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Ukrainisches Medium spekuliert: Greift Kiew jetzt Russlands LNG-Terminals an?

Дата публикации: 21-08-2026 01:33:00

Die EU nimmt noch immer 92 Prozent der Yamal-Lieferungen ab. Nun wird in einem ukrainischen Medium über Angriffe auf Russlands LNG-Infrastruktur diskutiert.

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Die Ukraine greift mit Drohnen immer häufiger Russlands Ölraffinerien, Tanklager und Häfen an. Nun könnten auch die großen russischen LNG-Terminals in den Fokus rücken. Darüber spekuliert das unabhängige ukrainische Nachrichtenportal Kyiv Independent in einer aktuellen Analyse. Selbst die russischen Arktis-Anlagen Yamal LNG und Arctic LNG 2 könnten demnach inzwischen in Reichweite ukrainischer Drohnen liegen.

Konkrete Hinweise auf entsprechende Pläne gibt es bislang nicht. Der Kyiv Independent spielt lediglich mögliche Szenarien durch. Das Medium beruft sich unter anderem auf ein Dokument, das die Ukraine an das Weiße Haus übermittelt haben soll und das der Redaktion vorliegt. Demnach verfügen Drohnensysteme des ukrainischen Herstellers Fire Point über eine angegebene Reichweite von bis zu 3400 Kilometern. Angriffe auf die russische LNG-Infrastruktur könnten zwar einen wichtigen Einnahmestrom des Kremls treffen – aber auch Europas Gasversorgung unter Druck setzen.

Erreichen ukrainische Drohnen russische LNG-Terminals?

Die Ukraine richtet ihre Angriffe zunehmend gegen Russlands Energieindustrie. Anfang August griff Kiew beispielsweise die zwei Ölraffinerien in Jaroslawl und Baschkortostan an – im Juni hatten ukrainische Drohnen offenbar die Moskauer Ölraffinerie getroffen. Noch näher als Yamal LNG und Arctic LNG 2 liegen die russischen Anlagen Wysotsk und Portowaja im Gebiet Leningrad. Beide Terminals sind etwa 1130 Kilometer von Kiew entfernt. Am 6. Juli attackierte die Ukraine bereits das Ölterminal in Wysotsk. Das zeige, dass theoretisch auch die dortige LNG-Anlage erreichbar wäre, argumentiert der Kyiv Independent.

Angriffe auf die Exportanlagen könnten Russlands LNG-Geschäft dem Bericht zufolge schwerer treffen als Attacken auf einzelne Schiffe. Das Land verfüge derzeit über lediglich fünf aktive LNG-Terminals. Allein Yamal LNG steht nach Angaben der Kyiv School of Economics für rund 63 Prozent der russischen Flüssigerdgasexporte.

Die Anlage auf der sibirischen Jamal-Halbinsel ist zugleich auf eine kleine Flotte besonders leistungsfähiger Arc7-Eisbrecher-Tanker angewiesen. Nach Angaben des Energieexperten Isaac Levi vom Centre for Research on Energy and Clean Air (CREA) bedienen lediglich 15 dieser Spezialschiffe die russischen Arktis-Projekte. Die Tanker seien teuer, technisch komplex und nur schwer zu ersetzen.

Russland ist für seine Transporte aus den Arktis-Anlagen Yamal LNG und Arctic LNG 2 auf sogenannte Arc7-Eisbrecher-Tanker angewiesen.

Russland ist für seine Transporte aus den Arktis-Anlagen Yamal LNG und Arctic LNG 2 auf sogenannte Arc7-Eisbrecher-Tanker angewiesen.

© Valerii Kadnikov/imago

Westliche Reedereien sichern Russlands LNG-Exporte

Angriffe auf die Schiffe wären für Kiew jedoch politisch hochriskant. Ein erheblicher Teil der russischen LNG-Exporte wird nicht von russischen, sondern von griechischen, japanischen und britischen Reedereien transportiert. Allein die drei Unternehmen Dynagas, Mitsui O.S.K. Lines und Seapeak bewegen laut der Kyiv School of Economics zusammen rund 60 Prozent der monatlichen Ausfuhren.

Besonders groß ist die Rolle der griechischen Reederei Dynagas. Wie eine Auswertung von Kpler-Schiffsdaten durch die Umweltorganisation Urgewald zeigt, transportierten Dynagas zugerechnete Tanker zwischen Januar und Juli 2026 rund 4,14 Millionen Tonnen LNG aus Yamal. Das entsprach 35 Prozent der gesamten Exportmenge des Projekts – die Berliner Zeitung berichtete ausführlich.

Von insgesamt 57 Ladungen gingen 53 mit zusammen 3,86 Millionen Tonnen an Häfen in der EU. Urgewald beziffert den Bruttowert des transportierten Flüssigerdgases anhand der monatlichen europäischen Gaspreise auf rund 2,35 Milliarden Euro. Dabei handelt es sich nicht um die Einnahmen oder Gewinne von Dynagas, sondern um den geschätzten Wert der Ladungen.

