Nach dem schweren Erdbeben in Kolumbien steigt die Zahl der Todesopfer weiter. Rettungskräfte suchen unter Trümmern nach Überlebenden.
Ein Gebäude stürzt mitten an einer Kreuzung ein, Menschen rennen um ihr Leben. Eine dichte Staubwolke breitet sich aus. Es herrscht Panik. In den Straßen schwanken Autos, Fensterscheiben klirren und Menschen verlassen hastig ihre Häuser, während das Erdbeben in Kolumbien den Boden unter ihnen erschüttert.

Zwei Tage danach ist die Zahl der Toten weiter gestiegen. Mindestens 265 Menschen kamen nach Angaben von Präsident Abelardo de la Espriella vom Mittwoch (Ortszeit) ums Leben. Zuvor war die Zahl der Toten mit 239 angegeben worden. De la Espriella zufolge wurden zudem fast 3500 Menschen verletzt. Fast 500 Menschen wurden vermisst.
Die Opferzahl dürfte weiter steigen, da die Rettungs- und Bergungsarbeiten noch laufen. Am Donnerstagmorgen (Ortszeit) läuft das Zeitfenster der ersten 72 Stunden nach dem Unglück ab, die für die Bergung von Überlebenden entscheidend sind. Einer inoffiziellen Plattform zufolge gelten knapp 3800 Menschen als vermisst. Der gerade erst vereidigte Präsident Abelardo de la Espriella hat einen landesweiten Notstand ausgerufen. Alle institutionellen Kapazitäten würden mobilisiert, um angemessen auf die Katastrophe reagieren zu können, sagte der Präsident. „An erster Stelle steht die Rettung der Menschen, die unter den Trümmern begraben sind“, so der Staatschef.
Kolumbien: Erdbeben auch in Hauptstadt Bogotá spürbarAlleine in der Millionenstadt Cali, die südlich des Epizentrums liegt, würden 188 Menschen vermisst, sagte Präsident De la Espriella am Abend auf einer Pressekonferenz vor Ort. Laut Asocapitales wurden dort bisher 85 Tote gemeldet. Die Stadtverwaltung in Cali sprach von 95 Toten.
Selbst in der rund 300 Kilometer entfernten Hauptstadt Bogotá war das Beben deutlich zu spüren. Das Beben ereignete sich um 7.34 Uhr Ortszeit. Das Epizentrum lag nahe San José del Palmar im Departamento Chocó, wie der Kolumbianische Geologische Dienst (SGC) mitteilte. Es wurde mit einer Tiefe von 96 Kilometern angegeben. Der US-amerikanische Geologische Dienst (USGS) verortete es in 107 Kilometern Tiefe.
Erdbeben in Kolumbien: Verletzte, Vermisste und eingestürzte GebäudeAus Quibdó, der Hauptstadt von Chocó, wurden laut „El Mundo“ mehrere Verletzte und drei Vermisste gemeldet. In lokalen Medien wird zudem über eingestürzte Gebäude berichtet. Wie eine 66-jährige Augenzeugin aus der Kaffeeregion gegenüber der Zeitung sagte, gebe es keinen Strom und Mobilfunkempfang. Das Beben sei extrem stark zu spüren gewesen.
In Manizales wurde die Kathedrale schwer beschädigt: Auf Videos ist zu sehen, wie sich ein Seitenturm des Kirchengebäudes zur Seite neigt. Bereits im 19. Jahrhundert war ein Vorgängerbau der Kathedrale bei einem Erdbeben zerstört worden. „Zuerst dachte ich, es wäre etwas Leichtes. Aber als es dann immer stärker wurde und nicht aufhörte, dachte ich. Wir würden sterben“, sagte eine Frau aus Manizales dem Radiosender La FM.

Patienten werden aus einem Krankenhaus in Cali evakuiert. © Santiago Saldarriaga/AP/dpa | Santiago Saldarriaga
Alejandro Eder, Bürgermeister von Cali, der drittgrößten Stadt Kolumbiens, berichtete ebenfalls von „schweren Schäden“. Der erst kürzlich gewählte Präsident Abelardo de la Espriella kündigte an, in die Region reisen zu wollen. Dort wolle er sich ein Bild von der Lage machen und die Betroffenen unterstützen.
Die Stromversorgung, Telefon- und andere Kommunikationsverbindungen waren beeinträchtigt. Sechs Flughäfen sind dem Präsidenten zufolge wegen Schäden an ihrer Infrastruktur derzeit für den kommerziellen Flugverkehr außer Betrieb. In den sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Videos, die das Ausmaß des Erdbebens deutlich machen.
Staaten bieten Unterstützung anDie nationale Katastrophenschutzbehörde UNGRD teilte auf X mit, sie stehe mit den Stellen vor Ort in Kontakt, um Berichte über mögliche Schäden zu prüfen.

Rettungskräfte und Anwohner durchsuchen in Cali die Trümmer. © Santiago Saldarriaga/AP/dpa | Santiago Saldarriaga
De la Espriella kündigte an, persönlich die staatliche Reaktion auf die Katastrophe zu koordinieren und alle zwei bis drei Stunden über die Lage zu berichten. Die Präsidentin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen, hatte ihre Solidarität bekundet und angekündigt, dass „Copernicus, unser Satellitendienst, zur Unterstützung der Rettungsmaßnahmen zur Verfügung gestellt wurde“. Mehrere Länder boten ihre Unterstützung an – auch aus Deutschland und der EU kamen Hilfsangebote.
Auswärtiges Amt: Bislang keine deutschen Staatsangehörigen unter den OpfernDas Auswärtige Amt erklärte, das gesamte Ausmaß der Katastrophe sei noch nicht absehbar und es müsse mit vielen weiteren Todesopfern gerechnet werden. Bislang gebe es keine Kenntnis von deutschen Staatsangehörigen unter den Betroffenen. Die Botschaft in Bogotá stehe in engem Kontakt mit den kolumbianischen Behörden.
Bundeskanzler Friedrich Merz und Außenminister Johann Wadephul äußerten ihr Mitgefühl für die Opfer. Die EU stellte nach Angaben einer Sprecherin zunächst 100.000 Euro für die besonders betroffene Region Chocó bereit.
Das Beben in Kolumbien erinnert auch an die schweren Erdstöße im Nachbarland Venezuela. Dort erschütterten am 24. Juni innerhalb von wenigen Sekunden zwei Beben der Stärke 7,2 und 7,5 den Norden des Landes. Tausende Menschen kamen bisher ums Leben.
mit afp/dpa/kna
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