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Nordkoreas unheimlicher Aufschwung: Diktator Kim feiert sein „Pjönghattan“

Дата публикации: 16-08-2026 15:00:00

Nordkoreas Hauptstadt erlebt einen Modernisierungsschub. Beobachter deuten das als Aufschwung im ganzen Land. Was ist da dran?

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Wer noch nie in Pjöngjang war, könnte vor dem inneren Auge das Bild einer rückständigen Stadt haben: veraltete Gebäude, leere Regale in den Läden und Bauern, die ihre Ernte in Schubkarren transportieren. Aber die Fotos, die in den letzten Jahren aus der größten Stadt Nordkoreas in die Welt geschickt worden sind, zeigen etwas ganz anderes: Leute nutzen Smartphones, steigen auf schicken U-Bahnhöfen ein und aus, besuchen bunt beleuchtete Shoppingmalls. Auch digitale Zahlungen sollen längst möglich sein.

Als „Pjönghattan“ wurde die nordkoreanische Hauptstadt zuletzt schon bezeichnet – eine Anspielung auf Manhattan, das pulsierende Zentrum von New York, einem der Finanz- und Wirtschaftszentren der USA, der noch mit Abstand größten Volkswirtschaft der Welt. Der Spitzname Pjönghattan ist ein Statement: Auch hier erstreckt sich eine Skyline, ist man modern, boomt es. Aber inwiefern erlebt das Land wirklich einen Aufschwung? Und lässt sich von Pjöngjang auf ganz Nordkorea schließen?

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Noch in der Corona-Pandemie war die Sorge jedenfalls groß, in Nordkorea würde nach einer Hungersnot in den 1990er-Jahren erneut eine humanitäre Notlage entstehen. Laut Schätzungen der Vereinten Nationen (UN) waren vor der Pandemie 40 Prozent unterernährt. Dann schloss Kim Jong-un, Diktator im Ein-Parteien-Staat, die Grenzen zu China und Russland, zum Schutz vor dem Virus. 2022, als die Pandemie zu Ende ging, veröffentlichten die UN erneut eine ähnliche Schätzung. Die Lage war ernst. Und heute?

Nach Angaben der „L.A. Times“ hat Nordkoreas Diktator Kim Jong-un (Mitte) mehr Geld zur Verfügung als zu jedem anderen Zeitpunkt in seiner Regierungszeit.

Nach Angaben der „L.A. Times“ hat Nordkoreas Diktator Kim Jong-un (Mitte) mehr Geld zur Verfügung als zu jedem anderen Zeitpunkt in seiner Regierungszeit.© AFP | Handout

Die Welt staunt: „Die überraschendste ökonomische Erfolgsstory ist … Nordkorea“, titelte die US-amerikanische Zeitung „Wall Street Journal“ im Juni. Die „Zeit“ fragte Anfang August: „Wie ist dieser Aufschwung zu erklären?“ Tage später schrieb die „L.A. Times“: „Nordkoreas Kim Jong-un hat mehr Geld zur Verfügung als zu jedem Zeitpunkt in seinen 15 Jahren an der Macht.“ Yonhap, Südkoreas größte Nachrichtenagentur, schrieb Ende Juli: „Nordkoreas Wirtschaft wächst im dritten Jahr in Folge mit mehr als drei Prozent.“

Dass eine Volkswirtschaft um drei Prozent im Jahr wächst, bietet eigentlich kaum Anlass zum Staunen. Im Fall Nordkorea ist die Sache aber anders: Seit mittlerweile Jahrzehnten ist das Land vor allem wegen seines Atomwaffenprogramms, das internationale Verträge verletzt, mit schweren UN-Handelssanktionen belegt. Geflüchtete, die Nordkorea verlassen haben, berichteten über die letzten Jahre immer wieder davon, wie es in Häusern an Strom und auf den Tellern an Proteinen mangele. Es herrsche Armut.

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Wie passt das zusammen? Ist Nordkorea nun „bettelarm“, wie es auch diverse deutschsprachige Medien immer wieder gesagt haben? Oder beschreibt der Spitzname „Pjönghattan“ die Realität im Land viel besser? Schätzungen, was die Wirtschaftskraft des Landes angeht, gehen oft weit auseinander. Südkoreas Zentralbank (BOK) schätzte das nominale Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf Ende Juli auf umgerechnet 1100 Euro. Andere liegen darüber oder darunter. Der Wert für Deutschland beträgt 53.500 Euro.

Inwiefern die Schätzungen zu Nordkorea akkurat sind, ist unklar. Jene der BOK gelten jedenfalls als die genauesten. Doch auch die sind insgesamt ungenau, greifen teils auf Satellitenbilder zurück, um Ernten zu schätzen, und auf Rauchausstoß für einen Richtwert für die Produktion in Fabriken. Zwar lassen sich solche groben Richtwerte durch Schattenstatistiken ergänzen, also Daten aus Ländern, mit denen Nordkorea Handel betreibt. Nur sind dies wegen der UN-Sanktionen nicht sehr viele.

