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Merz droht Habecks Schicksal: Gesundheitsreform könnte das neue Heizungsgesetz werden

Дата публикации: 14-08-2026 05:25:00

Die geplante Attestpflicht steht exemplarisch für ein größeres Problem: Reformen sollen entlasten, könnten aber Misstrauen und Widerstand verstärken.

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Die geplante Attestpflicht steht exemplarisch für ein größeres Problem: Reformen sollen entlasten, könnten aber Misstrauen und Widerstand verstärken.

Deutschland braucht Reformen. Darüber besteht mehr Einigkeit, als die politische Debatte vermuten lässt. Im ZDF-„Politbarometer“ bezeichneten 87 Prozent grundlegende Reformen bei Rente, Arbeitsmarkt und Gesundheit als wichtig. Nur 23 Prozent erwarteten allerdings, dass die Bundesregierung damit einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der Probleme leisten werde.

Der ARD-„DeutschlandTrend“ lieferte Anfang Juli ein noch härteres Lagebild: 13 Prozent Zufriedenheit mit Friedrich Merz, die AfD bei 27 und die Union bei 22 Prozent.

Das ist kein Widerspruch, denn die Bevölkerung lehnt Veränderung nicht grundsätzlich ab. Sie zweifelt aber augenscheinlich an Richtung, Qualität und Fairness. Genau in dieser Lage präsentiert die Koalition 34 Maßnahmen als Befreiungsschlag.

Andreas Herteux ist Wirtschafts- und Sozialforscher und Autor des Standardwerks zur Geschichte der Freien Wähler (FW). Er ist Teil unseres EXPERTS Circle.

Die Attestpflicht steht exemplarisch für das Reformproblem der Regierung

Das Gesetz zur Stabilisierung der Krankenkassenbeiträge ist beschlossen, die Pflegereform liegt bislang als Referentenentwurf vor. Attestpflicht und längere sachgrundlose Befristungen sind politische Vereinbarungen, aber noch kein geltendes Recht. Gerade die Attestpflicht wird bereits breit debattiert. Sie erlebt gerade, und das nicht nur im Netz, eine Weiterentwicklung zum Symbol.

Doch von vorne: Bereits heute kann ein Arbeitgeber eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ab dem ersten Tag verlangen. Künftig soll dies gesetzlicher Regelfall werden; Abweichungen durch Tarifvertrag, Betriebsvereinbarung oder Einzelvertrag müssten nach den bisherigen Ankündigungen möglich bleiben.

30 Millionen zusätzliche Praxisbesuche im Jahr?

Damit entstehen erst einmal zwei Szenarien:

  1. Viele Unternehmen nutzen Ausnahmen; dann bleibt die erhoffte Wirkung begrenzt.
  2. Die Vorgabe greift breit; dann steigt die Zahl medizinisch kaum notwendiger Kontakte. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung rechnet konservativ mit mindestens 30 Millionen zusätzlichen Praxisbesuchen im Jahr.

Im ersten Fall produziert die Politik vor allem ein Signal. Im zweiten Fall entstehen zusätzlich Kosten, Dokumentation und volle Wartezimmer. Gleichzeitig sollen Beiträge stabilisiert und Praxen entlastet werden. Mehr vermeidbare Kontakte passen zu keinem dieser Ziele.

Auch die Anreizlogik bleibt schwach. Ein Missbrauchsfall verschwindet nicht durch ein früheres Attest. Im Zweifel fällt die Krankschreibung länger aus. Der Beschäftigte mit einem leichten Infekt produziert Zusatzaufwand in einer Zeit des Ärztemangels, und das Ende ist absehbar: Die Regelkonformen tragen den Aufwand; das Verhalten der Regelwidrigen ändert sich kaum. Das erscheint weder als gute Kosten-Nutzen-Rechnung noch als sonderlich durchdacht.

Gesellschaft in viele kleinere Gesellschaften mit eigenen Vorstellungen zerbrochen

Hier zeigt sich vielmehr klassische Politik aus den 1990er- und 2000er-Jahren: standardisierte Kontrolle, längere arbeitsrechtliche Flexibilität und der Glaube, gesellschaftliches Verhalten lasse sich durch zusätzliche Nachweise disziplinieren.

