Deutschland ist längst Ziel hybrider Angriffe. Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beschreibt, was jetzt zu tun ist und warum Putins Vorgehen ein Zeichen der Schwäche ist.
Deutschland ist längst Ziel hybrider Angriffe. Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg beschreibt, was jetzt zu tun ist und warum Putins Vorgehen ein Zeichen der Schwäche ist.
Die wirksamste Sensorik der deutschen Drohnenabwehr war in der Nacht zum 5. August ein Busfahrer. Er sah auf dem Vorfeld des Flughafens Leipzig/Halle ein Gerät liegen, das dort nicht hinzugehören schien, und tat das einzig Richtige: Er meldete es. Was Spezialisten der Bundespolizei dann entschärften, war eine militärisch anmutende Drohne mit Sprengladung und Zünder, abgestellt in unmittelbarer Nähe zweier ukrainischer Antonow-Frachtmaschinen.
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Die Bundesanwaltschaft hat das Verfahren am 6. August wegen besonderer Bedeutung an sich gezogen. In ihrer Mitteilung steht der Verdacht des versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und des gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr; eine Frachtmaschine habe durchstarten müssen und sei im erweiterten Flughafenbereich mit einem Gegenstand kollidiert, mutmaßlich einer weiteren Drohne.
Karlsruhe nennt das einen „schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur in Deutschland“. Der Bundesinnenminister sprach von einem „hybriden Anschlagsszenario“ und von hochprofessionellen Tätern.
Bemerkenswert ist an alldem weniger die Technik als die Grammatik. Ein Staat, der weiß, was geschehen ist, sagt nicht, wer es getan hat. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen Unbekannt, was zugleich juristisch korrekt und politisch unbefriedigend ist.
Nach Presseberichten haben die Ermittler eine DNA-Spur gesichert, die mit jener vom Brandsatz übereinstimmen soll, der im Juli 2024 in einem Leipziger DHL-Frachtcontainer in Brand geriet; dieselbe Spur sei zuvor in Litauen registriert worden. Einer Person zugeordnet ist sie bislang nicht. Genau das ist die Signatur dieser Konfliktform: Sie liefert Spuren, aber keine Absender.
Hybride Kriegführung ist keine Waffengattung. Vielmehr ist sie eine Form der Attacke: Man erschwert dem Gegner die Antwort, indem man ihm die Zurechnung nimmt. Leipzig/Halle ist dafür ein präzise gewählter Ort. Rund 1,4 Millionen Tonnen Luftfracht im Jahr, ein europäisches Drehkreuz und zugleich die deutsche Operationsbasis für den strategischen Lufttransport des Nato-Bündnisses. Ein ziviler Knoten mit militärischer Schlüsselfunktion. Wer ihn trifft, muss keinen Krieg erklären. Er muss nur eine Lieferkette verzögern, um den politischen Preis der Ukraine-Unterstützung deutlich zu erhöhen.
Man sollte dem Begriff „hybrid“ die Aura des Neuen nehmen. In der Nacht zum 30. Juli 1916 flog auf Black Tom Island im Hafen von New York ein Munitionsdepot in die Luft: rund zwei Millionen Pfund Kriegsmaterial, bestimmt für die Entente. Die Detonation wurde noch in Philadelphia registriert, sie beschädigte die Freiheitsstatue, deren Fackel seither für Besucher geschlossen ist.
Verantwortlich war ein Sabotagenetz, das aus der deutschen Botschaft in Washington heraus aufgebaut worden war. Unter Beteiligung des Militärattachés Franz von Papen, der siebzehn Jahre später einem österreichischen Gefreiten die Reichskanzlerschaft „zuschanzen“ sollte (faktisch war es Hindenburg).
Zwischen 1914 und 1918 zählte man über fünfzig Sabotageakte auf amerikanischem Boden, fast dreißig davon im Raum New York. Die USA waren neutral. Sie standen nur für das Arsenal der anderen Seite.
Die Parallele ist unangenehm ähnlich, und sie ist heute für uns spiegelverkehrt. Deutschland kommt 2026 dem nahe, was Amerika 1916 war: nicht Kriegspartei, aber logistische Voraussetzung. Wer heute angreift, ohne anzugreifen, folgt einem Muster, das deutsche Diplomaten und Offiziere einst selbst perfektioniert haben.
