Im September wählt Berlin das neue Abgeordnetenhaus. Ein Positionsvergleich der Parteien zeigt: AfD und CDU stimmen in 33 von 38 Punkten überein. Und die schwarz-rote Regierungskoalition ist sich wenig einig.
Im September wählt Berlin das neue Abgeordnetenhaus. Ein Positionsvergleich der Parteien zeigt: AfD und CDU stimmen in 33 von 38 Punkten überein. Und die schwarz-rote Regierungskoalition ist sich wenig einig.
Berlin hat derzeit den engsten Parteienwettbewerb der Republik. In einer Civey-Umfrage von Anfang August 2026 liegen Linke (21 Prozent), CDU (19), AfD (18) und Grüne (17) innerhalb von vier Prozentpunkten. Die SPD des Spitzenkandidaten Steffen Krach folgt mit 12 Prozent. FDP und BSW kämpfen bei je 3 Prozent um den Einzug ins Abgeordnetenhaus bei der Wahl am 20. September.
Rechnerisch und politisch möglich sind nach dieser – und anderen – Umfragen wohl nur zwei Koalitionsmodelle: Rot-Rot-Grün oder eine Kenia-Koalition (CDU, Grüne und SPD).
Umso interessanter ist die Frage, welche Parteien inhaltlich überhaupt zueinander passen. Der WahlSwiper für Berlin gibt hierzu die Antworten. Er besteht aus 38 Fragen, die mit Ja oder Nein zu beantworten sind. Zudem konnten die Parteien auch keine Antwort geben. Beim paarweisen Vergleich der sieben aussichtsreichsten Parteien ergeben sich folgende Übereinstimmungen für die 38 Fragen des WahlSwipers:
Der kostenlose WahlSwiper ist eine Online-Wahlhilfe (voteswiper.org und als App für iOS und Android), die die Antworten der Parteien bei Wahlen auf relevante politische Fragen darstellt. Zu jeder Frage kann ein kurzes Erklärvideo angesehen werden, das den Hintergrund der politischen Streitfrage erklärt. Der WahlSwiper wird vom gemeinnützigen Verein VoteSwiper zusammen mit der Universität Freiburg realisiert.
Die größte Übereinstimmung besteht zwischen Linken und Grünen: 34 von 38 identischen Antworten, 89,5 Prozent. Zwischen beide passt kein Blatt. Die vier Abweichungen sind zudem wenig bedeutend: Die Linke lehnt militärisch nutzbare Forschung an Hochschulen ab und will das Energieversorgungsunternehmen GASAG rekommunalisieren, die Grünen nicht. Die Grünen wollen kostenlose Glasfaseranschlüsse und eine Verpackungssteuer, die Linke nicht.
Die SPD hält zu beiden mit je 68,4 Prozent etwas Abstand. Ein rot-rot-grünes Bündnis wäre also programmatisch tragfähig. Genau dort, wo es in Berlin wehtut, schert die SPD aber aus: Beim Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ und bei der Deckelung der Mieterhöhungen landeseigener Wohnungsunternehmen auf ein Prozent sagen Linke und Grüne (sowie das BSW) Ja – die SPD Nein, gemeinsam mit CDU, FDP und AfD.
Ein auffälliges Ergebnis gibt es beim Blick auf die amtierende Koalition. CDU und SPD stimmen bei nur 13 von 38 Fragen überein, also bei 34,2 Prozent. Keine andere in Deutschland regierende Zweierkonstellation dürfte einen derart niedrigen Wert aufweisen. Die SPD liegt zur CDU ganz weit entfernt. Wer den Zustand der Berliner Koalition erklären will, findet hier die Datengrundlage.
Uwe Wagschal, ist Professor für Politikwissenschaft an der Universität Freiburg und erforscht Direkte Demokratie, Wahlen und öffentliche Finanzen. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Bemerkenswert ist auch, wo CDU und SPD sich einig sind: bei der Ausweitung der Waffen- und Messerverbotszonen, bei der Olympia-Bewerbung, beim Handyverbot an Schulen und bei der Rekommunalisierung der GASAG. Es ist die Schnittmenge einer Ordnungs- und Bauagenda, nicht die einer gemeinsamen Sozialpolitik.
In Berlin ist dieser Effekt nicht zu beobachten: AfD und Linke kommen auf 23,7 Prozent, exakt denselben Wert wie AfD und Grüne sowie AfD und SPD. Die Hufeisentheorie findet in der Hauptstadt wenig Unterstützung.
Wo die AfD und die Linke sich einig sind, geht es fast durchweg um ein gemeinsames Nein zu Projekten der Mitte: kein Zentralabitur, keine Sonntagsöffnung, keine Kita-Pflicht ab vier Jahren, keine Randbebauung des Tempelhofer Felds. Es ist eine Übereinstimmung im Ablehnen, nicht im Wollen.
