Ein kanadisches Unternehmen kauft seit Wochen massenhaft Bücher in Berliner Antiquariaten. Es wird vermutet, dass die Exemplare für das Training einer KI genutzt werden könnten. Dies ist rechtlich hoch umstritten – doch manche Buchhändler begrüßen es.
Berlin Antiquariate erhalten plötzlich viele Bestellungen – KI-Training mit Büchern vermutet
Alles begann mit einer Bestellung an einem Samstag im Mai. "Bismarck: Der weisse Revolutionär" von 1980. Es folgten weitere Bestellungen, über mehrere Wochen lang, teils im Minutentakt. Von "Drehbuch für Anfänger" bis zu einem fast 100 Euro teuren illustrierten Exemplar über Greifvögel. Alles Bücher, die im Köpenicker Antiquariat von Matthias Wagner auf einen Käufer warteten. Doch dieser war kein gewöhnlicher Käufer.
"Schönes Zubrot"
Bücher im Wert von mehreren Tausend Euro kaufte ein kanadisches Unternehmen namens Zoom Books bei Wagner. Wegen der hohen Frequenz, der Uhrzeiten und des fehlenden thematischen Musters wirkte die Bestellungen wie automatisch generiert. "Wenn ich morgens auf mein Handy blickte, sah ich es: Der Roboter hatte wieder bestellt. Wenn das wieder eine dreistellige Summe war, habe ich mich sehr gefreut. Es war ja ein sehr schönes Zubrot", sagt Wagner. "Aber wir wussten alle in der Branche: Es ist ein Strohfeuer und keine langfristige Geschichte.“
Wagner war nicht allein. Auch andere Antiquare aus ganz Deutschland erhielten ungewöhnlich viele Bestellungen desselben Unternehmens. Schnell stellte sich in der Branche die Frage: Wofür werden wohl diese Bücher gekauft? Eine These gewann bald an Gewicht: Hinter den Ankäufen könnte das Training von Künstlicher Intelligenz (KI) stecken. Nachdem bereits große Teile des Internets durchgelesen worden seien, könnten nun alte, nicht digitalisierte Bücher folgen – so denken zumindest viele Händler.
Bücher als reines Datenfutter?
Ganz abwegig wäre das nicht: Im Januar berichtete die US-amerikanische "Washington Post" über das "Project Panama" des KI-Unternehmens Anthropic, das den Chatbot Claude entwickelt hat. Laut der Zeitung habe das Unternehmen Millionen von Büchern gekauft, die anschließend eingescannt worden seien, um seine KI-Modelle mit dem Wissen aus den Büchern zu trainieren. "Project Panama ist unser Vorhaben, alle Bücher der Welt durch destruktives Scannen zu digitalisieren", soll es in einem internen Planungsdokument heißen. Destruktives Scannen meint, dass Bücher zerstört werden, damit sich ein einzelnen Seiten besser scannen lassen.
In Berlin erhielten laut eigener Darstellung mehrere Antiquariate Bestellungen von Zoom Books über Plattformen wie Abe Books. Die Bücher gingen zuerst direkt an ein Lager in der Nähe vom US-amerikanischen Chicago, später ins sächsische Kodersdorf bei Görlitz. Zoom Books bezeichnet sich als "Kanadas größter Händler für gebrauchte Bücher".
So berichtet das Antiquariat Carl Wegner in Schöneberg vom Verkauf von rund 150 Büchern im Wert von rund 7.000 Euro. Auch das Antiquariat Hennwack in Steglitz erhielt zwischen Mai und Juni Bestellungen mit einem Gesamtwert im niedrigen vierstelligen Eurobereich "für deutschsprachige Nischentitel", die im Internet kaum auffindbar seien. Dabei handelte es sich überwiegend um Sachbücher aus dem 1970er- bis 1990er-Jahren, wie ein Mitarbeiter erzählt. Er spricht von einer möglichen "digitalen Lücke": Bücher, die noch urheberrechtlich geschützt sind aber nie digital veröffentlicht wurden.
Was mit den Büchern nach dem Kauf durch Zoom Books passiert, ob diese in der Tat für das Training einer KI verwendet werden und von wem, lässt sich nicht nachvollziehen. "Unsere Aufgabe ist es, Bücher im Umlauf zu halten", teilte Zoom Books auf Anfrage von rbb|24 mit. "Wir kaufen gebrauchte Bücher an und verkaufen sie unverändert weiter. Wir digitalisieren keine Bücher. Unsere oberste Priorität ist die Wiederverwendung. Kann ein Buch nicht mehr weitervermittelt werden, wird es verantwortungsvoll recycelt." Aufgrund von Vertraulichkeitsklauseln werde Zoom Books die Identität seiner Kunden nicht offenlegen und sich zu ihnen nicht äußern.
KI-Training mit Büchern rechtlich umstritten
Sollten Bücher aus Deutschland tatsächlich in den USA eingescannt werden, gelte das dortige und nicht das deutsche Urheberrecht, erklärt Linda Kuschel, Professorin an der Bucerius Law School in Hamburg und Expertin für Immaterialgüterrecht. "Gerade wird intensiv diskutiert, ob es zulässig ist, urheberrechtlich geschütztes Material zu vervielfältigen, um es für KI-Training zu nutzen. Das ist sowohl in Deutschland als auch in den USA rechtlich umstritten."
