Das Literaturfestival "LIT:potsdam" startet zwar erst Ende Juni, aber für manche Schülerinnen und Schüler in Potsdam geht es jetzt schon los. Autoren lesen in Klassenzimmern und lassen ihre Bücher so lebendig werden. Eine wertvolle Begegnung für alle Beteiligten.
Lesung "LIT:potsdam": Lesungen in Klassenzimmern "Cool, dass mal ein Autor da war"
Autor und Wahlberliner Mario Giordano hat in der Evangelischen Gesamtschule Werder einen echten Eisbrecher dabei: seinen Golden Doodle Ray. Der niedliche hellgelockte Vierbeiner tapst munter durch den Raum. Dann legt er sich brav unter den Tisch, an dem sein Herrchen vor knapp 50 Schülerinnen und Schülern der siebten und achten Klasse aus seinem Jugendroman "Der aus den Docks" liest.
Darin geht es auch um einen Hund, allerdings einen Bullterrier, der von zwei Jungs aus der Elbe gerettet wird – die Geschichte spielt in Hamburg und ist dort an den Hauptschulen Pflichtlektüre, erzählt Giordano. Von ihm stammt auch der 2001 erfolgreich verfilmte Roman "Das Experiment-Black Box."
Geschichten erlebbar machen
In der Handyfreien Schule sind die Kinder beim Zuhören nicht abgelenkt, niemand tuschelt, aufmerksam lauschen sie, unabhängig davon, ob sie auch in ihrer Freizeit Lesen. Ein Junge sagt: "Ich bin eher lesefaul", seine Mitschülerin erzählt mit leuchtenden Augen: "Ich lese sehr, sehr viel und werde das Buch auch weiterlesen!"
Eine Deutsch-Lehrerin hat ihre Schule nach dem Aufruf für das LIT:potsdam Schulprogramm sofort für eine Lesung angemeldet und das Buch vorab schon in ihren Deutsch-Klassen besprochen. An diesem Morgen in der Aula wird die Geschichte von erster Liebe, Freundschaft und Bruderschaft nun lebendig.
Das Literaturfestival für Erwachsenenliteratur "LIT:potsdam" beginnt am 30. Juni und geht, wie das Schulprogramm auch, bis zum 5. Juli. Es findet vorwiegend in Potsdam statt. Am 7. Juli ist die LIT:potsdam erstmals in Brandenburg an der Havel in der Kulturkirche zu Gast.
Kinder stellen Fragen, die sich Erwachsene nie trauen würden
Mario Giordano ist nahbar, locker. Und er hat ein gutes Gespür fürs Timing, er wechselt zwischen Lesen und Erzählen, macht nach knapp 45 Minuten Schluss und geht zur Fragerunde über. Er schätze solche Termine. Lesungen mit Kindern und Jugendlichen seien immer ein besonderes Geschenk, weil die Reaktionen so unmittelbar sind, erzählt er: "Die zeigen schneller, wenn sie gelangweilt sind und man merkt aber auch sehr viel schneller, wenn sie gefesselt sind. Und Kinder und Jugendliche stellen Fragen, die Erwachsene sich nie trauen würden zu stellen. Das gefällt mir gut."
Tatsächlich schnippen schnell viele Finger in der Luft: Wie lange hat das Schreiben gedauert? Welche Emotionen hatten Sie dabei? Haben Sie schon Preise gewonnen? Wieviel verdient ein Autor überhaupt?
Nachhaltige Begegnungen
Fast 25 Schulen in und um Potsdam bekommen bis Anfang Juli Besuch von über 30 Autorinnen und Autoren, viele selbst aus Brandenburg. Gefördert wird das LIT:potsdam Schulprogramm unter anderem durch das Brandenburger Bildungsministerium und einer Bank. Kinderbuchautor Martin Klein kuratiert das Schulprogramm, er ist dankbar für diese Förderung: "Professionelle Kinder - und Jugendkultur kostet eben auch Geld. Und letzten Endes sind es öffentliche Gelder, die auf diese Art dann ja auch in die Öffentlichkeit zurückfließen."
Diese besondere Nähe zur Literatur kommt bei den Schülern gut an. "Cool, dass mal ein Autor da war!", sagen am Ende viele. Dadurch hätten sie Lust bekommen das Buch weiterzulesen. Ein Junge erzählt, dass er einen bulgarischen Straßenhund zuhause aufgenommen hat, deshalb wäre die Geschichte mit einem Hund als Protagonist so spannend für ihn.
Für Mario Giordano geht es nach einer Pause weiter in eine neunte und zehnte Klasse. Der Autor kann nicht verstehen, dass immer gejammert würde, dass Jugendlichen nicht mehr lesen. Das würde er anders wahrnehmen. "Deswegen sind Begegnungen mit Autorinnen und Autoren besonders wichtig, dass man kommunizieren kann, warum man das überhaupt macht. Warum schreibt jemand Bücher? Was sind Geschichten? Warum sind die wichtig?“ An solche Lesungen und den Austausch danach würden sich Schülerinnen und Schüler immer zurückerinnern. "Das sind Momente, die lange haften bleiben. Die sind sehr, sehr nachhaltig diese Begegnungen."
Sendung: rbb24 Inforadio, 16.06.2026, 16:54 Uhr
Audio: rbb24 Inforadio, 16.06.2026, Magdalena Bienert
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