Das Versprechen einer nachhaltigen Landwirtschaft wird nicht eingehalten, kritisiert Carsten Brühl, Professor für Ökotoxikologie und Mitglied im zuständigen Wissenschaftlichen Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums
Das Versprechen einer nachhaltigen Landwirtschaft wird nicht eingehalten, kritisiert Carsten Brühl, Professor für Ökotoxikologie und Mitglied im zuständigen Wissenschaftlichen Beirat des Bundeslandwirtschaftsministeriums

Seit 2012 dürfen Landwirtinnen und Landwirte Pestizide eigentlich nur als Mittel der letzten Wahl einsetzen. Doch nun kritisiert der Wissenschaftliche Beirat für den Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutz, der das Bundeslandwirtschaftsministerium berät, in einer neuen Stellungnahme, dass dies in der Praxis nicht funktioniert. Im Interview begründet Carsten Brühl, Professor für Ökotoxikologie an der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau und Mitglied des Expertengremiums, warum die deutsche Landwirtschaft aus seiner Sicht nicht nachhaltig wirtschaftet.
Wie gut funktioniert der sogenannte integrierte Pflanzenschutz?
Der Anspruch, Pestizide nur noch als letzte Option einzusetzen, wird in der Praxis nicht eingehalten. Seit 2012 ist die in die Umwelt ausgebrachte Menge an chemisch-synthetischen Mitteln nahezu gleich geblieben. Die Zahl der Behandlungen ist in allen Kulturen sogar gestiegen. Und die toxische Belastung hat sich nur für Säugetiere leicht verbessert.
Für welche Organismen nicht?
Für Insekten und Wasserpflanzen blieb die Toxizität unverändert, für Fische, Bodenlebewesen und Pflanzen ist sie sogar doppelt bis vierfach so hoch wie damals.
Was läuft anders, wenn der integrierte Pflanzenschutz angewandt wird?
Dazu gehört, dass die Pflanzen gut zu ihrem Standort passen, also die Bodenart und Klimabedingungen berücksichtigt werden. Dann sollten Pflanzensorten gewählt werden, die widerstandsfähig gegen Schädlinge oder Krankheiten sind. Auch die Fruchtfolge spielt eine große Rolle: Wenn nicht immer dieselbe Pflanze an derselben Stelle angebaut wird, können Schädlinge und Krankheiten besser kontrolliert werden. Landwirte können Unkraut im Acker mit einem sogenannten Striegel reduzieren, sie können Marienkäfer oder Schwebfliegen fördern, die Schädlinge fressen, sie können natürliche Wirkstoffe nutzen. Alles zusammen kann den Befall von Schädlingen, Krankheiten und Unkraut verhindern oder reduzieren – und nur dann, wenn es wirklich nötig ist, kann mit chemischen Mitteln nachgeholfen werden.
Das heißt, alle sollen Bio-Landwirtschaft betreiben?
Der Bio-Landbau, der ohne chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel wirtschaftet, hat sich bewährt. Aber wir reden beim integrierten Pflanzenschutz ja nicht über Bio, denn als letzte Option bleiben chemisch-synthetische Pestizide erlaubt, aber eben nur dann.

