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Charly Hübner: „Wenn Babybrei, dann guter Babybrei“

Дата публикации: 14-08-2026 04:00:00

Der Schauspieler über seinen Film „Spaziergang nach Syrakus“, Fernweh in der DDR und gemeinsame Arbeiten mit seiner Frau Lina Beckmann.

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Er ist einer der beliebtesten Schauspieler des Landes. Zuletzt war Charly Hübner in „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ zu sehen, einer Schelmengeschichte über einen Bahnangestellten der DDR, der scheinbar Volksgenossen eine Flucht in den Westen ermöglichte. In „Spaziergang nach Syrakus“ nun, der nächste Woche ins Kino kommt, spielt der gebürtige Neustrelitzer einen DDR-Bürger, der unbedingt mal nach Sizilien will und deshalb eine abenteuerliche Flucht plant – mit einer Jolle über die Ostsee. Dabei konnte der 53-Jährige bis dato gar nicht segeln. Wir haben mit ihm über den Film gesprochen.

Sie waren gerade erst als Stimme zu hören in dem Dokumentarfilm „Vom Traum, unsinkbar zu sein“, da ging es um die Fischereiflotte der DDR. Nun spielen Sie einen Mann, der mit einem Segelboot aus der DDR floh. Wie unsinkbar, wie wasser- und segelfest sind Sie selbst? Ist das ein Hobby? Oder wurde das erst für den Film angelernt?

Charly Hübner: Das Segeln habe ich erst für den Film gelernt. Und wie es scheint, habe ich jetzt erstmals ein sogenanntes Hobby. Ich muss das diesen Sommer noch strukturieren, in Deutschland muss man ja für alles Scheine machen. Es hat eine herrliche Magie: Da bist du abhängig, wie der Wind weht, musst dich dafür oder dagegen entscheiden und das dann hinzukriegen mit deiner Jolle. Ich hätte nicht gedacht, dass mir das so Spaß macht.

Das glaubt man zu spüren, wenn man Ihnen zusieht.

Ein Produktionsleiter des Films ist segelfest, der hat mir ein paar Handgriffe beigebracht. Und Lars Jessen, unser Regisseur, der ja ein langjähriger Segler ist, ist dann mal einen Tag mit mir rausgesegelt. Aber alle hatten Angst. Auch weil ich so groß bin. Gleich am Anfang musste ich ja im Stehen reinfahren, das war der erste Take beim Drehen. Aber das hat Spaß gemacht.

Sie kannten den Roman von Christian Friedrich Delius. Kannten Sie auch schon das Reisebuch von Johann Gottfried Seume, das dem zugrunde lag?

Seume hatte ich als Student mal zu lesen angefangen. Das war mir damals vom Rhythmus her zu langsam. Das habe ich jetzt erst im Vorfeld zu den Dreharbeiten nachgeholt. Delius hatte ich in den 90er-Jahren gelesen. „Der Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ war für mich interessant, weil ich ja fast in Rostock studiert hätte. Die Erzählung behandelte aber eine Zeit, die für mich untergegangen schien.

Wieso haben Sie dann eine Adaption dieser Erzählung vorangetrieben?

Durch die Flüchtlingskrise 2015. Da waren die Bilder von all den Fliehenden, von den Ertrunkenen. Auch als Russland die Krim annektierte, standen viele vor der Entscheidung: Soll ich fliehen oder bleiben, auch wenn ich dann meine Verwandten nicht mehr sehen kann? Was ja dann eine Situation wie in der DDR war. Das hat mich beschäftigt. Auch der Unterschied: auf der Flucht sein und auf Reise sein. Bei alldem ploppte das Buch wieder in meinem Kopf auf. Ich stand da an einer Kreuzung und habe Lars angerufen. Ich hatte damals gerade mein Regiedebüt „Wildes Herz“ abgedreht, den er produziert hat. Und ihm konnte ich sagen: „Gerade jetzt macht dieses Buch was mit mir“. Das war wie so ein Überthema. Wir haben es dann beide noch mal gelesen und fanden es interessant, das zu verfilmen.

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Warum hat das dann so lange gedauert? Das ist ja über zehn Jahre her.

Wir haben lange überlegt, wie wir das angehen sollen. Ob das eine Serie werden könnte. Oder ein High-Budget-Film. Aber das war schwer zu finanzieren. Dass das so lange gedauert hat, spricht für sich. Aber jetzt ist der Film fertig!

Sie waren 16, als die Mauer fiel. Hatten Sie damals auch Ausbruchsfantasien? Oder die Sehnsucht, die Welt zu bereisen?

Klar. Wir durften in DDR-Zeiten nur „bestimmt“ reisen. Mein Vater wollte immer einmal in seinem Leben nach Taormina, das war sein Syrakus. Und ich bekam zur Jugendweihe einen dicken roten Band mit Autorouten geschenkt. Da war in der Mitte die innerdeutsche Grenze, rechts war alles ganz bunt, DDR, Polen, Ungarn, Tschechoslowakei, Rumänien. Und links ein graues Feld, da stand Bonn und Paris, aber sonst nichts. Ich war damals 14, und natürlich hat das Gehirn gefragt: Wieso? Hiddensee war meine zweite Heimat, da waren wir jedes Jahr, genau dort, wo Klaus Müller sein Segelboot liegen hatte. Mein Vater sagte, wenn gutes Wetter ist, sieht man Dänemark. Als Kind war das ein abstraktes Wort. Aber als Teenager wurde mir klar: Da kommst du nie hin. Ich bin zu spät geboren, als dass ich mich daran hätte abarbeiten müssen. Aber im Sommer ’89 hatten ein paar Kumpel und ich auch drüber nachgedacht, wie man wohl „rübermachen“ könnte. Der Bruder eines Kumpels kam dann aber nicht mal mehr in die Tschechoslowakei rein. Die Vorstellung, diesen Status quo blöd zu finden, fing damals an zu reifen. Aber dann „fiel“ die Mauer und ich konnte reisen, wohin ich wollte.

