Der Rhein soll am Kölner Pegel am Wochenende unter 50 Zentimeter sinken. Chempark-Unternehmen wie Lanxess und Covestro verlagern Transporte auf Schiene und Straße. Nur: Ein Binnenschiff mit 1500 Tonnen Ladung muss durch rund 60 Lkw ersetzt werden.
Um die A1-Rheinbrücke tut sich aktuell eine ganz ungewohnte Uferlandschaft auf. Für Chemparkunternehmen birgt das Niedrigwasser besondere Herausforderungen.
Foto: Matzerath, Ralph (rm-)Leverkusen · Der Rhein soll am Kölner Pegel am Wochenende unter 50 Zentimeter sinken. Chempark-Unternehmen wie Lanxess und Covestro verlagern Transporte auf Schiene und Straße. Nur: Ein Binnenschiff mit 1500 Tonnen Ladung muss durch rund 60 Lkw ersetzt werden.
Als Carl Leverkus seine Fabrik ab 1860 von Wermelskirchen nach Wiesdorf umzog, tat er’s wegen des Rheins. Der Fluss als Möglichkeit, Rohstoffe und fertige Waren zu transportieren, lockte den Apotheker, der ein Verfahren zur künstlichen Herstellung des Farbstoffs Ultramarin entwickelte.
160 Jahre später nutzen Betriebe im Chempark den Rhein immer noch – derzeit aber immer weniger. Vater Rhein stellt immer neue Niedrigwasserrekorde auf. Freitagmorgen zeigte der Kölner Pegel 50 Zentimeter an – diesen Samstag soll er diese Marke dann um zwei Zentimeter unterbieten. Für die Chemieindustrie im Chempark ist das weniger werdende Flusswasser das i-Tüpfelchen auf der ohnehin hierzulande seit einiger Zeit herrschenden Flaute.
Der Rhein bleibt für die Industrie unverzichtbar
„Es gibt starke Einschränkungen“, berichtet ein Sprecher des Spezialchemiekonzerns Lanxess. Das Unternehmen habe eine „Task Force“ eingerichtet, die regelmäßig die Lage neu bewerte. Wo es möglich sei, würden Transporte auf Straße und Bahn verlagert – Stichwort flexibles Logistikmanagement. Lanxess unterhält in Leverkusen seinen weltweit größten Produktionsstandort mit rund 3000 Mitarbeitern. „Ob ein Schiff noch anlegen kann, entscheidet letztlich aber der Kapitän“, betont der Sprecher.
Bei Covestro sind die beiden 2023 angeschafften Niedrigwasserschiffe „Courage“ und „Curiosity“ – „neben weiteren Niedrigwasserschiffen – an verschiedenen Standorten im Einsatz“, berichtet ein Konzernsprecher. Die beiden Flachbodenschiffe transportieren fertige Produkte.
Niedrigwasserphase wie die derzeitige führten zu „logistischen und wirtschaftlichen Belastungen“, etwa wegen höheren Transportaufwands und Problemen beim Thema Rohstoffversorgung. „Momentan direkt betroffen ist unser PET-Betrieb in Dormagen. Covestro hat daher für ausgewählte Produkte und Lieferverpflichtungen aus diesem Betrieb Force Majeure (höhere Gewalt, Anm. d. Red.) erklärt und die betroffenen Kunden informiert.“ Im Betrieb werden Polyether-Polyole produziert. Sie sind Bestandteil von Polyurethan-Schaumstoff, der in Matratzen und als Dämmung in Kühlschränken eingesetzt wird.
Covestro weicht auf Straße und Schiene aus
Auch der Covestro-Sprecher sagt, dass der Konzern, wo immer es möglich und sinnvoll sei, beim Transport auf Straße und Schiene ausweiche. Etwa um Produkte zu Kunden am Main, Oberrhein und Neckar zu bringen. Am Mittelrhein rund um den Pegel Kaub seien die Wasserstände extrem niedrig. Statt per Schiff werde die Ware nun per Bahnkesselwagen und Tankwagen transportiert.
„Der Rhein ist für die Covestro-Werke in NRW und die ansässige Industrie im Allgemeinen von zentraler Bedeutung“, betont der Konzernsprecher. „Mehr als 30 Prozent der produzierten Werkstoffe und etwa drei Viertel der Rohstoffe werden über den Rhein transportiert. Und es braucht rund 60 Lkw, um ein Binnenschiff mit der Tragfähigkeit von 1500 Tonnen zu ersetzen.“ Die Einschränkungen durch längere extreme Niedrigwasserphasen ließen sich auf Dauer nicht vollständig durch andere Transportwege kompensieren.