Ein Jahr nach Black Tom, im April 1917, schickte das Kaiserreich einen Emigranten im plombierten Waggon durch halb Europa nach Petrograd – die vielleicht wirkungsvollste Einflussoperation der Moderne, und ein Lehrstück darüber, dass solche Operationen die Neigung haben, ihre Auftraggeber zu überleben. Der Name des Emigranten war Wladimir Iljitsch Lenin.
Die sowjetische Schule nannte es zu ihrer Zeit „aktive Maßnahmen“: Desinformation, Legendenbildung, Zersetzung. Eine solche Kampagne, etwa die Behauptung, das HI-Virus stamme aus einem amerikanischen Labor, brauchte früher indes oftmals Jahre, Fälschungen und geduldig gestreute Zeitungsartikel. Heute leistet ein Bot-Netz dieselbe Arbeit vor dem Frühstück.
Erstmals breitere Resonanz fand der Begriff „hybride Kriegführung“ 2007 beim amerikanischen Militärtheoretiker Frank G. Hoffman, der nach dem Libanonkrieg beschrieb, wie ein Akteur reguläre, irreguläre und terroristische Mittel im selben Raum verschränkt.
Was den Westen nach der Annexion der Krim 2014 umtrieb, war eine andere Frage: Wie kann man einem anderen Staat ein Territorium nehmen, ohne selbst Krieg zu führen? Die Antwort schien in einem Aufsatz zu liegen, den der russische Generalstabschef Waleri Gerassimov ein Jahr zuvor in einer Fachzeitung veröffentlicht hatte. Mark Galeotti, ein britischer Historiker und Experte für russische Sicherheitspolitik, nannte das die „Gerassimov-Doktrin“.
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Der Begriff bezeichnet ein westliches Konzept hybrider Kriegführung, das militärische mit nichtmilitärischen Mitteln – etwa Desinformation, Cyberangriffen, Wirtschaftsdruck und verdeckten Operationen – kombiniert, um politische Ziele zu erreichen, ohne dass ein offener, konventioneller Krieg erklärt wird. Galeotti widerrief allerdings 2018 in „Foreign Policy“: Diese Doktrin existiere gar nicht, und je länger man an ihr festhalte, desto gründlicher verkenne man die tatsächliche Herausforderung.
Aus einer vermeintlichen Doktrin jedenfalls ist eine global genutzte Gebrauchsanleitung für moderne Kriegführung geworden. Der Punkt ist nicht allein philologisch. Wir haben jahrelang einen Text interpretiert statt eine Praxis zu studieren, die längst vorlag: Estland 2007, Georgien 2008, die grünen Männchen der Krim.
Die Zahlenlage ist eindeutig. Der US-Think-Tank CSIS hat für seine Datenbank russischer Aktivitäten in Europa eine Vervierfachung der Angriffe zwischen 2022 und 2023 und beinahe eine Verdreifachung zwischen 2023 und 2024 erhoben; etwa 28 Prozent der Attacken richteten sich gegen Verkehrsziele, weitere 28 Prozent gegen staatliche, rund 20 Prozent gegen kritische Infrastruktur. Verantwortlich war nach Einschätzung der Autoren in vielen Fällen der Militärnachrichtendienst GRU – teils durch eigene Offiziere, teils indirekt über angeworbene Mittelsmänner.
Der britische Think-Tank IISS hat den Anstieg der Angriffe auf europäische kritische Infrastruktur zwischen 2023 und 2024 auf 246 Prozent beziffert und in einer Untersuchung vom Sommer 2026 rund 144 verdächtige Drohnensichtungen in Europa zwischen 2024 und 2026 kartiert, mit einem Höhepunkt Ende 2025 – alles Vorfälle bewusst und präzise unterhalb jener Schwelle, die eine kollektive Reaktion der Nato auslösen würde. Das Urteil der Londoner Institution über die europäische Antwort fiel vernichtend aus: ein strategisches Versagen.
