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Vorbild Kasachstan und Usbekistan: Turkmenistan will raus aus der Isolation

Дата публикации: 16-08-2026 15:43:02

Turkmenistan gilt als Nordkorea Zentralasiens. Deutet sich nun eine vorsichtige Öffnung an? Deutsche Unternehmen stehen bereit.

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Kaum ein Land ist international so abgeschottet wie Turkmenistan. Nach der Unabhängigkeit von der Sowjetunion 1991 etablierte Präsident Saparmurat Nijasow, genannt „Turkmenbaschi“, ein autoritäres System, das auf strikter Neutralität, internationaler Isolation und einem ausgeprägten Personenkult beruhte. Als „Nordkorea Zentralasiens“ schottete sich das zentralasiatische Land mit einem der restriktivsten Visaregime weltweit ab und ließ nur wenige ausländische Besucher ein. Offiziell begründete die Führung diese Politik mit Sicherheitsrisiken durch den benachbarten Afghanistan-Konflikt sowie dem Kampf gegen Terrorismus und Drogenschmuggel.

Seit dem Machtwechsel 2022 zeichnen sich unter Präsident Serdar Berdymuchammedow jedoch vorsichtige Signale einer Öffnung ab. Die Regierung kündigte Visaerleichterungen an, strebt den Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) an und will die stark vom Erdgassektor abhängige Wirtschaft mithilfe internationaler Investoren diversifizieren. Gleichzeitig intensiviert Präsident Berdymuchammedow seine Auslandsreisen und diplomatischen Kontakte.

Wirtschaft auf Erdgas gebaut

Die Motivation für einen Öffnungskurs liegt in der Wirtschaftsstruktur des Landes begründet. Turkmenistan verfügt über einige der größten Erdgasreserven der Welt und ist wirtschaftlich stark von der Förderung und dem Export fossiler Rohstoffe abhängig. Erdgas dominiert nicht nur den Außenhandel, sondern liefert auch einen wesentlichen Teil der Staatseinnahmen.

Diese Abhängigkeit macht die Wirtschaft anfällig für Preisschwankungen, Veränderungen auf den internationalen Energiemärkten und die Konzentration auf wenige Abnehmer. Vor allem China hat sich in den vergangenen Jahren zu einem zentralen Abnehmer turkmenischen Erdgases entwickelt. Für die Regierung wächst damit der Druck, zusätzliche Absatzmärkte zu erschließen und gleichzeitig neue Wirtschaftszweige aufzubauen. Neben Energie spielen Landwirtschaft und die Textilindustrie eine wichtige Rolle. Auch die chemische Industrie und die Verarbeitung von Rohstoffen sollen ausgebaut werden.

Ukrainekrieg als Chance für Zentralasien

„Aus Sicht der deutschen Wirtschaft beobachten wir eine schrittweise Öffnung des Landes und einen intensiveren Dialog mit internationalen Partnern“, sagt Wladimir Nikitenko vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Ein wesentlicher Treiber sei die veränderte geopolitische Lage nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. „Turkmenistan sucht international Anschluss. Das Land möchte Teil neuer Lieferketten über das Kaspische Meer werden und seine stark auf Rohstoffe fixierte Wirtschaft diversifizieren.“

Politisch bleibt das zentralasiatische Land dennoch autoritär. Reformen erfolgen kontrolliert und ohne grundlegenden Systemwechsel. Investoren fordern deshalb weitere Fortschritte bei Rechts- und Investitionssicherheit, transparentere Ausschreibungen sowie eine einfachere Visa- und Zahlungsabwicklung.

Die deutsche Wirtschaftsdelegation wurde in Aschgabat vom turkmenischen Ministerkabinett empfangen.

Die deutsche Wirtschaftsdelegation wurde in Aschgabat vom turkmenischen Ministerkabinett empfangen.

© Ostausschuss der Deutschen Wirtschaft/Metz

Deutsche Maschinen im Land der Pferde

Die vorsichtige Öffnung stößt auch in Deutschland auf Interesse. Sichtbar wurde dies im Juli 2026, als der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft mit rund 30 Teilnehmern die bislang größte deutsche Wirtschaftsdelegation nach Turkmenistan entsandte. Die Reise erfolgte auf persönliche Einladung von Außenminister Raschid Meredow und führte neben Aschgabat auch in die Hafenstadt Turkmenbaschi sowie nach Mary, dem Zentrum der Landwirtschaft.

