KI-generierte Musik hat es in Deutschland schon in die Charts geschafft. KI-Tools machen es möglich. Für Musiker:innen eine harte, bedrohliche Konkurrenz. Große Hoffnung setzen viele auf die Klage der Gema gegen das US-Unternehmen Suno.
Musikschaffende gegen KI-Musik Warum die Gema gegen Suno klagt und was das für Künstler bedeutet
Von Nathalie Daiber und Elena Deutscher
Woher weiß eigentlich eine KI wie Suno, Udio oder Google Lyria, wie Musik klingt, die wir gerne hören? Zum Beispiel von Alphaville, Helene Fischer oder von der Berliner Musikerin Balbina? Als vor kurzem das US-Magazin "The Atlantic" ein Suchtool veröffentlichte, in dem alle nachsehen konnten, mit welcher Musik KI-Musikgeneratoren trainiert wurden, fanden sich 21 Songs von Balbina in den Datensätzen, die das Magazin im Zuge seiner Recherche gefunden hat.
Gericht stärkt Urheberrechte gegen Suno
In dem Gerichtsstreit um mit Künstlicher Intelligenz generierter Songs hat das Landgericht München I am Freitag (31.07.2026) einer Klage der Musikverwertungsgesellschaft Gema in weiten Teilen stattgegeben. Das US-Unternehmen Suno müsse es künftig unterlassen, ohne Einwilligung der Klägerin bestimmte Musikwerke zu vervielfältigen oder vervielfältigen zu lassen, sagte die Vorsitzende Richterin. Dasselbe gelte für das Training der KI. Damit stärkte die Zivilkammer das Urheberrecht deutscher Künstler. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Ob sie damit einverstanden ist, habe sie niemand gefragt, sagt Balbina. "Aktuell gibt es eine so große Flut an Stücken, die mit künstlicher Intelligenz gegen unseren Willen trainiert wurde, und die steht dann auch noch in Konkurrenz mit den Musikschaffenden, die halt wirklich Musik generieren", kritisiert die Sängerin. Und da die KI-Musik auf den Streamingplattformen hochgeladen wird, nehme sie den Musiker:innen real Einnahmen weg. Jetzt stehe der Mensch gegen den Computer, so Balbina.
Täglich 90.000 neue KI-Musiksongs
Täglich werden etwa auf dem französischen Musikstreamingdienst Deezer 90.000 neue KI-generierte Tracks hochgeladen, wie das Unternehmen Anfang Juli mitteilte.
Auf Anfrage des rbb erklärte Deezer, dass diese KI-Musik zwar kaum gehört werde, aber bis zu 85 Prozent der Streams der KI-Musik gefälscht seien. Jesper Wendel von Deezer antwortet schriftlich: "Das bedeutet, dass es Menschen gibt, die KI-Titel hochladen, um zu versuchen, Tantiemen von legitimen Künstlern zu stehlen, indem sie die Streamzahlen künstlich in die Höhe treiben."
Wie einfach das heutzutage ist, weiß Stephan Baumann. Der KI-Experte und Musiker arbeitet am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz: "Menschen, die technikaffin sind, sagen, 'wow, hier ist ein offenes System', ich kreiere mit einer KI am Tag 10.000 Songs. Ich weiß, wie man eine Bot-Farm programmiert und die Bot-Farm hört die Songs an, die Klicks schießen nach oben.“
Als einziger Streamingdienst kennzeichne Deezer KI-Inhalte und schließe sie von algorithmischen Empfehlungen aus. Der Streamingdienst Tidal geht jetzt weiter und zahlt für KI-Musik kein Geld mehr aus.
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Aktuell gibt es eine so große Flut an Stücken, die mit künstlicher Intelligenz gegen unseren Willen trainiert wurde, und die steht dann auch noch in Konkurrenz mit den Musikschaffenden, die halt wirklich Musik generieren.
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Balbina, Berliner Musikerin
Alles nur geklaut?
Die große Hoffnung der Musikschaffenden wie Balbina liegt aber vor allem auf der Klage der Gema gegen Suno. Am Freitag wird das Urteil vor dem Landgericht München erwartet [siehe Infokasten oben]. Die Verwertungsgesellschaft sieht die Urheberrechte von ihren Mitgliedern, also der großen Mehrzahl der deutschen Musikschaffenden, verletzt, weil die KI eben mit deren Musik trainiert wurde. "Die KI, hier Suno im Beispiel, beruht auf gestohlenen Inhalten", sagt Gema-Chef Tobias Holzmüller. "Man hat diese Inhalte millionenfach im Internet abgegraben und einfach in die KI eingelesen, ohne irgendjemanden um Erlaubnis zu fragen, geschweige denn dafür zu bezahlen."
Um das zu beweisen, hat die Gema bei Suno zum Beispiel den Text von "Forever Young" von Alphaville eingegeben und Suno sollte dann diesen Song damit kreieren. "Das klingt wie eine schlechte Cover-Version", so Tobias Holzmüller. "Das heißt, der Original-Song wurde in die KI eingelesen, er wurde dort dauerhaft gespeichert, offensichtlich bis zu dem Moment, als wir dann gepromptet haben. Und dann hat die KI den Song wieder ausgespuckt, in leicht modifizierter Form."
Das Unternehmen Suno reagierte auf rbb-Nachfragen nicht.
Chancen für Gema gut
Vor dem Landgericht soll nun erst einmal festgestellt werden, ob es sich um eine Urheberrechtsverletzung handelt und ob das US-Unternehmen sich in Deutschland dafür verantworten muss.
Die Chancen, dass das Gericht zu Gunsten der Gema entscheidet, stehen laut Holzmüller gut. Schon im vergangenen November hatte die Gema ein ähnliches Verfahren gegen das US-amerikanische Unternehmen Open AI wegen der Nutzung von Songtexten gewonnen. Open AI ist in Berufung gegangen.
