Die ukrainische Führung und unabhängige russische Medien sprechen von einer möglichen weiteren Mobilmachung in Russland. Die Behörden des Landes bestreiten dies. Müssen die Russen bald mit einer Einberufung rechnen?
Die ukrainische Führung und unabhängige russische Medien sprechen von einer möglichen weiteren Mobilmachung in Russland. Die Behörden des Landes bestreiten dies. Müssen die Russen bald mit einer Einberufung rechnen?
Die russischen Behörden wollen im Herbst die „Mobilmachung ausweiten“. Das erklärte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj unter Berufung auf Informationen seiner Geheimdienste. Demnach bereite Russlands Staatschef Wladimir Putin die Rekrutierung weiterer Russen für den Krieg gegen die Ukraine vor.
„Er verschleiert dies hinter anderen Worten und Signalen, aber er bereitet sich darauf vor. Es ist wichtig, dass wir mit unseren Partnern genügend Druck auf Russland ausüben, damit der Gedanke an ein Ende dieser Aggression, der Gedanke an Frieden und nicht an eine weitere russische Mobilmachung Oberhand gewinnt“, so der ukrainische Präsident. Ihm zufolge verlieren die russischen Streitkräfte mehr Soldaten an der Front als sie rekrutieren. Putin wolle aber die Angriffe verstärken und den Krieg ausweiten.
Das im Herbst 2022 von Putin erlassene Dekret über eine „Teilmobilmachung“ in Russland ist nach wie vor in Kraft. Dies bestätigte noch 2023 die russische Präsidialverwaltung mit der Begründung, dass das Dokument noch „weitere Maßnahmen regele, die notwendig seien, um die Erfüllung der Aufgaben der Streitkräfte zu gewährleisten“.
Ende Juni 2026 veröffentlichten das unabhängige russische Exilmedium „Verstka“ und das in Lettland ansässige russischsprachige Portal „Vaschnyje Istorii“ eine Recherche, in der es heißt, angesichts der Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Zeitsoldaten in Russland werde in der russischen Führung „hinter den Kulissen über eine Mobilmachung diskutiert“. Eine Quelle von „Verstka“ im Moskauer Bürgermeisteramt berichtete, dass die Stadt im April diesen Jahres 1708 und im Mai 1378 Personen an die Front geschickt habe. Das seien tausend Mann weniger als im selben Zeitraum des Vorjahres. Die niedrige Rekrutierungsrate habe sich auch im Juni fortgesetzt, hieß es weiter.
Das Portal „Vaschnyje Istorii“ kam zum Ergebnis, dass sich die Rekrutierungsrate von Zeitsoldaten in Russland im letzten Quartal 2025 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum weit mehr als halbiert hat und auch Anfang 2026 weiter zurückging. Die Journalisten erfuhren zudem von Quellen aus den russischen Regionen, dass dort die Zahl derer, die sich um Verträge bei der Armee bewerben, rückläufig ist.
Militärangehörige, die von „Verstka“ befragt wurden, sagten außerdem, dass die Vertragssoldaten, die in diesem Jahr an die Front kämen, „nicht kampffähig“ seien. Viele Neuankömmlinge würden von der Front fliehen. Die Einheiten seien „bestenfalls zu 30 bis 40 Prozent besetzt“, berichtete den Journalisten ein einberufener Soldat.
Das amerikanische Institute for the Study of War (ISW) schrieb Ende Juli, der Kreml schaffe für eine neue Mobilmachung alle Voraussetzungen. Den Experten zufolge wäre diese aber „eine rein persönliche Entscheidung Putins, die letztlich von seiner persönlichen Einschätzung der Lage auf dem Schlachtfeld und der Stabilität im Kreml abhängt“. „Es bleibt aber unklar, ob Putin in naher Zukunft eine solche Entscheidung treffen wird, und wie genau eine Mobilmachung aussehen wird“, so das ISW.
Vor wenigen Tagen meldete „Verstka“, die Nachfrage russischer Staatsbürger nach Mietwohnungen in Armenien habe stark zugenommen - wie 2022, als Russlands Vollinvasion in der Ukraine begann. Die Mieten in der armenischen Hauptstadt Jerewan sind demnach in den letzten Monaten um etwa 30 Prozent gestiegen.
Die umzugswilligen Russen wollen dem Bericht zufolge ihr Land noch vor den Wahlen zur Staatsduma verlassen, die vom 18. bis 20. September stattfinden. Ein Vermieter sagte gegenüber dem Exilmedium, seine Kunden seien in den letzten Jahren meist Russen gewesen, die schon länger in Armenien leben. Mittlerweile kämen aber 80 Prozent der Anfragen von Russen, die jüngst nach Armenien gezogen seien oder einen Umzug dorthin planen würden.
Präsidentensprecher Dmitrij Peskow erklärte Ende Juli auf einer Pressekonferenz, er halte es nicht für nötig, Wolodymyr Selenskyjs Äußerungen über eine mögliche neue Mobilisierungswelle in Russland zu kommentieren. „Es ist nicht Selenskyjs Aufgabe, über unsere Pläne zu sprechen“, betonte er.
Der russische Politiker im Föderationsrat, Andrej Klischas, erklärte bereits im Frühsommer 2026 gegenüber RTVI, dass eine neue Mobilmachung im Land derzeit nicht diskutiert werde und auch nicht nötig sei.
Der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates, Dmitrij Medwedew, bezeichnete die Gerüchte über eine mögliche Mobilmachung als „Teil der Propaganda vor den Wahlen“. Der ehemalige russische Präsident behauptete außerdem, dass sich im ersten Halbjahr 2026 rund 200.000 Personen per Vertrag bei der Armee verpflichtet hätten.
„Natürlich kann man den Angaben der russischen Behörden nicht blind vertrauen. Sie werden so angepasst, damit sie ihren Zielen entsprechen“, sagt der Militärexperte Jan Matwejew im DW-Gespräch über Medwedews Angaben zur Zahl neuer Vertragssoldaten. Matwejew betont jedoch, dass wenn man sie mit Analysen unabhängiger Forscher vergleiche, sich die Übertreibung „gar nicht als so radikal“ erweise. „Statt Medwedews fast 200.000 sind es vielleicht 170.000 bis 180.000 in sechs Monaten“, so der Experte.
Seiner Ansicht nach reicht die derzeitige Rekrutierungsrate von Zeitsoldaten für einen militärischen Sieg über die Ukraine nicht aus. Aber auch eine neue Mobilmachung würde ihn nicht ermöglichen, meint Matwejew und fügt hinzu: „Selbst mit einer Verdopplung ihrer Armee werden die Russen die Ukraine nicht vollständig besiegen können. Wie man aber an den Äußerungen Putins und seiner Beamten abliest, ist genau das ihr Ziel.“
Matwejew geht davon aus, dass angesichts der Verluste an der Front die Stärke der russischen Truppen ohne Mobilmachung allmählich abnehmen wird. Noch vollziehe sich dies langsam, werde später aber schneller vonstattengehen. „Die Verluste nehmen zu und werden angesichts der aktuellen Entwicklung weiter zunehmen“, so der Experte.
Adaption aus dem Russischen: Markian Ostaptschuk
Von Sofia Serova