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Daran, dass Nordkorea aktuell eine ökonomische Wachstumsphase erlebt, bestehen allerdings kaum Zweifel. Denn seit Russlands autoritärer Präsident Wladimir Putin 2022 erneut die Ukraine angriff, woraufhin auch Russland mit harten UN-Sanktionen belegt wurde, haben sich Russland und Nordkorea angenähert. Nordkorea liefert Militärgerät und Soldaten für den russischen Angriff. Russland liefert dagegen Rohstoffe, Nahrung und Know-how. Laut BOK wuchs Nordkoreas Außenhandel 2025 um 31 Prozent.

Fähige Hacker holen jährlich zwei Milliarden US-Dollar Kryptogeld ins Land

Ein weiterer Einkommensfaktor ist der Raub von Kryptogeld über internationale Zahlungssysteme. Wiederholt haben Regierungsvertreter Südkoreas und der USA sowie Analysten von Blockchainbewegungen berichtet, dass Nordkorea über sehr fähige Hacker im In- und Ausland verfügt, die zuletzt Kryptogeld in Höhe von zwei Milliarden US-Dollar pro Jahr ins Land brachten. Dieser Wert beliefe sich auf etwa sieben Prozent des BIP. Ein potenziell enormer Gewinn für eine Volkswirtschaft.

Aber was bedeutet dies für das gesamte Land? Frederic Spohr, Leiter des Seoul-Büros der Friedrich-Naumann-Stiftung, ist skeptisch: „Es gibt Berichte, dass man jetzt teils in Provinzen per QR-Code bezahlen kann. Aber ich sehe das nicht als Zeichen gestiegenen Wohlstands, da die Technologie dahinter nicht teuer ist.“ Zudem: „Jüngste Berichte deuten auf hohe Inflation hin. Für einfache Haushalte dürfte das Leben daher schwierig bleiben.“ Eine Abwertung von Nordkoreas Won macht die weiter wenigen Importe teurer.

Außerhalb der Großstädte könnte die Versorgungslage für die Bevölkerung schwierig sein, schätzen Experten.

Außerhalb der Großstädte könnte die Versorgungslage für die Bevölkerung schwierig sein, schätzen Experten.© AFP | KIM WON JIN

Unterernährung dürfte in Nordkorea weiterhin ein Problem sein, glaubt nicht nur Frederic Spohr, sondern auch Vladimir Tikhonov, Koreanistikprofessor an der Universität Oslo und Experte für Nordkorea: „Es gibt keine überzeugenden Belege dafür, dass Nordkorea die chronische Ernährungsunsicherheit überwunden hat – zumindest nicht, wenn man die benachteiligte Bevölkerung außerhalb der Großstädte betrachtet.“

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Sämtliche altbekannten Probleme bestehen weiterhin, zählt Tikhonov auf: „die Abhängigkeit von importierten Düngemitteln, veraltete Maschinen, ein unzureichendes Verkehrssystem und wiederkehrende Überschwemmungen, wobei der Klimawandel die Lage offenbar noch verschlimmert.“ Allerdings könnte sich zumindest das Verkehrssystem im Land verbessern: Aktuell werden Schnellstraßen zu China und Russland ausgebaut. Wenn diese fertig sind, kann auch der Handel weiterwachsen.

Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang gibt sich als modernisierte Großstadt. Wer aus den Provinzen die Stadt besuchen will, benötigt eine staatliche Genehmigung.

Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang gibt sich als modernisierte Großstadt. Wer aus den Provinzen die Stadt besuchen will, benötigt eine staatliche Genehmigung. © AFP | KIM WON JIN

Denn die UN-Sanktionen gegen Nordkorea kann Kim Jong-un nun durch die Annäherung an Wladimir Putin teils ins Leere laufen lassen. Auch der Angriff der USA gegen den Iran könnte Kim helfen: In seiner langjährigen Abneigung gegenüber den USA ist der Iran Nordkorea wohlgesonnen. Hier könnte der Austausch ebenso zunehmen. Zudem hofft Nordkorea auf mehr Touristinnen aus befreundeten Staaten. Das präpandemische Niveau ist zwar noch nicht erreicht. So besteht aber weiteres Wachstumspotenzial.

All dies macht die Menschen, die außerhalb Pjöngjangs leben, allerdings noch lange nicht wohlhabend. Und um mal in die mittlerweile vielerorts leuchtende und funkelnde Hauptstadt reisen zu können, um sich den Bauboom anzusehen, bräuchten die Menschen aus den Provinzen eine Genehmigung vom Staat. Bewegungsfreiheit besteht nicht.

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