Was geschah über einer Schlucht an Kataloniens heiligem Berg? Der älteste Sohn wird von der Polizei des Mords verdächtigt. Eine Therapeutin und ihre Übersetzerin verblüffen mit ihren Aussagen.
Was geschah über einer Schlucht an Kataloniens heiligem Berg? Der älteste Sohn wird von der Polizei des Mords verdächtigt. Eine Therapeutin und ihre Übersetzerin verblüffen mit ihren Aussagen.
Florian Haupt, Barcelona14.08.2026, 05.30 Uhr

Christian Ender / Getty
Fans von Kriminalromanen wissen, dass es oft vermeintliche Randfiguren sind, die den entscheidenden Hinweis für die Lösung eines Falls liefern. So weit ist es im spektakulären Familiendrama um den Tod des Mango-Gründers Isak Andic noch nicht. Und doch ist überraschend eine Figur aufgetaucht, die der Geschichte eine neue Wendung gibt: eine Übersetzerin.
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Die britische Staatsbürgerin meldete sich Ende Juni selbst bei der Polizei. Dies nach über einem Jahr schlafgestörter Nächte, wie sie selbst sagte. Schuldgefühle, Angst und die wachsende Sorge, als Mitbeschuldigte in den Fall verwickelt zu werden, hätten sie geplagt.

PD
Die Übersetzerin arbeitete für eine Therapeutin, die von der Familie Andic einige Jahre zuvor engagiert worden war. Sie sollte die vielfältigen Familienkonflikte klären. Die Übersetzerin wiederum war Anfang Dezember 2024 von der Therapeutin engagiert worden, um einen Wanderweg aufzusuchen. Dort sollten sich Isak und sein ältester Sohn Jonathan einer Extremsituation stellen können. So lautet die Aussage der Übersetzerin. Als Teil ihrer Therapie sollten Vater und Sohn buchstäblich über dem Abgrund stehen.
Am 7. Dezember 2024 beging die Übersetzerin zu Testzwecken mit Jonathan eine Route zum Kloster Montserrat; so ihre Aussage.
Eine Woche später stürzte Isak Andic im Alter von 71 Jahren just auf dieser Route in den Tod – während einer Wanderung, die sein Sohn Jonathan zur Besprechung geschäftlicher und persönlicher Differenzen angeregt hatte. Der Ort des Absturzes ist die einzige gefährliche Stelle des alten Pilgerwegs. Die Schlucht darunter etwa 150 Meter tief.
Rutschte Isak Andic aus? Oder wurde er gestossen?
Das untersuchen Polizei und Justiz seit anderthalb Jahren. Jonathan, einziger Begleiter am Unglückstag, befindet sich nach seiner Festnahme im Mai derzeit gegen Kaution auf freiem Fuss.
Die reichste Familie KataloniensEs ist ein Fall, der die spanische Öffentlichkeit elektrisiert. Die Zutaten: ein Drama in der mit einem geschätzten Vermögen von 4,5 Milliarden Euro reichsten Familie Kataloniens. Ein mysteriöser Tod am heiligen Berg der Region. Ein Unternehmen mit knapp 18 000 Mitarbeitern in aller Welt. Eine dubiose Familientherapeutin, die keine Fachzulassung, dafür umso grösseren Einfluss besessen zu haben scheint. Und, wie es sich für das Genre gehört, natürlich auch ein Testament.

Reuters
Momentan läuft das Ermittlungsverfahren. Wenn es eine Anklageerhebung gibt, was als wahrscheinlich gilt, wird der Prozess vor einer Jury von Geschworenen stattfinden. Auch deshalb dringen im Fall Andic noch mehr Details nach aussen als in den geschwätzigen spanischen Justizkreisen sowieso üblich: Es geht darum, die jeweils eigene Version zeitig in der öffentlichen Meinung zu verankern.
Der Verteidigung um den renommierten Anwalt Cristóbal Martell kam vor diesem Hintergrund etwa gelegen, dass Mitschnitte von dem Telefonat aufgetaucht sind, mit dem ein schluchzender Jonathan nach dem Sturz des Vaters den Notruf alarmierte.
Der Auftritt der Übersetzerin bedeutet hingegen einen herben Rückschlag für die Verteidigung. Denn ihre Aussagen scheinen den Vorwurf der Ermittlungsrichterin Raquel Nieto zu erhärten, wonach es sich um eine «aktive, vorsätzliche und vorbereitete Tat» gehandelt hat. Zum wiederholten Male wurde durch die neue Zeugin ausserdem greifbar, dass Jonathan Andic bei seinen Vernehmungen nicht die Wahrheit sagte.
