Woher weiß man, dass jemand rechts ist? Er trägt Seitenscheitel, Polohemd, wohnt in der Doppelhaushälfte. Und er sehnt sich nach den Neunzigern zurück, als Helmut Kohl regierte.
Woher weiß man, dass jemand rechts ist? Er trägt Seitenscheitel, Polohemd, wohnt in der Doppelhaushälfte. Und er sehnt sich nach den Neunzigern zurück, als Helmut Kohl regierte.
Der AfD-Kandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, hat gesagt, er wünsche sich die neunziger Jahre zurück. Damals sei es in Deutschland sicherer gewesen.
Ich kenne eine ganze Reihe Menschen, die finden, dass einiges früher besser war. Messerdelikte zum Beispiel waren so gut wie unbekannt. Man brauchte auch keine Sperranlagen, um Weihnachtsmärkte zu schützen. Wenn man in der Zeitung las, dass jemand mit dem Auto von der Straße abgekommen und in eine Gruppe von Menschen gefahren war, musste es sich um ein Unglück handeln. Der Fahrer hatte entweder einen Herzinfarkt oder einen epileptischen Anfall erlitten. Dass er gezielt sein Auto in die Menge gesteuert haben könnte, darauf wäre man nicht gekommen.
Es gäbe also eine Reihe von Gründen, Herrn Siegmund zuzustimmen. Dennoch wird ihm der Satz zum Vorwurf gemacht. Das ARD-Politmagazin „Monitor“ hat einen eigenen Beitrag gebracht, in dem die Redakteure darzulegen versuchen, weshalb sein Wunsch nicht nur falsch ist, sondern Ausdruck einer rechten Gesinnung und damit gefährlich.
In dem Beitrag präsentierte das Magazin eine junge, schwarze Soziologin, die darüber sprach, weshalb die neunziger Jahre der absolute Horror gewesen seien. Es habe keinen Moment gegeben, in dem sie sich nicht bedroht gefühlt habe. Die Neunziger seien eine Zeit von Hetzjagden, Pogromen und Morden gewesen, hieß es bei „Monitor“.
Jeder hat so seine Erinnerungen. Es wird auch Menschen geben, die sogar die sechziger Jahre als Zumutung empfanden. Dennoch denken die meisten, wenn sie zurückblicken, eher an Swinging Sixties als an Baseballschläger.
Es ist immer das Gleiche. Man greift irgendetwas heraus, was jemand gesagt hat, und dreht es so lange, bis er wie ein Depp dasteht. Ich glaube allerdings, dass man damit das Gegenteil von dem erreicht, was man erreichen will.
Vor ein paar Monaten habe ich gelesen, die AfD wolle zu Leistungsbereitschaft und Disziplin zurück. „Was ein AfD-Minister für Schulen und Hochschulen bedeuten würde“, war eine Geschichte in der „Zeit“ überschrieben. Antwort: „Mehr ‚Leistungsbereitschaft und Disziplin‘, keine Genderforschung, Rückkehr zu Diplom und Magister: Auch mit ihrer Bildungspolitik rückt die AfD den Diskurs nach rechts.“ Zu Deutsch: Wer sein Studium in der Regelstudienzeit mit Diplom abschließt, kann sich gleich selbst beim Verfassungsschutz als Verdachtsfall melden.
Wenn ich bei der AfD wäre, würde ich mich bedanken. Was kann einem Besseres passieren, als dass einem lauter Eigenschaften und Verhaltensweisen zugesprochen werden, die eine Mehrheit der Deutschen positiv sieht? Es ist eine interessante Fehlkalkulation: Nur weil man selbst nichts von Pünktlichkeit und Disziplin hält, denkt man, dass auch die Mehrheit etwas dagegen hätte.
Wenn sich eines in solchen Verdikten zeigt, dann die Begrenztheit des eigenen Horizonts. Was im Prenzlauer Berg oder München-Schwabing als No-Go gilt, ist mitunter schon 20 Kilometer weiter total normal. Dass „normal“ auch ein Begriff ist, der eine verdächtige Nähe zu den falschen Leuten nahelegt, lassen wir an dieser Stelle gnädigerweise unter den Tisch fallen.
Ich habe aus Spaß einmal zusammengetragen, was alles als Hinweis auf eine rechte Gesinnung gilt. Tracht. Zöpfe bei kleinen Mädchen. Seitenscheitel. Rüdes Verhalten. Zu höfliches Verhalten (Sie mögen lachen, aber das war original die Antwort der Linkspartei-Politikerin Susanne Hennig-Wellsow auf die Frage, woran man einen Nazi erkennt: übertriebene Freundlichkeit). Dickmilch statt Kefir. Okay, das Letzte habe ich mir ausgedacht. Aber es liegt auf der Linie.
