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Irrsinn auf der Bilderbuch-Route: Wohl nirgendwo leben Radfahrer gefährlicher ...

Дата публикации: 16-08-2026 06:03:09

Am Elbdeich in Kirchwerder kommt es immer wieder zu tragischen Unfällen. Die Strecke ist bei Rennradfahrern sehr beliebt – diese übersehen jedoch häufig geparkte Autos. Kann ein Parkverbot das Problem lösen?

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Hamburg

Irrsinn auf der Bilderbuch-Route: Wohl nirgendwo leben Radfahrer gefährlicher ...

Am Elbdeich in Kirchwerder kommen sich Autos und Rennradfahrer immer öfter in die Quere. Vor allem geparkte Autos sind für die Sportler eine Gefahr. Florian Quandt

Am Elbdeich in Kirchwerder kommt es immer wieder zu tragischen Unfällen. Die Strecke ist bei Rennradfahrern sehr beliebt – diese übersehen jedoch häufig geparkte Autos. Kann ein Parkverbot das Problem lösen?

Felder und Wiesen auf der einen, der Elbdeich auf der anderen Seite – dazwischen lange asphaltierte Straßen und vergleichsweise wenig Verkehr bei Tempo 50: Für viele Städter sind die Vier- und Marschlande ein Eldorado zum Rennradfahren. Mit gebeugtem Rücken und gesenktem Kopf kacheln täglich etliche Sportler über die Deichstraßen. Doch regelmäßig enden Trainingsfahrten mit schweren Unfällen – besonders wenn Sportevents wie die „Cyclassics“ anstehen.

Ein Rennradfahrer überholt den Wagen vor sich, dabei kommt ihm schon das nächste Auto entgegen. Auf der anderen Seite fahren die Ausflügler mit ihren Rädern entlang. Die Strecke am Deich ist beliebt – und umkämpft. Anwohner, Ausflügler, Angler, Autofahrer und Rennradfahrer müssen sich die schmalen Straßen teilen.

Vier- und Marschlande: Vier Wochen, fünf schwere Unfälle

Ursel Wedemann (71) ist in den Vier- und Marschlanden aufgewachsen und selbst lange Rennrad gefahren. Sie versteht, warum Sportler zum Training an den Elbdeich kommen: „Es ist eine sehr schöne und reizvolle Strecke.“

Frau am Geländer am Elbdeich, dahinter Straße, Bäume, rote Autos und die Elbe.

Ursel Wedemann (71) ist in den Vier- und Marschlande geboren und war selbst Rennradfahrerin. Sie fordert ein umsichtigeres Fahren am Eldeich. Florian Quandt

Zugleich beobachtet sie, wie der Rennrad-Boom die Konflikte verschärft. Das Verhältnis zwischen Anwohnern, Auto- und Radfahrern sei zunehmend angespannt. Und auch die Unfälle durch Fahrradfahrer nehmen zu.

145 Unfälle auf den Deichstraßen seit 2016

In den vergangenen vier Wochen gab es am Deich mindestens fünf schwere Radunfälle: Am 17. und 18. Juli sowie am 2. und 5. August krachten Rennradfahrer in geparkte Autos, drei wurden schwer verletzt. Am 8. August kollidierte am Kraueler Hauptdeich ein 17-jähriger Radfahrer mit einem Motorradfahrer. Der Jugendliche wurde schwer verletzt, der Motorradfahrer schwebte zeitweise in Lebensgefahr.

Zoe Clausen / ChatGPT Die Zahl der Radunfälle am Deich stieg in den vergangenen Jahren.

Neu ist das Problem nicht: Seit 2016 registrierte die Polizei auf den Deichstraßen 145 Radunfälle. Die Zahl stieg von vier Fällen 2016 auf einen Höchststand von 25 im Jahr 2024, 2025 waren es 23. Bei den Unfällen kam ein Mensch ums Leben, 44 wurden schwer verletzt. In 49 Fällen kollidierten Radfahrer mit parkenden Fahrzeugen.

Vom Rennradfahrer zum Unfallopfer

Wie schnell ein Rennradfahrer zum Unfallopfer wird, zeigt der Fall von Pascal Zimmer (59). Er fährt Radrennen, seit er zwölf Jahre alt war, trainiert sechsmal die Woche. Bei seiner Trainingsfahrt am 17. Juni 2019 wollte er einen 40-minütigen Leistungstest absolvieren. Immer wieder blickte er auf den Radcomputer vor sich. „Das ist der Hauptgrund, warum es passiert ist. Ich habe einfach kaum nach oben geschaut.“

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Das Auto vor sich hatte Zimmer gesehen – er glaubte aber, es würde fahren. „Wenn man nur so kurz nach oben schaut, lässt sich das nicht unterscheiden“, sagt er. Dann krachte er in das Heck eines Audis. Sein Helm zerbrach, Zimmer flog über den Wagen und verlor das Bewusstsein. „Ich habe direkt über mich selbst geschimpft, als ich wach wurde: Wie dumm kann man sein?“

