Rainer Rubbert und Martin Daske veranstalten seit 1989 im BKA-Theater die Reihe „Unerhörte Musik“. Eine Berliner Erfolgsgeschichte. Das Interview.
Der Sound von Berlin – das ist nicht bloß S-Bahn-Tuten, Philharmoniker und Berghain. Nein, in Berlin musiziert auch eine florierende Szene für Neue Musik. Neu im Sinne von wirklich neu. Leute, die etwa mit Akkordeon, Fagott und Elektronik crazy Klänge erschaffen. Hören kann man bei „Unerhörte Musik“, Deutschlands erster wöchentlicher Reihe für Neue Musik, solch aufregende Experimente jeden Dienstag im Kreuzberger BKA-Theater. Klingt nach verkopften Hochkultur-Snobs? Ganz und gar nicht. Sogar frisch gezapftes Bier darf man in den Saal mit reinnehmen, wo gibt’s das sonst schon in Berlin?
Herr Rubbert, Herr Daske, als Sie 1989 „Unerhörte Musik“, Ihre Reihe gegründet haben – stand da eigentlich die Mauer noch?
RAINER RUBBERT: Ja, gerade noch.
MARTIN DASKA: Wir haben im Februar angefangen, und am 9. November fiel die Mauer. Wir hatten also gerade begonnen und, ich glaube, sogar schon eine Sommerpause hinter uns.
War die Reihe von Anfang an hier im BKA-Theater beheimatet?
RUBBERT: Ja, immer hier und immer dienstags. Das Theater wurde im April 1988 gegründet, und wir starteten im Februar 1989 mit der Reihe. Ganz früher war hier eine Diskothek drin, die „Dachluke“.
DASKE: Genau, das waren Räumlichkeiten einer Jugend-Disco aus den 60er-Jahren. Sogar Klaus Wowereit soll hier schon getanzt haben. Als wir anfingen, war das alles leer geräumt. Einfach weiß getünchte Fabriketagen. Ältere Taxifahrer nennen die Station hier unten am Mehringdamm übrigens immer noch „Dachluke“.
Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Rainer Rubbert, geboren 1957 in Erlangen, arbeitet als freischaffender Komponist. Von 1975 bis 1981 studierte er Komposition bei Witold Szalonek an der Hochschule der Künste Berlin. 1989 gründete er zusammen mit Martin Daske die Konzertreihe „Unerhörte Musik“ in der Berliner Kabarett-Anstalt. Daske, 1962 geboren in West-Berlin, ist Komponist, Audiokünstler, Video- und Hörspielmacher. Seine kompositorische Ausbildung erhielt er in den USA am Dartmouth College, in Krakau und am Mozarteum Salzburg.
Wie hat sich Kreuzberg in dieser Zeit angefühlt?
RUBBERT: Wie eine West-Berliner Insel. Es war super, aber auch ein bisschen heruntergekommen.
Kommen Sie beide aus West-Berlin?
DASKE: Ich bin in West-Berlin geboren und aufgewachsen.
RUBBERT: Ich bin gebürtig aus Erlangen, aber seit meinem zehnten Lebensjahr hier. Ich gelte also quasi als Berliner.
Wie kamen Sie überhaupt auf die Idee für die Reihe? Und was war das ursprüngliche Konzept?
DASKE: Wir hatten das Theater ursprünglich als Kabarett-Theater gegründet und dort selbst Kabarett gespielt. Um uns von anderen Häusern wie dem Mehringhof-Theater zu unterscheiden, wollten wir aber einen eindeutigen Musikschwerpunkt setzen, da wir selbst Musikkabarett machten. Da wir Komponisten sind, kam die Überlegung auf, hier auch Konzerte zu veranstalten. Wir sind mit der Idee an den Kultursenat herangetreten, Neue Musik zu präsentieren.
Und wie hat der Kultursenat reagiert?
DASKE: Das stieß auf offene Ohren, da es damals kaum Podien für junge Komponisten gab, die gerade von der Universität kamen. Die Szene war damals relativ verkrustet. Zeitgleich kam eine erste Generation von Musikern auf, die sich wirklich auf Neue Musik spezialisiert hatten und keine klassische Orchesterlaufbahn anstrebten. Unser Prinzip war von Anfang an: eine wöchentliche Konzertreihe für Neue Musik. Mit der Wende kamen plötzlich die spezialisierten Musiker aus Ost-Berlin dazu. Die Szene ist förmlich explodiert.
Berlin gilt mit seinen drei Opernhäusern, der Philharmonie und dem Konzerthaus als große Klassikstadt. Warum gab es bei der Neuen Musik so eine Versorgungslücke?
DASKE: Weil die großen Häuser bis heute relativ wenig Neue Musik unterstützen. Es gibt vielleicht alle zwei Jahre mal eine große Produktion eines bekannten Namens an einer Berliner Oper, aber der gesamte „Humus“, der in dieser Stadt existiert, wird dort nicht gefördert. Diesen „Humus“ zu bewässern, das ist unsere Aufgabe.
RUBBERT: In den großen Häusern gilt Schönberg oft noch als „modern“, und das Stammpublikum verlässt teilweise den Saal.