Eine Beobachtung aus derselben Untersuchung verdient besondere Aufmerksamkeit, weil sie zwei Dossiers zusammenführt, deren Inhalte wir in der Öffentlichkeit bislang getrennt betrachtet haben. Das IISS hält es für wahrscheinlich, dass ein Teil der Drohnen von Schiffen der russischen Schattenflotte aus gestartet wurde; Schwedens Militärvertreter bei der Nato nannte das eine vernünftige Annahme und fügte, mit gebotener Vorsicht, hinzu, dass die Zurechnung im Einzelfall außerordentlich schwierig bleibe.
Trifft es zu, dann ist ein Tanker mit undurchsichtigem Register, zweifelhafter Versicherung und abgeschaltetem Transponder nicht mehr nur ein Umgehungsvehikel für die Ölliefersanktionen, sondern eine mobile Startrampe in Reichweite nahezu jeder europäischen Küste – und ein Rechtsproblem obendrein, denn die Freiheit der Meere schützt auch den, der sie missbraucht.
Der Verfassungsschutzbericht für 2025, vorgelegt Ende Juni 2026, formuliert es für unser Land unmissverständlich: Deutschland befinde sich täglich „im Zielkorridor hybrider Angriffe“; man werde praktisch permanent angegriffen. Russische Dienste setzten zunehmend sogenannte Wegwerfagenten ein – rekrutiert über Messengerdienste, bezahlt in Kryptowährung, oft ohne Kenntnis des Auftraggebers, mitunter minderjährig.
Was das mit dem hiesigen Verständnis des Begriffs „Verteidigung“ macht, ist die eigentliche Zäsur. Fünf Verschiebungen sind erkennbar.
Erstens: Verteidigung beginnt nicht mehr an der Grenze. Sie beginnt am Umspannwerk, am Rechenzentrum, am Frachtterminal. Kritische Infrastruktur ist zum Gefechtsfeld geworden, weil eine Front ohne diese nicht funktioniert.
Zweitens: Der Zwischenzustand ist der Normalzustand. Unser Recht kennt den Verteidigungsfall. Dieser ist klar definiert. Unser Recht definiert den Frieden als Normalzustand ohne bewaffneten Konflikt. Die rechtlichen Vor- und Zwischenstufen jedoch bilden die permanente Bedrohungslage, in der wir uns befinden, nicht ab. Die Wirklichkeit spielt seit Jahren dazwischen.
Drittens: Föderale Zuständigkeit trifft auf Sekundenlagen. Binnen kürzester Zeit müssen Maßnahmen in hochkomplexen Entscheidungsstrukturen beschlossen werden. Immerhin: Seit Dezember 2025 arbeitet ein Gemeinsames Drohnenabwehrzentrum von Bund und Ländern, seit Juni 2026 ein Gemeinsames Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen; im Februar 2026 hat der Bundestag das Luftsicherheitsgesetz novelliert und der Bundeswehr Amtshilfe gegen Drohnen bis hin zur Waffengewalt eröffnet. Die Reform des Bundespolizeigesetzes steht noch aus.
Viertens: Die Ökonomie der Flugabwehr ist ruiniert. Eine Drohne für zehntausend Euro mit einem Lenkflugkörper für vierhunderttausend Euro zu bekämpfen, mag militärisch wirksam sein, ist aber ökonomischer Selbstmord. Der Gegner rechnet mit unserer Rechnung.
Fünftens: Die Wirtschaft, Gesundheitseinrichtungen und Infrastruktur werden zur neuen Frontlinie. Ein Flughafenbetreiber, ein Netzbetreiber, ein Krankenhaus, ein Logistiker führt kein Sicherheitsressort und trägt doch Verteidigungslast. Der „Operationsplan Deutschland“ beschreibt das bereits; finanziert und eingeübt ist es allerdings allenfalls teilweise.
Kommt die Gefahr allein aus Russland? Nein. Aber man soll die Proportionen nicht verwischen, um weltläufig zu wirken. Der Schwerpunkt der Sabotage in Europa liegt eindeutig bei russischen Diensten und ihren Mittelsmännern, und hinsichtlich Leipzigs sprechen Zielwahl, Sprengstoffqualität und Spurenlage für diese Richtung, auch wenn die Bundesanwaltschaft sie mit gutem Grund noch nicht ausspricht.
Daneben aber steht ein zweiter, stiller Akteur. Der Verfassungsschutz stuft chinesische Spionage- und Einflussaktivitäten in Deutschland als gravierend ein und widmet ihnen in seinem jüngsten Bericht einen umfangreichen Abschnitt – potentielle Ziele sind Wissenschaft, Hochtechnologie, Lieferketten.