Die Bilanz: gebrochenes Bein, Rippen, Unterkiefer und mehrere Gesichtsknochen, vier Wochen Krankenhaus und mehrere Operationen. Rund drei Monate später fuhr Zimmer wieder sein erstes Rennen. Heute schaue er häufiger nach oben. „Die Verantwortung liegt eigentlich komplett bei uns Radfahrern.“ Gleichzeitig sagt er: „Niemand will so einen Unfall haben.“

Pascal Zimmer (58) wurde schwer verletzt, als er mit seinem Rad in das Heck eines parkenden Autos krachte. RUEGA

Wer schützt diejenigen, die offenbar nicht in der Lage sind, sich selbst zu schützen?

ADFC fordert Halteverbot: Jedes Opfer zählt

„Für uns ist jedes Verkehrsopfer eines zu viel, auch die, die ihren Unfall selbst verschuldet haben“, sagt Dirk Lau vom ADFC. Für ihn greift es zu kurz, nur an die Aufmerksamkeit der Sportler zu appellieren. „Die Appelle der Polizei verhindern diese spezifischen Unfälle ganz offensichtlich nicht.“

Der ADFC fordert, auf besonders betroffenen Abschnitten Halteverbotszonen einzurichten. Ein durchgängiges Halteverbot über die gesamte Deichstrecke sei dabei nicht zwingend nötig – denkbar seien auch klar markierte Bereiche, in denen geparkt werden darf.

Für Lau kommt ein grundsätzliches Problem hinzu: Die Zahl der Rennradfahrer sei in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, nicht zuletzt, weil der Senat den Radsport mit Veranstaltungen wie den Cyclassics, dem Triathlon oder dem Active-City-Konzept massiv fördere. „Aber wo die vielen ambitionierten Amateursportler:innen sicher trainieren sollen, darüber hat sich Innen- und Sportsenator Grote offenbar noch keine Gedanken gemacht.“

Innenbehörde lehnt Halteverbot am Deich ab

Die Innenbehörde lehnt Halteverbotszonen bislang ab. Eine solche Maßnahme sei nicht gerechtfertigt. Parkende Autos würden zudem den allgemeinen Verkehr bremsen, so auch indirekt Fußgänger schützen, die die Straße queren.

„Das ist öffentlicher Verkehrsraum für alle und keine Rennstrecke“, sagt Jörg Froh, Verkehrssprecher der CDU-Fraktion Bergedorf, der selbst in den Vier- und Marschlanden lebt. „Wer mit einem Rennrad, einem Sportgerät, am öffentlichen Straßenverkehr teilnimmt, der ist eigenverantwortlich und muss besondere Rücksicht nehmen.“ Fraktionsübergreifend werde derzeit an einem Maßnahmenkonzept gearbeitet. Ein konkreter Antrag soll zum nächsten Regionalausschuss Vier- und Marschlande folgen.

Rennradfahren am Deich? Zu gefährlich

Anne Pritzel (44) fährt am Montag nach den beiden jüngsten Unfällen am Zollenspieker Hauptdeich entlang. Sie würde sich statt eines Parkverbots eine eigene Radspur wünschen. Obwohl sie am Deich wohnt und Rennrad fährt, trainiert sie hier nicht: „Mein Mann und ich würden hier nie richtig fahren, das ist uns zu gefährlich.“

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Hobbyfahrer Stefan Wiele (43) fährt dagegen ohne Angst am Elbdeich: „Ich gucke einfach nach vorne.“ Eine Rücklichtkamera mit Radarfunktion warnt ihn zudem vor Fahrzeugen von hinten. Ein ähnliches System für Hindernisse vor dem Rad könnte zusätzliche Sicherheit schaffen.

Rennradfahrerin mit Helm fährt über einen gepflasterten Weg am Elbdeich, daneben verläuft eine Straße.

Anne Pritzel, 44, würde am Elbdeich nicht trainieren. Florian Quandt

Rennradfahrer mit Helm steht auf einer Straße am Elbdeich neben seinem Fahrrad.

Stefan Wiele, 43, hat keine Angst am Elbdeich zu fahren. Florian Quandt

Die 71-jährige Ursel Wedemann hofft vor allem, dass wieder Ruhe in ihrer Heimat einkehrt – auf den Deichstraßen und in der aufgeheizten Diskussion. „Wir wollen den Radfahrern ihren Sport gönnen, aber es muss ein Umdenken stattfinden.“ Für sie ist klar: Ein sicheres Miteinander kann nur funktionieren, wenn alle Seiten Rücksicht nehmen und zu Kompromissen bereit sind.

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