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In Filmen über die DDR muss die Ausstattung immer besonders stimmen. Wie war das, wieder in den Kulissen von damals zu stehen?

Ich bin ja nicht so ein sentimentales Wesen. Aber ich fand es super für den Film. Und habe mich sehr gefreut über die Arbeit unserer Szenenbildnerin Jenny Rösner und ihres gesamten Teams. Es war natürlich teils vertraut, aber teils auch bizarr. Die Klamotten und die „Jesuslatschen“, die da rausgekramt wurden! Oder das Alubesteck, das sich sofort wegbog, wenn man die Butter etwas fester strich. Das hatte ich vergessen, aber das war alles wieder da. Aber mir wurde da nicht heimelig.

Hat man vielleicht auch eine gewisse Aversion, noch mal da reingezwängt zu werden?

Nö. Das hilft ja bei so einer Arbeit. Und der Film verlangt das auch. Ein Film ist ja wie ein Kind, das sagt: Ich brauch’ jetzt Babybrei. Das muss dann auch guter Babybrei sein.

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Viele meinen ja, die DDR sei auserzählt. Ist der Film der Gegenbeweis: Es gibt noch ganz viele Geschichten, die noch nicht erzählt wurden?

Allein das Schicksal des Schriftstellers Jürgen Fuchs wäre dringend zu verfilmen, der einfach von der Straße weg anderthalb Jahre weggesperrt wurde. Sie bekamen ihn nicht geknackt, weil er mental einfach stärker war, und haben ihn dann einfach ausgebürgert. Aber es gibt auch andere Geschichten, die dringend erzählt werden müssen, etwa über die Entwicklung der ersten deutschen Einheit unter Bismarck. Nein, keine Epoche ist auserzählt.

Delius’ Erzählung basiert auf der realen Flucht von Klaus Müller. Haben Sie Kontakt mit ihm aufgenommen? Oder lässt man das tunlichst bleiben, um sich die künstlerische Freiheit zu bewahren?

Ich habe seine Texte gelesen. Aber anders als bei „Bornholmer Straße“ wollte ich mich hier nicht bei der Person aufhalten. Weil mich das Thema mehr interessierte als die konkrete Biografie. Und weil wir die Figur mit dem Blick von heute erzählen. Es geht nicht um eine perfekte Imitation. Dafür wär ich sowieso der Falsche. Und entscheidend war immer, dass ja schon Delius’ Erzählung eine Ableitung ist. Da heißt die Hauptfigur nicht Klaus Müller, sondern Paul Gompitz.

Delius schrieb als westdeutscher Autor darüber. Früher hat so was immer Diskussionen ausgelöst. Ist das inzwischen überwunden?

Es gibt immer noch diesen Streit, dass man vom Osten nur erzählen kann, wenn man dort lebte. Spätestens seit „Das Leben der Anderen“, aber auch schon bei „Good Bye, Lenin!“. Wenn jemand aus den alten Bundesländern sich an das Thema macht, werden sofort Hornsignale ausgestoßen: Das dürfen die nicht! Mit der Logik dürfte auch kein Ostdeutscher einen Film im Ruhrgebiet machen. Ich fand es gerade öffnend, dass jemand aus der „alten“ BRD dieses Phänomen Klaus Müller mit einem zitierenden und beinahe dokumentarischen, neugierigen Blick einzufangen suchte.

Spaziergang nach Syrakus

Charly Hübner mit Lina Beckmann in „Spaziergang nach Syrakus“.© Pandora | Pandora

Ein großer Coup des Films ist, dass Sie hier zusammen mit Ihrer Frau Lina Beckmann spielen. Wie ist das, vor der Kamera ein Paar zu spielen – zumal eines, dessen Liebe am Ende zerbricht?

Für uns ist das schön. Wir haben uns ja durch die Arbeit kennengelernt und dabei verknallt. Und wir lieben es einfach, zusammen zu spielen. Am Anfang unserer Beziehung haben wir das exzessiv gemacht, in den letzten Jahren dann weniger. Hier kam der Vorschlag von der Produzentin Maren Knieling. Lars hat uns gefragt, ob das für uns okay wäre. War es! Und für Lina war es spannend, in eine solche DDR-Biografie zu schauen.

Lernt man sich bei der gemeinsamen Arbeit noch mal anders kennen? Überrascht man sich da noch?

Da wir unsere Arbeit seit 15 Jahren so gegenseitig mitkriegen und wirklich sehr viel miteinander gemacht haben, ist die Überraschung mehr, welche Mittel jetzt eingesetzt werden, was jetzt aus der Seele gepult wird. Es ist eher ein Geschenk, dass wir uns so gut kennen und sofort in der Arbeit sind.

Wir hätten gern mit Ihnen beiden gesprochen. Aber Sie sind beide derzeit so stark engagiert, dass das gar nicht ging. Da kommt die Frage auf: Wie oft sehen Sie sich eigentlich?

(lacht) Na, keine Sorge. Wir sehen uns immer. Es ist nur so, dass der Film früher in die Welt kommt als ursprünglich gedacht. Dadurch ist ganz schön planerischer Druck in die Leitung geraten, weil wir beide längst anderweitig verplant waren. Lina steckt in einer großen Theaterproduktion in Hamburg, und ich drehe in Berlin. Dadurch ist das eng. Aber das sind ja Luxusproblemchen.

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