Mittlerweile sind ihm für die Woche vor dem Tod drei Begehungen eines Wanderwegs nachgewiesen worden, den er nach seiner ersten Aussage bloss einmal im Vormonat besucht haben wollte. Später erklärte er, die Auskundschaftungen nur vorgenommen zu haben, weil sein perfektionistischer Vater so anspruchsvoll gewesen sei. Er behauptete aber weiterhin, die Route sei ihm von Freunden empfohlen worden.
David Zorrakino / Getty
Das klang an sich logisch, denn beim Kloster Montserrat handelt es sich keineswegs um einen Geheimtipp. Es ist eines der beliebtesten Ausflugsziele Kataloniens. Die Routen um die Benediktinerabtei sind beschildert und werden auf den einschlägigen Websites ausgiebig erklärt. Umso verdächtiger wirken die Erkundungsmissionen von Jonathan Andic. Ein Beweis sind sie trotzdem noch nicht.
Fussspuren, Whatsapp-Nachrichten und ein TestamentDie Richterin Nieto stützt sich auf Indizien. Sie hatte nach ihrer Versetzung an das zuständige Ermittlungsgericht in Martorell das von ihrer Vorgängerin eingestellte Verfahren im Sommer 2025 wieder aufgenommen. Zu den Beweisen zählen widersprüchliche und falsche Aussagen Jonathans zum Hergang.
Ein wichtiger Anhaltspunkt für die Beschuldigungen sind zum Beispiel die Fussspuren am Rande des Abhangs. Nach Ansicht polizeilicher Gebirgsspezialisten sind sie durch bewusstes, mehrfaches Hin-und-her-Treten entstanden, nicht durch ein versehentliches Ausrutschen. Auch die Richtung des Aufpralls und die Art der Verletzungen lassen ein blosses Malheur laut den Ermittlern als unwahrscheinlich erscheinen.
Weiter belastet wird Andic durch das Verschwinden seines Handys drei Monate nach dem Unglück. Jonathan behauptete, es sei ihm auf einer Dienstreise in Ecuador gestohlen worden. Die Polizei konnte jedoch ermitteln, dass es dort nie eingeschaltet gewesen war. Bei der Übertragung der Daten auf sein neues Modell löschte Jonathan dann alle Whatsapp-Nachrichten.
Dennoch gelang den Ermittlern mancher Fund. So habe Jonathan im Sommer 2024 seinem Vater geschrieben: «Es überrascht mich nicht, dass du mir sogar zutrautest, dich zu töten.»
Dass es um das Verhältnis zwischen Vater und Sohn nicht zum Besten bestellt war, bezweifelt im Sommer 2026 auch die Verteidigung nicht mehr. Quellen aus dem Familienumfeld beschrieben die Dissonanzen teilweise als heftig. Für die Ermittler ergibt sich daraus Jonathans Motiv.
Isak Andic, der aus einer Familie spanischstämmiger Juden kam und mit 14 aus Istanbul nach Barcelona gezogen war, machte aus Mango eine der grössten Fast-Fashion-Marken der Welt. 2014 übergab er die Verantwortung für das Geschäft an Jonathan, der zuvor erfolgreich Mangos Modelinie für Herren etabliert hatte. An der neuen Aufgabe scheiterte der Erstgeborene aber, Mango schrieb Verluste. Statt sich um Leidenschaften wie Weltumsegelungen und seine Kunstsammlung zu kümmern, musste Isak wieder stärker ins Tagesgeschäft einsteigen. 2020 gab er die Leitung erneut ab, diesmal aber an seinen langjährigen Vertrauten Toni Ruiz.
Bei den Vater-Sohn-Spannungen sei es immer wieder auch um Jonathans «Obsession mit Geld» gegangen, heisst es von den Ermittlern. Der Sohn habe ein vorzeitiges Erbe von 40 Millionen Euro verlangt, um sich eigene Geschäfte wie eine Schneiderei aufzubauen. Er habe zu diesem Zweck auch emotionalen Druck auf den widerwilligen Vater aufgebaut.
Im Jahr von Isaks Tod erfuhr Jonathan von dessen Vorhaben, einen Grossteil seines Vermögens in eine Stiftung überzuführen. Zu der angestrebten Änderung des Testaments kam es jedoch nicht mehr. Dadurch erbten Jonathan und seine Schwestern Judith und Sarah nach der letzten gültigen Verfügung von 2023 je ein Drittel der Familienholding Punta Na, der 95 Prozent an Mango gehören. Die übrigen 5 Prozent hält Ruiz.
