So wie in „Everytime“ hat man Trauer im Film noch nie gesehen. Eine ganz eigene Erfahrung, auch dank einer grandiosen Birgit Minichmayr.
„Es ist ein bisschen… strange“. Das finden die Freunde des 18-Jährigen, der gerade sein Abitur gemacht hat. Weil er immer noch im engen Kontakt zur Mutter seiner verstorbenen Freundin steht. Das findet aber auch der Ex der Mutter, wenn sie nicht nur ihre jüngere, zweite Tochter, sondern auch den Jungen zum Gartenfest bei den Schwiegereltern mitbringt. Und das findet auch der Zuschauer. Ist so eine Bindung nicht, vorsichtig ausgedrückt, ungewöhnlich? Noch dazu, wo der Junge doch eine gewisse Mitschuld am Tod der Tochter trägt und die Mutter allen Grund hätte, ihn zu hassen.
Kein Weinkrampf, kein Zusammenbruch: So hat man Trauer noch nie gesehen„Guck mal, die Sonne“: Das waren die letzten Worte von Jessie (Carla Hüttermann). Eigentlich wollte die 17-Jährige mit ihrer Mutter Ella (Birgit Minichmayr) und der kleinen Schwester Melli (Lotte Shirin Keiling) an diesem Morgen in Urlaub fahren, nach Teneriffa, wie jedes Jahr. Aber dann ist sie noch mal heimlich rausgeschlichen, um mit Lux (Tristán Lopéz) Party zu machen. Mit Tanzen, Trinken und Pillen. Am Ende saßen sie auf dem Dach eines Plattenbaus in Berlin. Wobei die Kamera erst Jessies Blick einnahm, dann über die graue Fassade des Gebäudes strich. Vor der dann lautlos ihr Körper hinabfiel. Während Lux schon weggedöst war. Dann gibt es eine von vielen langen Schwarzblenden, wo der Zuschauer, wo der Film selbst den Atem anhält.
Ein Jahr später steht Ella am Grab, gießt die Blumen, führt dabei aber multifunktional ein Geschäftsgespräch am Telefon. So wie hier hat man Trauer im Kino wohl noch nie gesehen: Kein Weinkrampf, kein Zusammenbruch. Kaum emotionale Momente, kaum Musik. Und nie wird auf Tränendrüsen gedrückt. Stattdessen kalte, nüchterne, betont beiläufige, fast dokumentarische Bilder, aus einer gewissen Entfernung heraus aufgenommen, wie absichtlich aus Distanz. Das Leben, zeigen diese Bilder, geht weiter, muss weitergehen. Darauf besteht die Mutter, schon wegen der kleinen Melli. Deshalb bleibt Ella immer in Bewegung, um bloß nicht zu erstarren. Aber zu diesem Leben gehört eben auch Lux, der Teil der Familie war und immer noch ist. Auch wenn er längst eine neue Freundin hat.
Sandra Wollner: Lauter Filme um Familie, Verlust und ErsatzErst vor sechs Wochen startete der Film „Vier minus drei“, der den Verlust schon im Titel bilanzierte und von einer jungen Frau handelte, die auf einen Schlag ihre ganze Familie verliert. Das war herzzerreißend, aber in seiner Emotionalität nur schwer zu ertragen. Ständig musste man da mitheulen. Sandra Wollners „Everytime“ sieht sich an wie ein radikaler Gegenentwurf, der alles anders macht. Der Trauerverarbeitung ganz anders zeigt. Und dabei auch eine andere Gleichung aufstellt: „Drei minus eins plus eins“. Lux wird quasi in die Familie aufgenommen. Wird zum Ersatzkind für Ella. Und diese für ihn, der mit seinem Vater allein lebt, zur Ersatzmutter.

