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Russlands Top-Ökonom gefeuert: War diese Prognose für den Kreml zu viel?

Дата публикации: 19-08-2026 14:57:04

Kein Kollaps, aber ein verlorener „Abnutzungskrieg“ und soziale Krise? Wir haben uns komplett die Analyse angeschaut, für die Andrei Klepach gehen musste.

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Ein prominenter russischer Ökonom warnt öffentlich vor den wirtschaftlichen Folgen des Ukraine-Kriegs – und verliert kurz darauf seinen Posten bei einer wichtigen staatlichen Institution. Andrei Klepach (67), von 2008 bis 2014 Vize-Minister für wirtschaftliche Entwicklung und anschließend Chefökonom der staatlichen Entwicklungsbank VEB.RF, musste am vergangenen Wochenende gehen.

Offiziell ist nicht bekannt, warum. Das unabhängige russische Exilmedium The Bell berichtet allerdings von einem „Anruf von oben“, nachdem seine scharfen Aussagen über Russlands wirtschaftliche Zukunft öffentlich größere Aufmerksamkeit bekommen hatten. Was hat er so Brisantes gesagt?

Russlands Wirtschaft: Andrei Klepach und seine Prognose

Gefallen waren die Sätze bereits am 21. Mai beim Moskauer Nikitsky Club, einem Diskussionsforum von Wissenschaftlern und Unternehmern. Klepachs Vortrag trug den unspektakulären Titel „Russlands Wirtschaft und die geopolitischen Herausforderungen“. Dort trat er noch in seiner Rolle als Chefökonom der VEB.RF auf, die im Auftrag des Staates große Industrie-, Infrastruktur- und Technologieprojekte finanziert und damit eine wichtige Rolle in Russlands Wirtschaftspolitik spielt.

Der Berliner Zeitung liegt inzwischen das gesamte 35-seitige Protokoll der Sitzung vor, einschließlich des Vortrags und der anschließenden Diskussion. Darin nimmt Klepach neben nüchterner Analyse kein Blatt vor den Mund.

Russlands Top-Ökonom Klepach: „Russland werde in diesem ‚Abnutzungskrieg‘ nicht gewinnen“

Die schärfsten Sätze fallen in der Diskussion nach seinem Vortrag. „Wir fallen zurück“, sagt Klepach dort. Russland verliere technologisch und wirtschaftlich den Wettbewerb in der Welt, nicht nur gegen China und die USA. „In mancher Hinsicht verlieren wir ihn auch gegen die Ukraine“, so Klepach.

Dabei beschönigt Klepach auch die Lage der Ukraine nicht. Ihre Wirtschaft sei teilweise zerstört, das Land erlebe eine demografische Katastrophe und werde massiv finanziell unterstützt. Trotzdem hält die ukrainische Wirtschaft durch.

Dann geht Klepach noch weiter: Russland werde die Konkurrenz in diesem „Abnutzungskrieg“ nicht gewinnen. Die Vorstellung, auf der anderen Seite werde irgendwann alles zusammenbrechen, bezeichnet er als Illusion. „Ich glaube, dass Russland nicht auseinanderfallen wird“, so Klepach. Dafür erwartet Klepach etwas anderes: Der Rückstand werde größer – „mit allen daraus folgenden Konsequenzen“.

Schwarzer Rauch steigt von der Raffinerie auf, in der nach einem Angriff ein Feuer ausgebrochen ist, während in Moskau am 18. Juni 2026 die Löscharbeiten andauern.

Schwarzer Rauch steigt von der Raffinerie auf, in der nach einem Angriff ein Feuer ausgebrochen ist, während in Moskau am 18. Juni 2026 die Löscharbeiten andauern.

© Sefa Karacan/Imago

Eine zunehmende Belastung seien die ukrainischen Angriffe auf wirtschaftliche Ziele, erklärt Klepach ausführlich in seinem Vortrag. Die Verluste durch Angriffe auf Häfen, Öl- und Gasanlagen, Chemieunternehmen und Logistik nähmen zu. Sie würden bereits zu einem „spürbaren makroökonomischen Hindernis“ für das russische Wirtschaftswachstum.

