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Erstaunliche Denkfehler: Karl Marx war ein lausiger Philosoph

Дата публикации: 13-08-2026 18:22:12

Eine erneute Lektüre von „Das Kapital“ führt zurück zu den Grundlagen der marxschen Wertlehre. Dabei offenbaren sich begriffliche Widersprüche.

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Dies ist ein Open-Source-Beitrag. Die Berliner Zeitung und die Ostdeutsche Allgemeine geben allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten.


Als ein befreundeter Philosoph und ich uns das Thema für eine geplante Lektüregruppe überlegten, stellten wir überrascht fest, dass wir beide bislang kaum etwas von Karl Marx gelesen hatten. Gemäß dem Motto des Philosophen Odo Marquard, „Man muss Adorno gehabt haben wie die Masern“, hatten wir uns in den 80er-Jahren an westdeutschen Universitäten intensiv mit den Vertretern der marxistischen Kritischen Theorie wie Max Horkheimer und Theodor Adorno beschäftigt.

Marx selbst hatten wir aber immer links liegen lassen, dessen ökonomische Theorien von außen betrachtet auf mich einen staubtrockenen, langweiligen Eindruck machten. Stattdessen las man nach der Wende als gesellschaftstheoretisch Interessierter lieber französische Denker wie Michel Foucault.

Die drei blauen Bände von „Das Kapital“, die ich im Sommer 1989 in der Buchhandlung am Alexanderplatz mit dem Geld des Zwangsumtauschs erstanden hatte, blieben die nächsten 35 Jahre unberührt im Regal stehen. In den Nachwendejahren kamen kostenlos noch einige blaue MEW-Bände hinzu, die ostdeutsche Bibliotheken aussortiert und draußen zum Mitnehmen ausgelegt hatten. So war es jetzt an der Zeit, aus diesem ungenutzten Lesekapital im Regal endlich einen intellektuellen Mehrwert zu ziehen und die Bildungslücke zu schließen.

Erste Zweifel bei der Lektüre

Bereits bei der Lektüre der ersten Seiten musste ich aufpassen, mich nicht an den zuvor in den Philosophentee getunkten Sandkuchenstücken zu verschlucken. Dem mit „Die Ware“ betitelten ersten Kapitel des ersten Abschnitts folgt die Überschrift des ersten Unterkapitels: „Die zwei Faktoren der Ware. Gebrauchswert und Wert (Wertsubstanz, Wertgröße)“. Hier stellt man sich sogleich die Frage, wie der allgemeine Begriff „Wert“ dem bestimmten Begriff „Gebrauchswert“ so gegenübergestellt werden kann. Ist der Gebrauchswert dann gar kein Wert, obwohl das Kompositum „Gebrauchswert“ „Wert“ als Stammwort hat? Die Antwort lautet tatsächlich Ja und die Auflösung folgt drei Seiten weiter.

Zunächst erklärt uns Marx jedoch recht einleuchtend die Bedeutung des Begriffs „Gebrauchswert“. Vom Gebrauchswert kann man bei allen Dingen sprechen, von denen der Mensch irgendeinen Gebrauch machen kann. Das können auch einfach in der Natur vorfindliche Dinge wie Luft sein. Dem Gebrauchswert stehen die beiden Begriffe Warenwert und Tauschwert gegenüber, die miteinander verklammert sind. Den Zusammenhang möchte ich kurz skizzieren.

Damit ein Ding zur Ware wird und somit einen Warenwert erhält, müssen drei Bedingungen erfüllt sein. Erstens: Das Ding muss einen Gebrauchswert haben, das heißt in irgendeiner Form für den Menschen nützlich sein. Zweitens: Das Ding muss durch menschliche Arbeit umgestaltet worden sein. Drittens: Das so bearbeitete Ding muss zum Tausch mit anderen Dingen zumindest vorgesehen sein.

Das heißt, ein Tisch, der von einem Tischler zum Eigengebrauch oder als Geschenk hergestellt wird, ist keine Ware und hat weder Waren- noch Tauschwert. Zur Ware wird er erst, wenn er zum Tausch mit anderen Dingen auserkoren wird.

Als sogenannte Substanz des Warenwerts bestimmt Marx die Arbeit und als dessen Größenmaß die Arbeitszeit, die investiert wurde, um die Ware herzustellen. Den Tauschwert bestimmt Marx als „Erscheinungsform“ des Warenwerts. In seiner basalen Form ergibt er sich, wenn man Waren gegeneinander tauscht, deren Produktion die gleiche Arbeitszeit in Anspruch genommen hat, zum Beispiel einen Tisch gegen fünf Stühle; späterhin erweist sich Geld als diese Erscheinungsform, da kostet dann ein Tisch so viel wie fünf Stühle.

Ein logischer Denkfehler

So weit, so gut. Das Problem jedoch ist, dass Marx in der Regel gar nicht von Warenwert spricht, sondern einfach von Wert. Das heißt, er setzt den allgemeinen Begriff „Wert“ an die Stelle des konkreten Begriffs „Warenwert“, identifiziert diese miteinander, und zwar explizit: „Diese Dinge stellen nur noch dar, daß in ihrer Produktion menschliche Arbeitskraft verausgabt, menschliche Arbeit aufgehäuft ist. Als Kristalle dieser ihnen gemeinschaftlichen gesellschaftlichen Substanz sind sie Werte – Warenwerte.“

Nun könnte man einwenden, das sei doch kein Problem. Liest man bei Marx den widersprüchlich anmutenden Satz „Ein Ding kann Gebrauchswert sein, ohne Wert zu sein“, ersetzt man einfach den Begriff „Wert“ durch „Warenwert“ und der Satz wird wieder verständlich. Aber so einfach ist es leider nicht.