„Die Größe der Delegation zeigt, dass das Interesse der deutschen Wirtschaft wächst“, sagt Nikitenko. Viele Unternehmen sehen Chancen in den Bereichen Transport, Energie, Gesundheitswesen, Landwirtschaft und Industrie. Gleichzeitig wolle die turkmenische Regierung künftig stärker direkt mit internationalen Partnern zusammenarbeiten.

In Gesprächen mit Regierungsvertretern warb die turkmenische Seite für deutsche Technologien im Maschinen- und Anlagenbau, in der Medizintechnik sowie im Bereich Energie- und Umwelttechnik. Geplant sind unter anderem Investitionen in Solarenergie, Zementwerke, Glasproduktion und den Ausbau des Gesundheitswesens. Erste deutsche Unternehmen sind bereits erfolgreich im Markt vertreten. Siemens Healthineers verfügt über eine starke Position im Gesundheitssektor. Claas wiederum ist mit mehr als 4000 Landmaschinen im Baumwollanbau präsent.

Entscheidender Faktor: Der Mittlere Korridor

Die Delegation besuchte zudem den modernisierten Hafen Turkmenbaschi, der künftig eine größere Rolle im Mittleren Korridor zwischen China, Zentralasien und Europa übernehmen soll. Die Infrastruktur sei moderner als vielfach erwartet gewesen, berichtet Nikitenko. „Die Gespräche waren von hoher Professionalität geprägt, die Infrastruktur ist gut ausgebaut und überall wird ein hoher Qualitätsanspruch deutlich.“ Gleichzeitig bleibe Turkmenistan ein schwieriger Markt. „Langfristiges Engagement, belastbare Kontakte und gegenseitiges Vertrauen sind entscheidend.“

Trotz der positiven Signale bestehen erhebliche Markthürden. Nur 22 deutsche Unternehmen sind offiziell im Land registriert. „Der wichtigste Grund sind die anspruchsvollen Marktbedingungen“, erklärt Nikitenko. Komplexe Visa- und Zahlungsverfahren, staatlich dominierte Vergaben sowie der eingeschränkte Zugang zu Informationen erschwerten den Markteintritt. Dennoch genieße deutsche Technologie in den Bereichen Energie, Maschinenbau, Landwirtschaft und Gesundheitswesen einen hervorragenden Ruf. Viele Unternehmen seien bereits über Partner in den Nachbarstaaten aktiv, ohne eigene Niederlassung in Turkmenistan zu unterhalten.

Vom Nachbarn lernen?

Als Orientierungspunkt gilt vielen Beobachtern das benachbarte Usbekistan. Seit den Reformen unter Präsident Schawkat Mirsijojew hat sich das Land wirtschaftlich und außenpolitisch geöffnet. Visa wurden erleichtert, Investitionen gefördert und der Außenhandel liberalisiert. Zentralasien-Kenner sprechen im Zusammenhang mit Usbekistan immer wieder vom „aufstrebenden Tiger in der Region“.

So hat zwischen Usbekistan und Turkmenistan auch die Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren merklich zugenommen. Beide Länder planen eine visafreie grenzüberschreitende Handelszone zwischen Schawat und Daschogus und investieren in neue Verkehrs- und Logistikverbindungen. Der Ausbau des Hafens Turkmenbaschi sowie die geplante Anbindung an die Eisenbahnverbindung China–Kirgisistan–Usbekistan sollen Turkmenistan stärker in internationale Lieferketten integrieren.

„Wir sehen klare Anzeichen einer schrittweisen Öffnung“, sagt Nikitenko im Gespräch. Der Ausbau der Verkehrsinfrastruktur eröffnet insbesondere deutschen Unternehmen neue Perspektiven. Auch im Tourismus gebe es erste Veränderungen. Während der Delegationsreise seien am Hafen von Turkmenbaschi deutsche Individualtouristen getroffen worden, die auf dem Landweg nach Usbekistan unterwegs waren. „Es tut sich also etwas.“

Ob Turkmenistan tatsächlich dem Reformkurs Usbekistans folgt, bleibt offen. Vieles spricht für eine vorsichtige wirtschaftliche Öffnung, doch politisch hält die Führung bislang am autoritären Kurs fest. Ob aus den angekündigten Reformen ein nachhaltiger Wandel entsteht, dürfte entscheidend dafür sein, welche Rolle das Land künftig als Wirtschafts- und Logistikstandort in Zentralasien spielen wird.

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