Um zerrissene Familien, um Verlust und Ersatz geht es in allen Filmen Sandra Wollners. Ihr erster Spielfilm „Das unmögliche Bild“ (2016) wirkte wie ein altes Homevideo, bei dem der Vater plötzlich vor der Kamera tot umfällt – und die Tochter seine Stelle einnimmt und die Familie weiter ablichtet. Und in „The Trouble of Being Born“, für den die Regisseurin 2020 auf der Berlinale den Spezialpreis der Jury in der Reihe Encounters erhielt, ging es erst scheinbar um eine Vater-Tochter-Beziehung. Bis klar wird, dass die Zehnjährige ein Android ist, Ersatz für eine verlorene Tochter, aber offenbar auch ein Objekt der Begierde des Mannes. Bis der künstliche Mensch dann für eine ältere Dame zu deren vor 60 Jahren verstorbenem Bruder umfunktioniert wird. Ersatz als Bestimmung.
Der Film ist nicht nur ein bisschen schräg, sondern mehr als dasImmer wieder geht es in Wollners Filmen aber auch um Erinnerung, um Wahrnehmung und deren Rückversicherung. Auch in „Everytime“, der im Mai in Cannes den Preis als bester Film in der Kategorie Un Certain Regard lief. Die Mutter schaut sich da beim Bügeln alte Urlaubsvideos an, als ihre tote Tochter noch ganz klein war. Die kleine Schwester liest alte Textnachrichten von ihr auf ihrem Handy. Und schreibt Jessie Messages ins Nirwana. Und Lux scrollt sich in Jessies altem Handy durch deren Fotos, mit der Sonne über Berlin als letztem Bild, und hört wiederholt ihre letzte Nachricht ab, indem sie ihn fragt, ob er nicht mit in den Urlaub nach Teneriffa will.

Grandios: Birgit Minichmayr als Mutter.© TheBarricades, PanamaFilm/dpa | Gregory Oke
„Ein bisschen… strange“? Nein, der Film ist mehr als das. Anfangs schwer zugänglich mit seiner spröden, radikal zurückgenommenen Ästhetik, überrascht er einen immer wieder mit neuen Wendungen und zieht einen doch in den Bann. Was natürlich auch an den Darstellern liegt, insbesondere an Birgit Minichmayr als pragmatische Mater Dolorosa. Unfassbar, wenn Lux einmal doch Schuldgefühle überkommen und sie ihn tröstend auf ihren Schoß nimmt. Woher nimmt diese Mutter ihre Kraft? Umso schmerzlicher, wenn mitten in einem komischen Moment dann doch alles aus ihr herausbricht. Von der Kamera nur von hinten aufgenommen.
Mehr als schräg: Ella geht mit Lux aber auch den letzten Weg, den dieser in der Schicksalsnacht mit Jessie gelaufen ist. Und probiert dann sogar dieselben Pillen, die sie damals genommen haben. Am Ende lädt sie Lux sogar ein, mit ihnen nach Teneriffa zu fahren, ihre Familientradition mit fortzuführen.

Sandra Wollner bei der Premiere ihres Films im Mai in Cannes. © picture alliance / dpa | Hubert Boesl
Und da, außerhalb des heimischen Berliner Nestes, das die Verlorenen irgendwie zusammengehalten hat, kippt der Film dann gänzlich ins Surreale. Wieder heißt es da: Guck mal, die Sonne. Aber diesmal, weil sie nicht untergeht, weil sie stundenlang stillsteht. Und im Auge der Kamera sogar quadratisch wird. Ein Fantasy-Einbruch, mit dem dann alles möglich wird. In dem plötzlich auch eine ganz kleine Jessie wie aus den frühen Urlaubsvideos wieder auftaucht.
Ist das ein Drogenrausch von Melli, die versehentlich auch Lux‘ Pillen genommen hat? Wird damit eine weitere Tragödie kaschiert? Oder ist gar der ganze Film nur Projektion und Wunschdenken? Das lässt Sandra Wollner bewusst offen. So trägt man „Everytime“ noch lange Zeit mit sich herum. Und kann sich darüber auch trefflich streiten. Der Film ist eine bittere Pille. Aber auf jeden Fall eine Kinoerfahrung, wie man sie nur ganz, ganz selten macht.
Drama, Deutschland 2026, 124 min., von Sandra Wollner, mit Birgit Minichmayr, Tristán Lopéz, Lotte Shirin Keiling, Carla Hüttermann. ****
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