Peking sabotiert selten Rollfelder; es kauft, kopiert, kompromittiert Netze und legt sich Zugänge zurecht, die im Krisenfall nützlich wären. Ökonomische Erpressbarkeit ist dabei kein Nebenschauplatz, sondern die eigentliche Waffe: Wer Ausfuhrgenehmigungen für Seltene Erden oder Chipbausteine als Ventil benutzen kann, braucht keine Drohne.
Der Iran hat nach Darstellung der Sicherheitsbehörden seine Ausspähung und Verfolgung iranisch-oppositioneller wie jüdischer Ziele in Deutschland ausgeweitet, bis hin zu dem, was im Behördendeutsch „Neutralisierungsversuche“ heißt – gemeint sind Mordversuche auf deutschem Boden.
Nordkorea wiederum finanziert seinen Staatshaushalt zu einem Gutteil über Cyberkriminalität. Belarus instrumentalisiert Migration als Druckmittel. Und unterhalb der Staaten arbeitet ein eigener, dunkler Markt: kriminelle Netze, Reeder von Schattenflotten, Söldner und angeworbene Gelegenheitstäter.
Unsere Verwundbarkeit ist nicht importiert. Sie ist hausgemacht – und genau deshalb auch reparierbar.
Die unbequemste Antwort auf obige Frage lautet anders: Die entscheidende Angriffsfläche sind nicht die Angreifer, sondern wir. Eine polarisierte Öffentlichkeit, eine Verwaltung mit langen Meldewegen und teilweise veralteter Technik, eine Wirtschaft mit Auslandsabhängigkeit bei Halbleitern, Cloudservices oder Antibiotika, eine sicherheitspolitische Debatte, die Ausrüstung mit Sozialpolitik verrechnet – all das lässt sich nicht in Moskau bestellen.
Es lässt sich aber trefflich nutzen. Dazu gehört auch eine Ehrlichkeit in der deutschen Debatte, die eigene Abhängigkeit von amerikanischer Aufklärung und amerikanischer Technologie als strukturelles Risiko zu benennen, ohne daraus ein Ressentiment zu machen. Souveränität ist keine Trotzhaltung, sondern ein Prinzip der Beschaffungsliste.
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Was jetzt notwendig und geboten ist:
Erstens: Zurechnen und benennen. Der Rechtsstaat braucht Beweise; die Politik aber braucht klare Sprache. Attribution ist ein sicherheitspolitisches Instrument, kein Strafurteil. Ein wochenlanger Verweis auf „fremde Mächte“ überlässt dem Gegner die Deutung – und gibt den Bürgern das Gefühl, im Unklaren belassen zu werden.
Zweitens: Detektion vor Effektoren. Leipzig hat gezeigt, dass eine über Mobilfunk gesteuerte Drohne im Frequenzscan nicht von einem Telefon zu unterscheiden ist. Wer nur Funk sucht, findet nichts. Nötig ist die Fusion aus Radar, Akustik, Optik und Mobilfunkanalyse an den zwanzig bis dreißig Knoten, deren Ausfall das Land wirklich trifft – und zwar noch in diesem Haushaltsjahr.
Drittens: Entscheidung in Minuten, Prüfung in Ruhe. Die Novelle des Luftsicherheitsgesetzes war überfällig, reicht aber nicht. Es braucht eine entscheidungsfähige Stelle, die im Ereignisfall handelt, statt Zuständigkeiten zu klären, und eine nachgelagerte rechtliche Kontrolle statt vorgelagerter Ressortabstimmung. Der Nationale Sicherheitsrat sollte diese Kette einmal im Quartal unter Zeitdruck erproben.
Viertens: Die Kostenkurve umkehren. Interceptor-Drohnen, elektronische Wirkmittel, Richtenergie – billig, in Serie, aus europäischer Fertigung. Die Ukraine baut solche Systeme im Wochentakt; die EU-Ukraine-Drohnen-Allianz vom Mai 2026 ist der richtige Rahmen, um Erfahrung gegen Kapital und Skalierung zu tauschen.