Am Firmensitz ist das Thema tabuEine noch von Isak angeschobene und seither vertiefte Trennung von Eigentümerschaft und Management hat das Unternehmen den Tod des Patrons bisher überstehen lassen. Mango ist weiterhin nicht börsennotiert, aber wie eine Aktiengesellschaft strukturiert und nicht mehr wie ein Familienunternehmen. Letztes Jahr schrieb man einen Rekordumsatz von knapp 3,8 Milliarden Euro.
In der Firma herrsche «business as usual», sagt eine Mitarbeiterin am Hauptsitz nahe Barcelona der NZZ. Das Thema Jonathan Andic sei tabu, man spreche es auch im informellen Gespräch mit Kollegen nicht an.
Jonathan hat nach der zeitweiligen Verhaftung seinen Posten als Vizeaufsichtsratschef ruhen lassen, um sich auf seine Verteidigung zu konzentrieren. Von seinen Schwestern erhält er bislang volle Unterstützung. Im Ermittlungsverfahren lassen sie sich von denselben Anwälten vertreten. Sie sagen, für die von ihrem Vater geplante Stiftung sei nur eine jährliche Vergabung von 50 Millionen Euro vorgesehen gewesen. Isaks Kinder würden die Pläne jetzt postum zu Ehren ihres Vaters umsetzen. Bislang ist das allerdings nicht passiert.
Gegensätzlich äusserte sich Isaks Lebensgefährtin. Estefanía Knuth erklärte, das neue Testament habe «alles verändern sollen». Die Ex-Profigolferin mit deutschen Wurzeln wurde in dem Nachlass von 2023 mit 5 Millionen Euro bedacht. Sie focht die Summe an und einigte sich mit den drei Kindern kurz vor Jonathans Festnahme aussergerichtlich auf 27 Millionen Euro.
Die schillerndste Zeugin ist jedoch die deutsch-ecuadorianische Familientherapeutin María Júlia Lüderwaldt. In Presseberichten wird sie als eine Art Guru der Oberschicht von Barcelona dargestellt – zuvor hatte sie bereits die zerstrittene Tennis-Dynastie Sánchez-Vicario und das mittlerweile getrennte Paar der Infantin Cristina und des wegen Korruption verurteilten Ex-Handballstars Iñaki Urdangarin betreut. Lüderwaldt wird teilweise als Hochstaplerin beschrieben. Über eine Berufszulassung verfügte sie jedenfalls nicht, wie der katalanische Verband der Psychologinnen und Psychologen wissen liess.
David Zorrakino / Imago
In ihrer Aussage erklärte Lüderwaldt laut übereinstimmenden Presseberichten ihre auf Psychoanalyse gestützte Therapieform der Konfrontation. Danach musste der Sohn, damit überhaupt die Chance einer Aussöhnung bestand, zunächst einen metaphorischen «Vatermord» begehen. So sollte er sich aus dem überwältigenden Schatten von Isak lösen können. Die Therapeutin forcierte beim Vater daher auch die Idee der vorgezogenen Erbschaft von 40 Millionen Euro und drohte anderenfalls mit ihrem Rückzug aus der Behandlung.
Methoden am Rand der ScharlatanerieFachleute sehen in der Einmischung in finanzielle Angelegenheiten eine Kompetenzüberschreitung am Rand der Scharlatanerie. Ähnlich viel Kritik erregt die Zuspitzung der Konfrontation durch das Heraufbeschwören einer extremen Gefahrensituation wie jener an der Schlucht, wie sie nun durch die Aussagen der Übersetzerin bekanntwurde. Diese Methoden der existenziellen Psychotherapie gelten besonders in den USA als populär, aber kaum als wissenschaftlich fundiert.
Schwarze Sonnenbrille, weisses Jackett über weisser Bluse und tiefhängendes Jungfrau-Maria-Amulett: Bei ihrem von enormem Interesse begleiteten Gang zum Ermittlungsgericht mochte Lüderwaldt auf Beobachter tatsächlich wie eine Art Medium wirken. Entgegen mancher Erwartung behielt sie aber auch nach ihrer Aussage den Status einer Zeugin und wurde nicht zur Mitbeschuldigten erklärt.
Schon die blosse Vorladung der Therapeutin machte jedoch ihre Übersetzerin so nervös, dass sie die Polizei aufsuchte. Dabei stellte sie den Ermittlern auch ihren Whatsapp-Austausch mit Lüderwaldt zur Verfügung; auch dieser wurde in Teilen publik. Als die Übersetzerin aus den Nachrichten vom Tod Isaks erfuhr und alarmiert bei der Therapeutin nachfragte, was passiert sei, antwortete diese: «Das will ich fast lieber nicht wissen – nicht dass ich die Nächste bin.»
Die Ermittlungen laufen weiter. Quellen der Verteidigung bestreiten die Darstellung der Übersetzerin. Sie selbst hat um Zeugenschutz gebeten.
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