Bei der Klage gegen Suno geht es jetzt erstmals um Audioinhalte und nicht um den Text. Das heißt: Dürfen KI-Anbieter Rhythmus, Gesang oder Komposition von geschützten Werken für ihr Training verwenden, speichern und wiedergeben?
KI-Unternehmen sollen zahlen
Die Gema will die Nutzung nicht verbieten, vielmehr sollen die KI-Unternehmen wie Suno die Musikschaffenden für die Nutzung ihrer Musik bezahlen. Dabei ist ein Lizenzmodell angedacht, nicht nur eine einmalige Zahlung.
"Ist Grönemeyer einmal drin, bleibt Grönemeyer drin"
Regelmäßige Zahlungen an die Musikschaffenden wie es das Lizenzmodell vorsieht, seien nur gerecht, so Balbina. Denn der KI kann nicht wieder abtrainiert werden, was sie einmal gelernt hat. "Ist Herbert Grönemeyer einmal drin, bleibt Herbert Grönemeyer drin", so die Berliner Musikerin. Den Sänger und Balbina verbindet eine langjährige musikalische Zusammenarbeit. Die beiden engagieren sich auch für mehr Vergütungsgerechtigkeit beim Musik-Streaming.
Auch der Verband Pro Musik setzt sich für die Interessen von Musikschaffenden ein. Ella Rohwer, die Geschäftsführerin, findet es ebenfalls wichtig, dass Künstler:innen vergütet werden, wenn ihre Werke bereits für das KI-Training verwendet wurden. Für zukünftige Regularien sollte Künstler:innen aber die Möglichkeit gegeben werden, selbst zu entscheiden, ob ihre Werke für das KI-Training genutzt werden oder nicht: "Es ist genauso wichtig für jemanden, der oder die eine auffällige oder besondere Stimme hat, zu entscheiden, dass die eben nicht durch die KI gejagt und mir dann vielleicht meinen Alleinstellungsmerkmal geraubt wird", argumentiert Rohwer.
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"Es geht nicht um Musikgeschmack, sondern darum, ob es in Zukunft möglich sein wird, dass Urheber:innen und Musikschaffende von ihrem Beruf ihren Lebensunterhalt bestreiten können.
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Ella Roher, Verband Pro Musik
Allerdings, auch wenn die KI mit besonderen Stimmen trainiert wird, glaubt KI-Forscher Baumann nicht, dass KI-Musik das leisten könne, was Musik von echten Künstler:innen bei den Hörern auslöse. Denn wenn immer mehr KI-Musik generiert wird und KI-Modelle mit dieser Musik trainiert werden, dann führe das irgendwann zu einem Kollaps des Systems, so Baumann.
Das, was die KI dann produziere, ist laut Baumann "das statistisch Wahrscheinlichste, das Mittelmaß. Und dann gibt es auch keinen Überraschungseffekt mehr, mit irgendeinem Sound, den man noch nie gehört hat oder irgendein komplett neues Genre. So etwas wird unter ganz anderen Bedingungen erfunden. Das ist die Good News."
Trotzdem braucht es auch aus Baumanns Sicht eine faire Vergütung für Kunstschaffende, wenn ihre Musik zu Trainingszwecken genutzt wird und die Zustimmung der Künstler:innen. Denn Ella Roher vom Verband Pro Musik bringt es auf den Punkt: "Ich würde zustimmen, dass KI-generierte Musik, plakativ gesagt, langweilig ist. Aber es geht nicht um Musikgeschmack an dieser Stelle, sondern es geht darum, ob es in Zukunft möglich sein wird, dass Urheber:innen und Musikschaffende von ihrem Beruf ihren Lebensunterhalt bestreiten können."
Fake-Musik unter echtem Namen
Die Berliner Musikerin Tara Nome Doyle wurde Opfer eines besonders perfiden Missbrauchs durch KI-Musik. Auf ihrem Account hatten Betrüger fünf KI-Songs hochgeladen. Nur weil sie eine Mail von Spotify bekam, die ihr mitteilten, dass fünf neue Songs am nächsten Tag veröffentlicht werden sollten, hat sie diesen Betrug überhaupt bemerkt. "Ich konnte das gar nicht glauben", vielmehr dachte sie zuerst noch, die Mail sei der Betrug: Und für Tara Nome Doyle war es nicht einfach, die Songs wieder löschen zu lassen. Auch auf anderen Streamingplattformen wurden die Songs unter ihrem Namen hochgeladen. Tara Nome Doyle geht davon aus, dass das vielen Künstler:innen passiert, die das dann gar nicht merken. Mit einer Reporterin vom "Y-Kollektiv" hat sie die Betrüger aufgespürt [ardsounds.de].
Die Masche ist tatsächlich ganz einfach: Das Geld auf den Streamingplattformen wird nicht direkt den Künstler:innen, sondern den Urheberrechteinhabern ausgezahlt. Die durch die Klicks generierten Einnahmen landen also auf den Konten der Betrüger:innen und benutzen dafür die Identität von etablierten Musiker:innen wie Tara Nome Doyle. Die KI-Songs waren ganz anders als ihre Musik sonst. "Ich finde es schon gruselig, dass mit KI einfach meine Stimme eins zu eins kopiert werden kann."
Auch Tara Nome Doyle hofft, dass die Gema mit der Klage erfolgreich ist: Dann könnte keine KI ohne ihre Erlaubnis einfach ihre Stimme und ihre Musik kopieren.
Sendung: rbb24 Abendschau, 31.07.2026, 19:30 Uhr
Video: rbb24 Abendschau, 31.07.2026, Nathalie Daiber