Fünftens: Kritische Infrastruktur als Verteidigungsaufgabe behandeln. Pflichten für Betreiber ohne Finanzierung erzeugen Akten, nicht Sicherheit. Umsetzung der europäischen Vorgaben, verbindliche Mindeststandards, gemeinsame Übungen mit Flughäfen, Bahn, Netzbetreibern – und ein Meldeweg, der in Minuten und nicht in Ressortschleifen misst.
Sechstens: Antworten mit Preis. Ausweisungen, Sanktionen gegen die Schattenflotte, Hafenstaatkontrollen, sichtbare Strafverfolgung, im Einzelfall offensive Optionen im Cyberraum. Abschreckung entsteht nicht durch Empörung, sondern durch Kalkulierbarkeit: Wer dies tut, muss jenes bezahlen.
Siebtens: Die Bevölkerung nicht schonen, sondern befähigen. Finnland und die baltischen Staaten führen vor, dass Gesamtverteidigung eine zivile Kompetenz ist. Eine Gesellschaft, die weiß, was der Ernstfall bedeutet und was dann zu tun ist, ist das wirksamste Gegenmittel gegen eine Strategie, deren Zielorgan unsere Nerven sind.
Nun zum eigentlich Erfreulichen, und es gibt mehr Grund dafür, als die Nachrichtenlage vermuten lässt.
Erstens funktioniert Abschreckung im Grauzonenbereich, wenn man sie ernsthaft betreibt. Seit dem Start der Nato-Mission Baltic Sentry im Januar 2025 hat das Bündnis einen deutlichen Rückgang der Angriffe auf Unterseeinfrastruktur in der Ostsee verzeichnet und die Reaktionszeit auf verdächtige Vorfälle von siebzehn Stunden auf eine Stunde gedrückt. Präsenz wirkt.
Zweitens lernt der Apparat schneller als es der öffentliche Ton nahelegt. Zwischen dem Brandsatz im Frachtcontainer von 2024 und der Drohne von 2026 liegen ein gemeinsames Drohnenabwehrzentrum, ein Zentrum gegen hybride Bedrohungen, ein novelliertes Luftsicherheitsgesetz, eine Bundespolizeieinheit im Aufbau – und die Sicherstellung einer forensischen Spur, die von Leipzig nach Litauen reicht.
Drittens ist Europa in der Sache erstmals konkret. Die Drohnenabwehrinitiative und die Eastern Flank Watch sind Anfang 2026 gestartet, erste Fähigkeiten sollen bis Jahresende stehen; im Februar kam ein europäischer Aktionsplan gegen Drohnen, im April über eine Milliarde Euro aus dem Verteidigungsfonds für 57 konkrete Sicherheitsprojekte. Man mag über Tempo und Architektur streiten – ich tue das mit Ausdauer –, aber die Richtung stimmt zum ersten Mal seit Jahren.
Und viertens, vielleicht am wichtigsten: Hybride Kriegführung ist die Waffe des Schwächeren. Wer eine Konservendose mit Semtex an eine Drohne klebt und anschließend beteuert, mit alldem nichts zu tun zu haben, führt kein Zeichen der Stärke vor, sondern eines der Begrenzung. Die Leugnung ist nicht nur Tarnung; sie ist Eingeständnis. Wer offen könnte, müsste sich nicht verstecken.
Bleibt der Busfahrer von Schkeuditz. Wir werden viel Geld für Radare, Effektoren und Rechenzentren ausgeben, und wir sollten es ausgeben. Aber die Lehre dieser Nacht ist billiger und beständiger: Ein Land ist so wehrhaft wie die Aufmerksamkeit seiner Bürger und die Reaktionsfähigkeit seiner Institutionen. Das eine hatten wir. Das andere bauen wir gerade. Der Zünder hat versagt – das war Glück. Alles Übrige muss Arbeit werden. Unser aller Arbeit.
Karl-Theodor zu Guttenberg wurde bekannt als Bundesminister. Heute ist der ehemalige Politiker Unternehmer, Co-Produzent und Moderator von Dokumentarfilmen und anderen publizistischen Formaten. Er veröffentlicht in englisch- und deutschsprachigen Medien. Seit Juni 2023 ist KT zusammen mit Gregor Gysi Host des Podcasts "Gysi gegen Guttenberg".
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