Die Gegenwart funktioniert anders. Politische Bindungen sind schwächer, die Gesellschaft ist längst in viele kleinere Gesellschaften mit eigenen Vorstellungen und Werten zerbrochen, Informationen zirkulieren ohne Verzögerung und das Netz ist nicht kontrollierbar. Widersprüche werden binnen Stunden sichtbar und zu Symbolen verdichtet.

Schon kleine Maßnahmen können politisch großen Schaden anrichten

Eine Maßnahme muss deshalb nicht besonders tief eingreifen, um großen politischen Schaden anzurichten: Wirtschaftliche Risiken werden erneut nach unten weitergereicht, und zwar an die hart arbeitenden Milieus der Mitte, die selbst händeringend nach Sicherheit und Orientierung suchen. Gerade jene, auf deren Leistungsbereitschaft der Staat angewiesen ist, sollen mehr Unsicherheit akzeptieren und zugleich mehr Nachweise erbringen. Und das wirft die gefährlichste Frage auf: Wird am Menschen vorbeiregiert?

Zweifellos hatte die Koalition relevante Teile der Bevölkerung von Beginn an nicht hinter sich. Nun gefährdet sie auch die Unterstützung jener, die keine Wunder erwarten, sondern praktische Vernunft. Entscheidend ist final nicht jede einzelne Belastung. Entscheidend ist das Muster, das aus ihnen entsteht.

Eine schwach verankerte Regierung müsste auf Rückmeldung angewiesen sein

Das scheint nicht wirklich angekommen zu sein. Friedrich Merz hat „Nöler“ und „Nörgler“ zum Wegtreten aufgefordert. Kurz darauf mahnten die Fraktionsspitzen ihre Abgeordneten, in der Sommerpause keine unnötigen Debatten anzustoßen. Nach außen entsteht der Eindruck, Kritik sei lästig – obwohl eine schwach verankerte Regierung besonders auf Rückmeldung angewiesen wäre.

Es spielt daher am Ende keine Rolle, ob die Attestpflicht nun das Potenzial ausschöpft, zum Heizungsgesetz der Regierung Merz zu werden. Die politische Mechanik ähnelt sich aber verblüffend: Eine begrenzte Regelung bündelt vorhandenen Unmut, wird zum Symbol für Bevormundung und lässt Zweifel an der Alltagstauglichkeit der gesamten Regierung wachsen.

Populistische Parteien benötigen kein besseres Reformkonzept

Die Reformumsetzung und die Vorschläge bieten an dieser Stelle auch noch einige weitere Kandidaten an. Es spielt aber sehr wohl eine Rolle, ob das Handeln weitere gefährliche Ansätze zur Delegitimierung offeriert.

Populistische Parteien benötigen in einer solchen Lage kein besseres Reformkonzept. Der Hinweis auf die Widersprüche genügt. Den Rest erledigen das Netz und jeder Ort, an dem sich Menschen treffen.

Das Reformpaket setzt Belastbarkeit voraus, wo längst Erschöpfung herrscht

Die kalte Bilanz lautet: geringer erwartbarer Nutzen, hohe administrative Nebenwirkungen und ein erheblicher politischer Preis. Eine Regierung mit schwachem Rückhalt kann sich solche Fehlkalkulationen kaum leisten. Sie behandelt die Stimmung jedoch, als sei Vertrauen noch in ausreichender Menge vorhanden. Darin liegt der eigentliche Irrtum. Das Reformpaket setzt Belastbarkeit voraus, wo längst Erschöpfung herrscht. Es verlangt Vertrauen und institutionalisiert Misstrauen.

Das ist keine Reformresistenz der Bevölkerung. Es ist eine rationale Reaktion auf Politik, deren Rechnung nicht aufgeht. So gewinnt die Regierung nicht nur jene nicht zurück, die sie nie erreicht hat. Sie verliert nach und nach auch solche, die den Staat noch tragen. Für die demokratische Ordnung ist das fatal.

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