gute Kontakte zur CDU. Strukturell könnten die Grünen in Berlin eigentlich führende Kraft sein, in Umfragen liegen sie zumindest vor der SPD und teilweise auch vor der CDU. Falls es dabei bleibt und das von vielen erwartete Linksbündnis nicht klappen sollte, könnte Graf unversehens Bürgermeister mit SPD und CDU werden. Allerdings gilt auch für ihn: Viele Menschen würden ihn wohl erst dann richtig kennenlernen.
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Mehr Profil, wenn auch nicht Bekanntheit, weisen da schon die beiden Frauen im Wahlkampf auf. Für die AfD tritt Kristin Brinker an, die verglichen mit den Positionen ihrer Partei eher moderat daherkommt. Ihr bisher größtes Wahlkampf-Thema, das Wettern gegen Kai Wegner, ist nun allerdings dahin. Eine mögliche Machtoption hat Brinker (im Gegensatz zur AfD in Sachsen-Anhalt und auch Mecklenburg-Vorpommern) nicht. Aber viele Protest- und Prinzipiell-Dagegen-Stimmen dürften ihr dennoch sicher sein.
Anders sieht das bei der Kandidatin aus, die bisher am meisten zu überraschen wusste: Elif Eralp von der Linken gibt sich erfolgreich bodenständig, trendet mit gemeinsamen Auftritten mit Rapstar Ikkimel, zieht das wichtigste Stadtthema Mieten hoch und hat bisher die Gabe, alle Lager und Milieus der zerklüfteten Linken zusammenzuhalten. Eralps Chancen hängen allerdings daran, wie radikal ihre von aktivistischen Neumitgliedern geflutete Partei in Berlin noch auftritt und wie sehr sie ihre Bekanntheit übers linke Lager hinaus noch steigern kann.
Fünf Kandidierende, keine Favoriten und eine Menge Unbekannte: In Berlin ist mal wieder alles möglich. Nur nicht für Kai Wegner. Und das ist angesichts seiner Unwahrheiten auch gut so.
Jeden Donnerstag ab 6 Uhr kommentiert Robert Ide stadtpolitische Themen bei Simone Panteleit und Team im Berliner Rundfunk 91.4. Im Tagesspiegel finden Sie den Kommentar zum Nachlesen und Nachhören.
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