Angriffe auf russische Raffinerien haben die Kraftstoffversorgung in diesem Sommer tatsächlich so stark belastet, dass Moskau mit Exportbeschränkungen und zusätzlichen Importen reagieren musste. Gleichzeitig treffen Drohnen zunehmend Lager- und Logistikinfrastruktur.

Während 2023 und 2024 sowohl die zivile als auch die militärische Produktion wuchs, seien die zivilen Branchen des verarbeitenden Gewerbes 2025 um rund zwei Prozent geschrumpft. Die militärische Produktion habe dagegen um 16 bis 20 Prozent zugelegt.

Hinzu kommt der Rückgang der Investitionen. Sie seien bereits 2025 stärker gefallen als erwartet. Für 2026 rechnet sein Institut real mit einem weiteren Minus von 2,5 Prozent; möglicherweise werde es auch 2027 noch kein Investitionswachstum geben. Etwa die Hälfte der Wachstumsbremsung führt Klepach auf die extrem straffe Geldpolitik zurück.

Russlands Wirtschaft beschreibt Klepach als eine Wirtschaft mit „schmaler Taille“

Für die kommenden Jahre sieht er entsprechend wenig Wachstum. Bei einer Fortsetzung des Krieges, anhaltenden Sanktionen und einer weiterhin sehr straffen Geldpolitik könne die russische Wirtschaft kaum wieder deutlich an Tempo gewinnen. Kommen weitere Sanktionen und wachsende Schäden durch ukrainische Angriffe hinzu, könnte das BIP-Wachstum 2027 nach seiner Rechnung höchstens ein bis 1,5 Prozent erreichen.

Seine Kritik richtet sich allerdings nicht allein gegen Krieg, Sanktionen oder hohe Zinsen. Klepach sieht ein grundsätzliches Strukturproblem. Russlands Wirtschaft beschreibt er bildlich als eine Wirtschaft mit einer „schmalen Taille“: stark bei Rohstoffen und Energie sowie bei Dienstleistungen, aber mit einem zu schwachen industriellen Mittelteil, etwa bei Produktionsmitteln, Mikroelektronik und Werkzeugmaschinen.

Gefeuerter russischer Ökonom rechnet mit „sozialer Krise“

Am weitesten geht Klepach schließlich bei den möglichen gesellschaftlichen Folgen. Die Wirtschaft werde zwar durchhalten, sagt er. Trotzdem könne eine „soziale Krise“ entstehen, möglicherweise gerade dann, wenn kaum jemand damit rechne.

Klepach verweist dabei auf 1917 und 1991. Noch im Dezember 1916 habe Lenin nicht damit gerechnet, die Revolution selbst zu erleben; wenige Monate später kam die Februarrevolution. Auch vor dem Zerfall der Sowjetunion habe es lange eine Krise gegeben, ohne dass daraus zwangsläufig deren Zusammenbruch folgen musste.

Moskau. 22. Februar 2011. Wirtschaftsministerin Elvira Nabiullina und ihr Stellvertreter Andrei Klepach bei einer Plenarsitzung der Staatsduma, der unteren Kammer des russischen Parlaments.

Moskau. 22. Februar 2011. Wirtschaftsministerin Elvira Nabiullina und ihr Stellvertreter Andrei Klepach bei einer Plenarsitzung der Staatsduma, der unteren Kammer des russischen Parlaments.

© imago stock&people

Eine Wiederholung dieser Ereignisse sagt Klepach ausdrücklich nicht voraus. Dass das Land jedoch in eine soziale Krise gerate, dessen sei er sich „fast sicher“. Auch die Wirtschaft werde nicht zusammenbrechen – der Rückstand aber weiter wachsen.

Ob der wirtschaftliche Druck tatsächlich in eine gesellschaftliche Krise mündet, ist allerdings eine Prognose und keine ökonomische Gewissheit. Die derzeitigen Zahlen geben zumindest Anlass, genauer hinzusehen. Das russische Staatshaushaltsdefizit steigt wegen der hohen Ausgaben zunehmend.

Gleichzeitig hält die Zentralbank die Zinsen hoch, um die Inflation zu bekämpfen, was wiederum Investitionen und zivile Unternehmen belastet. Klepachs größere Sorge scheint aber eine andere zu sein: Russland könne den Krieg wirtschaftlich aushalten, ohne deshalb wirtschaftlich zu gewinnen.

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