Dafür steht die AfD in Berlin auffällig nah bei der CDU: 33 von 38 gleichen Antworten, 86,8 Prozent, der zweithöchste Wert überhaupt. Vier der fünf Differenzen sind zudem solche, in denen die AfD restriktiver oder sparsamer antwortet als die CDU: Sie lehnt die Sonntagsöffnung, die GASAG-Rekommunalisierung, die Ausweitung der Messerverbotszonen und die Randbebauung des Tempelhofer Felds ab. Inhaltlich abgegrenzt hat sich die CDU nur bei einer einzigen Frage – dem AfD-Ja zur Frage, Berlin solle sich im Bundesrat für ein Ende der EU-Sanktionen gegen Russland einsetzen.
Diese Zahl verlangt eine Einordnung. Ein Ja-Nein-Vergleich misst die Richtung einer Antwort, nicht ihre Begründung, ihre Intensität oder ihre Einbettung in ein Programm. Der Berliner Fragenkatalog ist stark landespolitisch geprägt, und bei Verkehrs-, Bau- und Ordnungsfragen fallen bürgerliche und rechte Positionen häufig zusammen.
Bemerkenswert bleibt trotzdem: Für eine Partei, die sich vom rechten Rand abgrenzen will, ist es keine komfortable Position, inhaltlich fast deckungsgleich zu sein.
Bei zwei Fragen antworten alle sieben größeren Parteien identisch – und zwar mit Nein. Weder soll die Friedrichstraße wieder zur Fußgängerzone werden, noch soll eine City-Maut kommen. Hier weichen vor allem Kleinparteien ab, die beides stark befürworten.
Zwei Projekte, die die Berliner Verkehrsdebatte jahrelang geprägt haben, finden im relevanten Parteienspektrum keinen einzigen Fürsprecher mehr. Das ist die stillste, aber auch eine deutliche Botschaft dieses WahlSwipers: Die autofeindliche Symbolpolitik der vergangenen Legislaturperiode hat parteiübergreifend kaum Verteidiger.
Andere Berliner Klassiker trennen die Lager sauber. Beim Ausbau der A100 stehen AfD, CDU, FDP und BSW für die Fortsetzung, Linke, Grüne und SPD dagegen – die SPD verlässt hier die Seite ihres Koalitionspartners.
Beim nächtlichen Abriegeln des Görlitzer Parks sagen nur AfD, CDU und FDP Ja; die SPD stellt sich gegen das Projekt, das der Regierende Bürgermeister mit Nachdruck betrieben hat. Beim 29-Euro-Ticket stehen Linke, Grüne, SPD und BSW gegen CDU, FDP und AfD. Und die Olympia-Bewerbung findet mit fünf von sieben Parteien eine breite Mehrheit; nur Linke und Grüne sind dagegen.
Die kurioseste Konstellation liefert die GASAG-Frage: Linke, SPD, CDU und BSW wollen den Gasversorger rekommunalisieren, AfD, Grüne und FDP nicht. Eine Rekommunalisierung mit CDU-Beteiligung gegen die Grünen – solche Muster entstehen, wenn Landespolitik nicht nach Lehrbuch verläuft.
Das parteipolitisch zersplitterte Berlin sortiert sich im WahlSwiper in zwei relativ kompakte Blöcke. Auf der linken Seite Linke und Grüne mit 89,5 Prozent Übereinstimmung sowie die SPD, auf der anderen AfD, CDU und FDP mit Werten zwischen 81,6 und 86,8 Prozent.
Dazwischen steht das BSW, welches bei ökonomischen Fragen eher links ist und bei gesellschaftspolitischen Fragen eher konservativer antwortet und um den Einzug ins Abgeordnetenhaus bangen muss. Die unähnlichsten Paare des Feldes – Grüne und CDU mit 15,8 Prozent, Linke und CDU mit 21,1 Prozent – markieren, wie schmal die Brücke zwischen den Blöcken geworden ist.
Für die Koalitionsbildung heißt das: Rot-Rot-Grün ist die inhaltlich geschlossenste Option und dürfte wohl die größte Parlamentsmehrheit erreichen. Die Kenia-Option wäre politisch deutlich mittiger, aber von großen inhaltlichen Differenzen gekennzeichnet. Angesichts der sehr geringen Übereinstimmung der CDU mit Grünen und SPD eigentlich eine politische Totgeburt. Und ein sicherer Gewinner dürfte die schwächelnde SPD sein. Sie ist als einzige Partei bei beiden Koalitionsmodellen dabei – auch dank der Brandmauerpolitik.
Methodischer Hinweis: Verglichen werden die Antworten der sieben aussichtsreichsten Parteien auf alle 38 Fragen des WahlSwipers Berlin. Als Übereinstimmung zählt eine identische Antwort. Fragen, die eine Partei nicht beantwortet hat, gehen in die Berechnung ein und gelten als Nichtübereinstimmung; der Nenner beträgt daher stets 38. Betroffen sind drei Fragen des BSW.
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