Könnte es sein, dass die Landwirte wegen einer Zunahme von Schädlingen so viel spritzen müssen wie 2012?
Sicher gibt es neue Schadorganismen, die in Deutschland auftreten, die dann wieder mit Pestiziden bekämpft werden. Ein Beispiel wäre die Glasflügelzikade in Kartoffel und Zuckerrübe, weshalb jetzt dort ein hoher Insektizideinsatz stattfindet. Aber auch hier würden Fruchtwechsel helfen, diese Art zu kontrollieren, vor allem eben, wenn das viele in einer Region machen, aber das wird leider nicht umgesetzt.
Wenn Integrierter Pflanzenschutz konsequent angewandt würde, hätten der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln seit 2012 also deutlich zurückgehen müssen?
Und genau das ist nicht geschehen.
Warum?
Der integrierte Pflanzenschutz verlangt Know-how und auch Zeit. Dabei stoßen viele Landwirte an Grenzen, denn es fehlt an Wissen, an praktikablen Alternativen und an ausreichender Beratung. Oft ist es einfacher und günstiger, sich auf wenige Kulturen zu spezialisieren und von Anfang an Pestizide einzusetzen, auch wenn das gegen den Ansatz des integrierten Pflanzenschutzes verstößt.
Hat der Staat keine Möglichkeiten, den Integrierten Pflanzenschutz in der Fläche durchzusetzen, oder nutzt er sie nicht?
Der Staat hat den Integrierten Pflanzenschutz ja in einem Gesetz verankert. Das ist allerdings vage formuliert. So heißt es zum Beispiel, dass nicht-chemische Maßnahmen „wann immer möglich“ zum Einsatz kommen müssen. Das Gesetz bietet auch keine echten Mechanismen, seine Ziele zu erreichen. Es gibt zu wenige konkrete Vorgaben und keine verbindlichen Kontrollen. Auch Beratung und Anreize, integrierten Pflanzenschutz anzuwenden, fehlen weitgehend.
Vertreter der Landwirtschaft warnen, dass zu viele Restriktionen die Nahrungsproduktion gefährden. Was antworten Sie?
Deutschland produziert deutlich mehr Fleisch, Kartoffeln und Zucker, als es selbst verbraucht. Gleichzeitig können wir uns bei Gemüse und Obst nicht ausreichend selbst versorgen. Das, was wir eigentlich essen sollten, produzieren wir also nicht in ausreichendem Maß. Das Kernproblem ist, dass viel zu viel Fläche dafür genutzt wird, Fleisch für den Export zu erzeugen und nicht für die Nahrungsversorgung im eigenen Land. Muss Deutschland wirklich der drittgrößte Exporteur von Schweinefleisch weltweit sein? Der Umsatz an Biolebensmittel in Deutschland stieg 2025 um fast sieben Prozent, aber die ökologisch bewirtschaftete Fläche nur um ein Prozent – es wird also viel importiert und nicht bei uns angebaut, obwohl die Nachfrage da ist. Da stimmt etwas nicht.
Agrarpolitiker halten den Integrierten Pflanzenschutz gerne als Beweis hoch, dass die heimische Landwirtschaft nachhaltig ist.
Die Faktenlage ist klar: Aktuell wird der Integrierte Pflanzenschutz nicht umgesetzt. Die Landwirtschaft ist damit auch nicht nachhaltig.
Wie wirkt sich das auf die Verbraucherinnen und Verbraucher aus? Sind Lebensmittel auf gefährliche Weise belastet?
Pestizide sind biologisch hochwirksame Moleküle, die in geringen Mengen wirken, wie auch Medikamente. Umwelt und Mensch sind mit einer Vielzahl an Pestiziden belastet. Viele von diesen sind als möglicherweise oder wahrscheinlich hormonell wirksam, krebserregend oder reproduktionstoxisch eingestuft und können Krankheiten wie Parkinson auslösen.
Aber die Belastung von Lebensmitteln wird doch regelmäßig überprüft?
Ja, und es existieren für jedes Pestizid und Nahrungsmittel Grenzwerte. Nicht berücksichtigt wird aber, wie mehrere Substanzen unterhalb der Grenzwerte zusammenwirken. Es ist bekannt, dass Stoffe sich gegenseitig verstärken oder gemeinsam ganz neue Wirkungen entfalten können. Bei einer aktuellen Messung lagen in Deutschland konventionell angebauten Erdbeeren mit drei bis fünf verschiedenen Pestizidrückständen im europäischen Mittelfeld. Aber es gibt in der EU bis heute keine Bewertung der Gesundheitsrisiken durch mehrere Pestizidrückstände gleichzeitig. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit ist eigentlich schon seit 2005 dazu verpflichtet. Die EFSA hat aber bislang keinen geeigneten Ansatz vorgelegt.
Was müsste jetzt passieren, um den Integrierten Pflanzenschutz Wirklichkeit werden zu lassen?
Es braucht eine Kombination aus Förderung, Kontrolle und wirtschaftlicher Unterstützung. Wichtig ist, dabei nicht in alten Schemata wie „Bio“ oder „konventionell“ zu denken, sondern für Kombinationen offen zu sein. Bei der Ausbildung der nächsten Generation von Landwirtinnen und Landwirten sollte der Integrierte Pflanzenschutz mit im Zentrum stehen. Zudem sollten die realen Kosten des Pestizideinsatzes für die Allgemeinheit – zum Beispiel durch die nötige Reinigung von Trinkwasser oder die Überwachung von Lebensmitteln – eingepreist werden. Dann wäre der Einsatz von chemisch-synthetischen Pestiziden nämlich nicht mehr eine billige Lösung.
Welche Rolle können neue Technologien wie Robotik, KI und Pflanzenzucht dabei spielen?
Sie können dazu beitragen den Pestizideinsatz zu verringern, weil sie gezielter eingesetzt werden können. Ich sehe aber vor allem einen großen Vorteil von biologischen Verfahren, die seit langem in Deutschland umgesetzt werden. Man sollte den Biolandbau nicht als Experimentierfeld von Althippies abstempeln, sondern als das, was er wirklich ist: Das sind seit Jahrzehnten etablierte, gut funktionierende wirtschaftliche Betriebe, die eine nachhaltige Landwirtschaft betreiben.

Deutschland hat sich im UN-Naturschutzabkommen von Montreal – dem Äquivalent zum Klimavertrag von Paris – dazu verpflichtet, das Gesamtrisiko durch Pestizide und hochgefährliche Chemikalien bis 2030 zu halbieren. Was müsste jetzt eigentlich passieren?
Der erste Schritt wäre, dass man wie in anderen Bereichen der Wirtschaft – zum Beispiel bei der Kohlenutzung oder beim Auto – auch für die Landwirtschaft anerkennt, dass eine Transformation nötig ist. Dann müssten Bund und Länder aktiv eingreifen und den Integrierten Pflanzenschutz durchsetzen.
Sehen Sie dafür eine Chance?
Das Abkommen wurde Ende 2022 verabschiedet und es ist nun Mitte 2026. Es ist viel Zeit vergangen und das Thema wurde zur Seite geschoben und nicht angegangen, ja nicht einmal in der Öffentlichkeit diskutiert. Daher wird nun ein Kraftakt nötig, um das Ziel noch bis 2030 zu erreichen. Das ist die schlechte Nachricht.
Und die gute Nachricht?
Es gibt viele gute, seit Jahrzehnten etablierte Anbauverfahren, die ohne chemisch-synthetische Pestizide auskommen und die zeigen, dass man in Deutschland so ausreichend Nahrungsmittel produzieren kann. Diese Beispiele muss man in die Fläche bringen und mit Neuem kombinieren. Dann kommt man dem Ziel auch in der nun begrenzten Zeit näher.
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