Trotz EU-Ausstieg ab 2027: Belgien kauft nur noch russisches LNG

Streit mit der EU: Athen erzwingt eine LNG-Ausnahme

Griechenland blockierte im Juli mehr als eine Woche lang das gesamte 21. Sanktionspaket der EU, um die heimische Schifffahrtsbranche zu schützen. Mehrere griechische Politiker hatten die geplanten EU-Sanktionen als „Schuss ins eigene Bein“ bezeichnet. Athen setzte schließlich eine zunächst zwölfmonatige Ausnahme durch: Europäische Reedereien dürfen russisches LNG vorerst weiterhin in Drittstaaten transportieren.

Die Regelung ist eng auf Dynagas zugeschnitten. Nach Berechnungen des CREA entfielen 2025 rund 96 Prozent der betroffenen Drittstaatentransporte europäischer Reedereien auf das griechische Unternehmen. Die EU begründete den Kompromiss damit, dass andernfalls chinesische Reedereien das Geschäft übernehmen könnten, ohne dass Russland dadurch wirtschaftlich geschwächt würde.

Mit Angriffen auf russische LNG-Tanker könnte die Ukraine deshalb einen Konflikt mit ihren eigenen Verbündeten riskieren. Kiew werde weder EU-Regierungen verärgern noch die Unterstützung für Sanktionen oder weitere Militärhilfe gefährden wollen, sagte CREA-Experte Isaac Levi dem Kyiv Independent. Sobald das vollständige EU-Importverbot für russisches LNG ab 2027 greift und sich der Handel stärker nach Asien verlagert, könnte sich dieses politische Kalkül seiner Einschätzung nach jedoch ändern.

CREA-Experte Isaac Levi hält ukrainische Angriffe auf russische LNG-Tanker für politisch riskant, da viele von ihnen von westlichen Reedereien betrieben werden.

CREA-Experte Isaac Levi hält ukrainische Angriffe auf russische LNG-Tanker für politisch riskant, da viele von ihnen von westlichen Reedereien betrieben werden.

© Danil Shamkin/imago

Trotz US-Sanktionen: Arctic LNG 2 wächst rasant

Die Spekulation fällt in eine Phase, in der Russlands LNG-Geschäft trotz westlicher Sanktionen wieder wächst. Nach Daten des Londoner Börsenbetreibers LSEG, die der Berliner Zeitung exklusiv vorliegen, wurden bei Arctic LNG 2 zwischen Januar und Juli 2026 rund 1,71 Millionen Tonnen Flüssigerdgas verladen. Das war mehr als achtmal so viel wie im entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Die USA hatten das Projekt bereits 2023 sanktioniert und zunächst weitgehend zum Stillstand gebracht. Arctic LNG 2 ist für eine Jahreskapazität von knapp 20 Millionen Tonnen ausgelegt und soll einen wichtigen Beitrag zu Wladimir Putins Ziel leisten, die russischen LNG-Exporte bis 2030 zu verdreifachen. Neue Tanker ermöglichen Russland inzwischen jedoch, trotz der Sanktionen mehr LNG abzutransportieren. Zugleich deuten aus China gelieferte Anlagenmodule darauf hin, dass Moskau Arctic LNG 2 weiter ausbauen will.

Auch die EU bleibt vor dem Importverbot ein zentraler Abnehmer. Zwischen Januar und Juli gingen nach einer Urgewald-Auswertung 10,89 Millionen der weltweit ausgelieferten 11,83 Millionen Tonnen Yamal-LNG an EU-Häfen. Das entsprach rund 92 Prozent. Der geschätzte Wert der europäischen Ladungen lag bei 6,64 Milliarden Euro.

LNG-Angriffe könnten Europas Gasversorgung belasten

Eine abrupte Unterbrechung dieser Lieferungen könnte Europas angespannten Gasmarkt zusätzlich belasten. Aktuell sind die Speicher in der EU laut Daten von Gas Infrastructure Europe lediglich zu 55 Prozent gefüllt – so schlecht wie noch nie zu diesem Zeitpunkt. Das Energiewirtschaftliche Institut der Universität zu Köln (EWI) errechnete, dass Europa seine LNG-Einfuhren mehr als verdoppeln müsste, um bis November einen Speicherstand von 80 Prozent zu erreichen.

Hinzu kommen europäische Eigentumsinteressen: Der französische Energiekonzern TotalEnergies hält 20 Prozent an Yamal LNG. Nach Angaben von Konzernchef Patrick Pouyanné nimmt TotalEnergies jährlich durchschnittlich rund 400 Millionen Dollar mit dem Verkauf von LNG-Ladungen aus Yamal ein, wie Reuters berichtet. Eine Explosion in der Arktis könnte außerdem schwere Umweltschäden verursachen, weil extreme Kälte, Meereis und große Entfernungen Bergungs- und Löscharbeiten erschweren.

Urgewald-Experte Alexander Kirk hält bereits die Fragestellung für problematisch. Eine Debatte über mögliche ukrainische Angriffe könne Europas eigene Verantwortung für den anhaltenden Handel verdecken. Statt Militärschläge zu diskutieren, solle die EU die für Yamal eingesetzte Arc7-Tankerflotte sanktionieren und die Einfuhr russischen Flüssigerdgases schneller beenden. Ob Kiew tatsächlich Angriffe auf Russlands LNG-Infrastruktur erwägt, bleibt allerdings offen.

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