Am Montag startet in England die Leichtathletik-EM. Auch die Top-Sprinterin Gina Lückenkemper geht dort an den Start - allerdings spürbar geschwächt durch einen Zeckenbiss. Ein Interview über dessen Folgen, Medaillenträume und Hochzeitsplanungen.
Interview Vor Start der Leichtathletik-EM Sprint-Star Lückenkemper: "Als hätte die Zecke direkt ins Nervensystem gebissen"
Die EM kommt für Gina Lückenkemper nach schwierigen Wochen: Eine Zecke setzte die 100-Meter-Sprinterin außer Gefecht. Nun blickt sie auf Birmingham, die Staffeln – und: ihre Hochzeit nach der Saison.
rbb|24: Gina Lückenkemper, am Montag startet in England die diesjährige Leichtathletik-EM. Wann und mit welchen Zielen geht es für Sie nach Birmingham?
Gina Lückenkemper: Wir reisen tatsächlich schon am Samstag mit den Einzelstartern über die 100 Meter an, und ich bin selbst sehr gespannt, wo die Reise für mich am Ende hingeht. Ich habe schließlich bislang eine relativ schwierige Saison gehabt. Auch, weil mich vor sechs Wochen eine Zecke am Hinterkopf erwischt hat.
rbb|24: Das war ungefähr einen Monat vor ihrem normalerweise sehr enttäuschenden dritten Platz bei den Deutschen Meisterschaften. Wie sehr hat Sie der Zeckenbiss tatsächlich aus der Bahn geworfen?
Lückenkemper: Die Stelle, an der mich die Zecke erwischt hat, war einfach besonders blöd. Es war so, als hätte die Zecke direkt in mein Nervensystem gebissen – und davon habe ich mich im Vorfeld der deutschen Meisterschaften nicht mehr erholt. Egal, wie viel ich für meine Regeneration getan und wie viel ich geschlafen habe, ich bin einfach nicht mehr zur Ruhe gekommen. Mittlerweile bin ich einfach dankbar dafür, überhaupt auf der Bahn stehen zu können und dass mein Körper die Wettkämpfe mitmacht.
rbb|24: Das heißt, auch ein Saisonaus wäre möglich gewesen?
Lückenkemper: Ja, auf jeden Fall. Ich habe mich mit sehr vielen Athletinnen und Athleten unterhalten, die ihre Saison nach einem Zeckenbiss beenden mussten. Mein Körper hingegen kommt mittlerweile immer besser in Schwung. Das letzte Puzzlestück, das jetzt noch fehlt, ist das Gleichgewicht – das macht sich aus dem Startblock heraus auf den ersten 30 Metern bemerkbar. Ich muss ja eigentlich nur geradeauslaufen, fühle mich aber fast ein bisschen orientierungslos.
Gina Lückenkemper vom SCC Berlin ist die erfolgreichste deutsche Sprinterin der vergangenen Jahre. Die in Hamm geborene 29-Jährige gewann unter anderem die Goldmedaille über 100 Meter bei der EM in München (2022) und Silber bei der EM in Berlin (2018). Bei den Olympischen Spielen in Tokio belegte sie gemeinsam mit der 4x100-Meter-Staffel den dritten Platz und holte so ihre erste Olympia-Medaille. Mit einer persönlichen 100-Meter-Bestzeit von 10,93 Sekunden (Istaf 2024) war sie so schnell wie keine andere Deutsche seit 1991 (Katrin Krabbe).
rbb|24: Haben Sie sich denn ein persönliches Ziel für die EM in Birmingham gesteckt?
Lückenkemper: Für das Einzel nicht wirklich, weil ich beim Start eben noch ein paar Probleme mit den Folgen des Zeckenbisses habe. Aber wir haben ja in diesem Jahr gleich zwei Staffeln, wo ich ein bisschen freier laufen kann, wenn der Bundestrainer mich einsetzt. Und die letzten Jahre haben gezeigt, dass ich in der Staffel selbst dann über die Bahn fliegen und schweben kann, wenn ich im Einzel mein Potenzial nicht ausschöpfen kann. Und wir haben sowohl mit den Frauen als auch im Mixed definitiv Medaillenchancen – auch, wenn die anderen Nationen natürlich auch anständig trainiert haben.
rbb|24: Ihre letzten europäischen Medaillen haben Sie 2022 durch Ihre beiden EM-Titel gewonnen. Ist es seitdem auch in Europa schwieriger geworden, Medaillen zu holen?