In den USA könne die "Fair Use Doctrine" greifen, die die Nutzung von urheberrechtlich geschütztem Material ohne ausdrückliche Zustimmung des Rechtsinhabers erlaubt. Entscheidend sei, ob die Nutzung als transformativ gilt – also etwas Neues entsteht. Außerdem werde darüber gestritten, ob der Output von KI-Systemen wirtschaftlich mit den ursprünglichen Werken konkurriere. "All diese Fragen beschäftigen derzeit die Gerichte", sagt Kuschel. "Es ist noch sehr offen."
Entscheidung auf EU-Ebene erwartet
In Europa ist die "Text- und Data-Mining"-Schranke entscheidend, die vor fünf Jahren aufgrund einer EU-Richtlinie ins deutsche Urheberrecht aufgenommen wurde. Diese gesetzliche Ausnahme erlaubt das automatisierte Kopieren und Analysieren von urheberrechtlich geschützten Daten, um daraus Informationen über Muster, Trends und Korrelationen zu gewinnen.
Nach Einschätzung Kuschels könnte das Training generativer KI eine automatische Auswertung von Daten darstellen, die die Schranke erlaubt. Es gebe in Deutschland erste Gerichtsentscheidungen, die in diese Richtung wiesen. "Auch die überwiegende rechtswissenschaftliche Literatur tendiert dazu, das zu bejahen." Für Klarheit könnte bald eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs sorgen.
Rechtsinhaber können der Nutzung ihrer Werke für Text- und Data-Mining zwar widersprechen, sagt Rechtsexpertin Kuschel. "Doch es besteht viel Unsicherheit, wie dieser Nutzungsvorbehalt wirksam erklärt werden kann – insbesondere im Digitalen." Bei älteren Büchern aus Antiquariaten sei dieses Instrument allerdings wenig praktikabel, da zum Zeitpunkt ihres Drucks die Schranke noch nicht existierte und folglich auch kein entsprechender Nutzungsvorbehalt dem Buchtext vorangestellt wurde.
Börsenverein: "Beispielloser Diebstahl geistigen Eigentums"
"Beim skrupellosen Vorgehen der KI-Konzerne dreht sich alles um möglichst schnellen technischen Fortschritt", kritisiert der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Die Politik müsse das kulturelle Erbe und die Kulturschaffenden vom "beispiellosen Diebstahl geistigen Eigentums" schützen. Der Verein fordert mehr Transparenz über die Trainingsdaten von KI-Systemen sowie ein Opt-in-Modell: KI-Unternehmen sollten urheberrechtlich geschützte Werke nur mit ausdrücklicher Zustimmung der Rechtsinhaber nutzen dürfen. Außerdem fordert der Börsenverein klare Verantwortlichkeiten und Haftungsregeln für KI-generierte Inhalte.
"Es ist vollkommen klar, dass die KI mit Sachliteratur trainiert wird", sagt Antiquar Wagner aus Köpenick. "Das ist genauso unausweichlich wie das Verschwinden der Lexika, als das Internet ihre Aufgaben übernahm. Und ja, wir haben dazu beigetragen – aber ich finde das in Ordnung." Die wichtigste Frage sei, wie mächtig eine KI mit all diesem Wissen werden dürfe, sagt Wagner. "Ich habe großen Respekt davor. Ich hoffe, dass sie ein Werkzeug bleibt, mit dem wir umgehen können."
"Am meisten stimmt es uns nachdenklich, dass die Titel zum Training einer KI eines privaten Unternehmens verwendet werden könnten", sagt der Mitarbeiter des Steglitzer Antiquariats Hennwack. "Würden sie stattdessen einer Open-Source-Initiative oder einem vergleichbaren gemeinnützigen Projekt zugutegekommen, würden wir wahrscheinlich anders darüber denken."
"Das gedruckte Buch aus Papier wird nicht verschwinden"
Jan Wörz vom Schöneberger Antiquariat Bücherkeller, der laut eigenen Angaben ebenfalls Bestellungen von Zoom Books erhielt, sieht die bisherige Berichterstattung über das kanadische Unternehmen kritisch und freut sich über die Bücherkäufe. Er sehe die Gefahr von Kulturgut-Zerstörung an anderer Stelle: Täglich würden zahlreiche Bibliotheken beräumt, weil die "Generation Heimbibliothek" am Wegsterben sei.
Ein Großteil dieser Bücher werde als Altpapier für wenig Geld verkauft, so Wörz. "Wenn also eine Firma Bücher, die zudem ja anscheinend auch dezidiert ausgewählt wurden, kauft und diese sogar noch auszuwerten scheint, ist das unterm Strich in meiner Wahrnehmung eine weit größere Wertschätzung dieser Bücher, als diese direkt zum Wertstoff zu degradieren."
"Unsere Branche ist etwas im Niedergang begriffen", sagt Antiquar Matthias Wagner nachdenklich. Die letzte Bestellung von Zoom Books erhielt er am 13. Juni, es war nur noch ein einziges Buch, "Barrikadenstandorte 1848". Der Titel wirkt wie eine kleine Ironie dieser Geschichte. Auch wenn das Handeln mit antiquarischen Büchern schrumpfen mag, hat Wagner seinen Optimismus und seinen Glauben an das Kulturgut Buch nicht verloren. "Das gedruckte Buch aus Papier wird nicht verschwinden", sagt er.
Das Theater hat das Kino überlebt, die Schallplatte die CD und sogar Spotify. Wagner glaubt, das Buch wird die KI überleben.
Sendung: rbb|24, 04.08.2026, 06:18 Uhr
Audio: rbb|24, 04.08.2026, Juan Alvarez-Moreno im Gespräch mit Roberto Jurkschat
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