Wenn man einen allgemeinen Begriff an die Stelle eines konkreten Begriffs setzt, sind unsinnige Aussagen programmiert. Schreibt jemand ein Buch über Architektur und legt am Anfang fest, dass er für „kleines Haus“ nunmehr einfach den allgemeinen Begriff „Haus“ verwendet, wird aus dem trivialen Satz „Ein großes Haus ist ein Haus“ die widersprüchliche Aussage „Ein großes Haus ist ein kleines Haus“. Da „Haus“ ja identisch mit „kleines Haus“ ist, ergibt sich eigentlich die Aussage „Ein großes kleines Haus ist ein kleines Haus“. Dies müsste man ad infinitum fortsetzen. Es läuft darauf hinaus, dass man gar nicht mehr erklären kann, was ein Haus ist, weil man davon keinen allgemeinen Begriff mehr hat, und dass man zwischen großen und kleinen Häusern nicht mehr unterscheiden kann.

Die erste russische Ausgabe von Karl Marx’ „Das Kapital“ erschien im März 1872.

Die erste russische Ausgabe von Karl Marx’ „Das Kapital“ erschien im März 1872.

© imago

Man braucht den allgemeinen Begriff „Wert“, um zum Beispiel  zwischen Gebrauchswert und Warenwert unterscheiden zu können. Wenn „Warenwert“ und „Wert“ bedeutungsgleich sind, funktioniert das nicht mehr – ein Gebrauchswert ist dann immer zugleich ein Wert und kein Wert, wenn man meint, der Begriff „Wert“ könne für beides zugleich einstehen, für den allgemeinen Begriff „Wert“ und für den konkreten Begriff „Warenwert“. Wobei Marx auch die Verben „haben“ und „sein“ gerne synonym verwendet und es für ihn keinen Unterschied macht, ob ein Ding oder Gut Wert hat oder ist. Es ist aber ein kleiner Unterschied, ob man zum Beispiel ein Haus hat oder ist. Solch eine Begriffsverwirrung ohne Not und erklärbaren Grund ist einfach schlechte Philosophie und ganz bestimmt nicht Wissenschaft, als welche Marx sein Werk verstanden wissen wollte.

Arbeitszeit als Maßstab?

Ein sich aus der Bestimmung des Warenwerts ergebendes weiteres großes logisches Problem ist Marx selbst aufgefallen. Wenn das Maß des Warenwerts allein die Arbeitszeit ist, ergibt sich daraus, dass „je fauler oder ungeschickter ein Mann, desto wertvoller seine Ware, weil er desto mehr Zeit zu ihrer Verfertigung braucht“. Dieses logische Dilemma löst Marx, indem er einfach eine „gesellschaftliche Durchschnitts-Arbeitskraft“ und damit eine durchschnittliche Arbeitszeit zugrunde legt. Was nicht passt, wird passend gemacht. Wenn bereits am Fundament gepfuscht wird, gilt beim Haus- wie Theoriebau, dass der Überbau permanent einsturzgefährdet ist.

In seinen „Vorlesungen zur Einführung ins ‚Kapital‘“, die vornehmlich dem Anfang dieser Schrift gewidmet sind, bringt der Philosoph Wolfgang Fritz Haug noch andere Probleme zur Sprache, die aus der Reduzierung des Warenwerts auf die Arbeitszeit folgen und „in den Kapital-Lesegruppen am Anfang oft den Stoff für endlose Diskussionen abgeben: Wie kommt es, dass die Blaue Mauritius so viel ‚Wert‘ ist, obwohl sie doch im Bruchteil einer Sekunde gedruckt worden ist?“ Haug löst dieses Problem mit dem Lieblingsmove vieler deutscher Geistes- und Sozialwissenschaftler, wenn es schwierig und interessant zu werden droht: Er ignoriert es. Wenigstens behauptet er nicht faul und verlogen, dass dafür hier jetzt kein Platz sei, sondern meint lakonisch: „Lassen wir dieserart Probleme auf sich beruhen …“

In der zweiten, überarbeiteten Auflage seiner Vorlesungen sucht man den Satz zur Mauritius dann vergeblich. Noch besser, als ein Problem explizit zu ignorieren, ist es, dieses erst gar nicht zu erwähnen. Man hätte natürlich auch einfach darlegen können, dass die Reduktion auf die Arbeitszeit wohl der falsche theoretische Weg ist, um Warenwert und Wertsteigerung im Kapitalismus erschöpfend zu erklären. Dazu hätte man aber dem „Kapital“ seinen „Wissenschaftscharakter“ absprechen müssen, der Marxisten wie Haug so wichtig ist.

Man könnte über die großen begrifflichen und logischen Unzulänglichkeiten bereits am Anfang von Marx’ „Kritik der politischen Ökonomie“ heute milde den Kopf schütteln, wenn man nicht wüsste, dass aus dieser „Wissenschaft“ diktatorische Gesellschaften gestrickt wurden, mit Millionen von Toten und Gulag-Insassen als Resultat. Eine kleine Polemik wie diese hätte bereits zur Hinrichtung führen können. Und es gibt in unserem Land leider wieder Tausende, die Marx rein affirmativ lesen und gerne einen neuen Versuch starten wollen, seine Theorie in die Praxis umzusetzen. In Berlin kann es bald zu ersten Feldversuchen kommen.

Ulf Heuner arbeitet als Lektor und Autor in Berlin. 2005 gründete er den philosophischen Verlag Parodos, den er als Verleger bis 2021 führte.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source geben wir allen Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

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