Habe ich etwas vergessen? Ach ja, Doppelhaushälfte natürlich. Capri-Sonne trinken. Im Wanderverein sein.
Zöpfe bei Mädchen haben inzwischen sogar Eingang in die Kita-Erziehung gefunden. Die Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin hat nach den ersten Erfolgen der AfD eine Broschüre herausgegeben, in der sie Erziehern und Erzieherinnen Tipps gab, wie sie sich besser gegen rechte Gesinnung im Kindergarten wehren könnten. In vielen Fällen ist es ja nicht unmittelbar ersichtlich, dass ein Kind aus einem völkischen Elternhaus stammt.
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Ein rechtes Kind erkenne man zum Beispiel daran, dass es im Morgenkreis schweigsam und passiv sei, da rechte Eltern viel Wert auf Gehorsam legten, hieß es in der Broschüre. Außerdem seien „traditionelle Geschlechterrollen“ im Erziehungsstil erkennbar: Die Mädchen trügen, Achtung, Zöpfe und Kleider, die Jungs hingegen würden „stark körperlich gefordert“.
Meine Tochter ist blond und heißt Greta. Sie war glücklicherweise immer unter den Lautesten im Morgenkreis und hasst bis heute Zöpfe und Kleider. Schwein gehabt.
Es gäbe bei der AfD genug, worüber man sich aufregen könnte. Man muss nicht lange suchen, um auf Äußerungen zu stoßen, bei denen es einem die Schuhe auszieht. Aber der Wunsch nach mehr Leistungsbereitschaft und mehr Sicherheit auf der Straße gehört nicht dazu.
Ich bin dafür, dass die AfD mal zeigt, ob sie regieren kann. Opposition kann jeder. Um wilde Forderungen aufzustellen, dazu gehört nicht viel. Das bekommen sie sogar bei der Linkspartei hin. Aber dann beweisen, dass man das Schiff über Wasser halten kann, das ist etwas ganz anderes. An ihren Taten sollt ihr sie messen, heißt es.
Eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt wäre ein Experiment, klar. Der volkswirtschaftliche Schaden wäre allerdings überschaubar. Sachsen-Anhalt hat zwei Millionen Einwohner, das ist die Größe von Essen, Köln und Duisburg.
Ich glaube, in der AfD-Führung sehen sie ebenfalls mit gemischten Gefühlen nach Magdeburg. Einigen an der Spitze, angefangen bei Alice Weidel, wäre es gar nicht so unrecht, wenn die AfD knapp den Einzug in die Staatskanzlei verfehlen würde. Dann könnte man weiter die verfolgte Unschuld geben. Das ist ja die Paraderolle der AfD.
Viel ist von der Brandmauer die Rede. Dabei wird übersehen, dass es die Brandmauer von zwei Seiten gibt. Auch die AfD hat eine. Als Alice Weidel nach der Bundestagswahl so unvorsichtig war, der CDU Avancen zu machen, wurde sie sofort von den eigenen Leuten zurückgepfiffen. Von wegen unsere Hand ist ausgestreckt, hieß es. Mit der CDU werde man sich ganz sicher nicht zusammentun.
Der „Nius“-Chefredakteur Julian Reichelt hat im vergangenen Jahr einen Kommentar verfasst, in dem er sinngemäß sagte: Entweder trennt ihr euch von den Irren und Wirren, oder es wird halt nichts mit einer Regierungsbeteiligung. Der Text hat ihn auf einen Schlag 50.000 Follower gekostet. Das ist für ein so kleines Portal wie „Nius“ ein erheblicher Aderlass. Aber Reichelt hat recht, das wissen sie auch in der AfD-Spitze.
Solange sie Leute mitschleppen, die Soldaten als hirnlose Krüppel beleidigen, weil sie uns gegen Russland verteidigen, und Ausländer als Gesocks, das man entsorgen müsse, kann die CDU nicht die Hand reichen, so gern es der eine oder andere dort vielleicht auch täte.
Deshalb gibt es nicht einmal Kungelrunden oder informelle Gespräche, in denen man eine wie auch immer geartete Zusammenarbeit vorbereiten könnte. Die Parteivorsitzenden der AfD müssten ein Machtwort sprechen, aber dazu sind sie zu feige.
Das ist der Vorteil von Brandmauern: Sie ersparen einem, sich zu bewegen. Man kann einfach so weitermachen wie bislang.
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