Russland plant einen geschlossenen Bestand für „destruktive Literatur“. Ist das die Rückkehr eines sowjetischen Zensurprinzips? Und welche Bücher betrifft es?
Das russische Kulturministerium und die Russische Staatsbibliothek in Moskau arbeiten an einem geschlossenen Archiv für „russophobe und destruktive Literatur“. Unliebsame Bücher sollen aus Bibliotheksbeständen verschwinden. Wer sie künftig lesen darf und nach welchen Regeln ein Titel dort landet, ist noch nicht geklärt.
Ein Giftschrank ist offenbar bereits im Entstehen. Bibliotheksdirektor Wadim Duda sprach Ende vergangenen Jahres zunächst von 10.000 bis 12.000 „russophoben“ Büchern und erweiterte diese im Juni 2026 auf rund 18.000 Exemplare. Dazu gehören nach seinen Angaben unter anderem Bücher, die aus Bibliotheken in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten übernommen wurden.
Was als „destruktiv“ giltDie Kriterien sind weit gefasst. Nach Dudas Angaben geht es um Bücher, die Russlands Rolle im Zweiten Weltkrieg infrage stellen, die russische Geschichte aus Moskauer Sicht „verfälschen“ oder Russen negative Eigenschaften zuschreiben.
Gerade der Begriff „destruktiv“ ist brisant. Je weiter er ausgelegt wird, desto größer wird der Spielraum für diejenigen, die über die Bestände entscheiden. Betroffen sein könnten ukrainische Literatur, historische Bücher sowie Werke von Autoren, die in Russland als „ausländische Agenten“ gelten. Hinzu kommen Bücher, die wegen Bezugs zu LGBTQ-Themen, Drogenkonsum oder Kolonialismus unter Druck geraten sind oder gegen andere russische Zensurvorschriften verstoßen.
Der Druck auf bestimmte Autoren ist längst Realität. Staatliche Bibliotheken kaufen keine neuen Bücher von Autoren mehr, die als „ausländische Agenten“ registriert sind. Für russische Schriftsteller wie Boris Akunin oder Dmitri Bykow bedeutet das, dass ihre in der russischen Bevölkerung populären Werke schrittweise aus den öffentlichen Beständen verschwinden werden.
Die sowjetische VorlageDie historische Vorlage für die neue Verordnung heißt Spezchran. In der Sowjetunion wurden politisch oder ideologisch unerwünschte Bücher zensiert. Zugang gab es nur unter besonderen Bedingungen. Das System wuchs über Jahrzehnte an. Der russische Historiker Arlen Bljum bezifferte die Zahl der russischen Ausgaben, die nach ihrer Veröffentlichung verboten wurden, auf mehr als 100.000 Titel. Ende der 1980er-Jahre enthielt allein die Nationalbibliothek rund 800.000 Einheiten – Bücher, Zeitschriften und Zeitungen.
Die Auswahl konnte grotesk wirken. Mitunter genügte die Erwähnung einer später verfolgten Person, um ein Buch aus den offenen Beständen zu entfernen. So verschwand John Reeds „Zehn Tage, die die Welt erschütterten“, obwohl Reed die Bolschewiki unterstützt hatte. Problematisch wurde seine Erwähnung Leo Trotzkis. Das Buch blieb bis 1957 im Spezchran weggesperrt.
Zudem wurden Werke bekannter Autoren zensiert, die heute als große Vertreter der russischen und sowjetischen Literatur im 20. Jahrhundert gelten. Dazu gehörten Boris Pasternak, Alexander Solschenizyn, Michael Bulgakow, Wassili Grossman und Iwan Bunin.
Zensur: Russland gleich Sowjetunion?Die Parallele ist offensichtlich, doch die Systeme sind nicht identisch. In der UdSSR war der Spezchran Teil einer zentral gesteuerten Zensur, die Partei, Staat und Geheimdienste miteinander verband. Die Kontrolle über Literatur war flächendeckend. Das heutige System ist bislang klein und weniger zentralisiert. Ein Gesetz, das den Zugang zu bestimmten Büchern generell neu regelt, ist bisher nicht verabschiedet worden.
Auch technisch gibt es einen Unterschied. Ein Buch, das aus einem russischen Bibliotheksregal verschwindet, kann im Internet, im Ausland oder auf privaten Geräten weiter existieren. Eine flächendeckende Zensur wie in der Sowjetunion wäre heute kaum umsetzbar. Der Kreml kämpft deshalb nicht um die Kontrolle über jedes einzelne Buch – sondern setzt mit dem Neo-Spezchran vor allem ein Zeichen und richtet sich damit an kritische Autoren und Verlage.
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