Lückenkemper: Es war schon 2022 sehr schwer, in Europa Medaillen zu gewinnen. Aber wenn man noch ein paar Jahre weiter zurückblickt, war das im Verhältnis noch anders. Da haben teilweise 11,10 Sekunden gereicht, um Europameisterin zu werden. Dieses Jahr muss man vermutlich unter 11 Sekunden laufen, um überhaupt aufs Podium zu kommen.
rbb|24: Als Leichtathletin ist bekanntlich ihr gesamtes Trainingsjahr auf diese paar Sekunden bei den Top-Events ausgerichtet. Ist Ihr Zeckenbiss eine Art Symbol für die Fragilität der Topform, die man dafür braucht?
Lückenkemper: Er zeigt auf jeden Fall, wie schnelllebig der Leistungssport ist. Gerade den Sprint kann man mit einer Art Balanceakt in großer Höhe vergleichen. Du musst wahnsinnig viel investieren, um raufzuklettern. Du darfst aber auch nicht zu viel machen, weil du dich sonst verletzt oder krank wirst und dann ganz schnell wieder herunterrutscht. Wenn man dann noch so ausgebremst wird, wie ich zuletzt, ist das natürlich frustrierend.
rbb|24: Auch das Privatleben gehört zu den Dingen, die Sportlerinnen und Sportler ihrer Saison unterordnen. Gilt das auch für die Hochzeitsvorbereitungen mit ihrem Verlobten?
Lückenkemper: Ja, das ist definitiv so. Wenn man heiratet, möchte man schließlich ausgiebig feiern und eine schöne Zeit zusammen haben. Deswegen werden auch solche Termine so gelegt, dass sie nicht mitten in der Saison liegen, sondern erst danach.
rbb|24: Im Frühling konnten Sie sich auf der Hochzeit Ihres Trainingspartners Noah Lyles schon mal ein bisschen inspirieren lassen. Wird Ihre Feier ähnlich groß und glitzernd?
Lückenkemper: Nein, bei uns wird das nicht ganz so glamourös. Für Noah und Junelle [Lyles Ehefrau, Anm. d. Red.] war das wirklich der perfekte Tag, aber für uns wäre eine so große Hochzeit nicht das Richtige. Vor allem das Standesamt wird dieses Jahr eine kleine Feier mit der Familie. Die größere Feier kommt dann im nächsten Jahr – und Noah wird selbstverständlich auch eingeladen.
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Wenn man bei der Athletenvorstellung steht, der eigene Name aufgerufen wird und das ganze Stadion in Jubel ausbricht – das sind wahnsinnig besondere Momente.
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Gina Lückenkemper
rbb|24: Etwas größer als der Rahmen Ihrer Hochzeit wird der des diesjährigen Istafs Ende dieses Monats. Wieso kommen Sie immer wieder und so gerne zurück nach Berlin?
Lückenkemper: Weil ich es liebe, vor deutschem Publikum zu laufen. Und weil das Olympiastadion ein ganz, ganz besonderes Flair hat, einen ganz besonderen Charakter und Charme. Egal, wie viele Leute im Stadion sind, es kommt jedes Mal eine unfassbar gute Stimmung auf, die dann auch wir Athleten auf der Bahn spüren.
rbb|24: Können Sie dieses Gefühl in Worte fassen, das in Ihnen aufkommt, wenn Sie im Fokus von zehntausenden Menschen auf der Bahn stehen?
Lückenkemper: Man kommt sich vor wie ein Rockstar. Wenn man bei der Athletenvorstellung steht, der eigene Name aufgerufen wird und das ganze Stadion in Jubel ausbricht – das sind wahnsinnig besondere Momente. Momente, für die man als Sportler einfach unfassbar dankbar ist, weil die Unterstützung der Fans wirklich bei einem ankommt.
Vielen Dank für das Gespräch!
Sendung: rbb|24, 07.08.2026, 15:14 Uhr
Audio: rbb|24, 07.08.2026, Jakob Lobach
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