Neue Musik hat oft das Image, schwer zugänglich zu sein.
DASKE: Das war schon immer so. Selbst Beethoven galt zu seiner Zeit als zu modern. Natürlich muss man sich mit Neuer Musik beschäftigen, um einen Zugang zu finden, aber man muss kein Experte sein. Musik ist zum Hören da. Man muss sie nicht vorher analysieren können. Musik soll das Leben bereichern, und da gehört die Neue Musik unbedingt dazu – vielleicht heute sogar mehr als Mozart.
RUBBERT: Wenn meine 90-jährige Stiefmutter ins Konzert kommt und etwas findet, das sie berührt, dann ist das doch wunderbar. In einem Konzert mit sechs bis zehn Stücken sind hoffentlich drei dabei, die jemanden wirklich ansprechen. Das ist das Wesen der Zeitgenossenschaft: Es gibt noch keinen historischen Filter. In 100 Jahren werden wir sehen, was von der heutigen Musik übrig bleibt – so wie wir heute noch Beethoven hören. Man muss sich einfach darauf einlassen und selbst urteilen.
DASKE: Übrigens, ich wäre für ein 30-jähriges Beethoven-Verbot in den Konzertsälen, um mal wieder Luft für Zeitgenössisches zu schaffen. Heute bestehen 90 Prozent der Programme weltweit aus Bach, Mozart, Beethoven, Haydn und Brahms.
Im BKA-Theater, wo die „Unerhörte Musik“ stattfindet: Rainer Rubbert (l.) und Martin Daske
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Welches Publikum kommt denn zu Ihnen?
DASKE: Es ist jede Woche völlig unterschiedlich. Wir haben ein kleines Stammpublikum, aber oft bringen die Ensembles ihre eigenen Leute mit. Neulich waren plötzlich 50 Schweizer da, weil die Botschaft wohl Werbung für ein Schweizer Ensemble gemacht hatte.
RUBBERT: Gemeinsam ist ihnen die Neugierde. Es ist jedem klar, dass er hier kein Schubert-Quartett zu hören bekommt. Interessant ist: Wenn Komponisten heute wieder tonal schreiben, stößt das bei unserem Publikum oft auf wenig Gegenliebe. In der Philharmonie ist es umgekehrt: Da rastet das Publikum bei Brahms aus und reagiert bei Neuer Musik verhalten. Bei uns ist das Gegenteil der Fall.
Was stellt der Ort selbst, also das BKA-Theater, mit der Rezeptionsweise dieser komplexen Musik an? Hier herrscht ja eher eine Entertainment-Atmosphäre, man kann sogar Drinks mit in den Saal nehmen. In den meisten Berliner Hochkulturorten wäre das verboten.
DASKE: Das ist unser großer Vorteil. Die Leute sind entspannt, sitzen am Tisch, haben ihr Glas Wein und fühlen sich nicht beobachtet wie im Kammermusiksaal der Philharmonie.
RUBBERT: Die Schwelle ist bei uns viel niedriger. Man ist den Künstlern nah, die nach dem Konzert auch oft herauskommen und mit dem Publikum sprechen. Die Bühne ist zugänglich, die Leute schauen sich danach oft noch die Noten auf den Pulten an – oder lassen sich ungewöhnliche Instrumente erklären, wie neulich einen Serpent. Wir sind ein echter Community-Space für Neue Musik.
Wer kann sich bei Ihnen bewerben? Und was erhöht die Chancen darauf, von Ihnen dann auch wirklich ausgewählt zu werden?
DASKE: Es müssen professionelle Musiker sein. Die Programme sollten zeitgenössisch sein; vorzugsweise Werke lebender Komponisten oder zumindest solche, die nach 1950 entstanden sind. Zudem legen wir Wert auf einen Berlin-Bezug. Wir achten außerdem sehr auf Diversität und ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Komponistinnen und Komponisten.
RUBBERT: Wir haben einen künstlerischen Beirat, der uns dabei unterstützt. Wir erhalten etwa doppelt so viele Bewerbungen, wie wir umsetzen können. Das ist eine Luxussituation, da wir fast jedes Programm, das wir für gut befinden, auch realisieren können.
Gab es schon mal Bewerbungen, die Ihnen zu „crazy“ waren?
RUBBERT: Nein, eigentlich nicht. Es darf laut sein und experimentell. Wichtig ist uns jedoch, dass es sich primär um komponierte Musik handelt. Reine Improvisation oder Konzepte ohne Partitur verweisen wir eher an Orte wie das Exploratorium.
„Kommentare kommen schon mal aus Australien, Mexiko oder China“: Rubbert und Daske
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Sie streamen Ihre Konzerte mittlerweile auch professionell mit mehreren Kameras. Begann das während der Pandemie?
DASKE: Ja, wir haben zwei Jahre lang ohne Publikum gestreamt. Das war oft die einzige Möglichkeit für Musiker, überhaupt aufzutreten. Es war traurig, wir saßen dort nur zu dritt mit dem Techniker und haben allein geklatscht. Inzwischen nutzen wir fünf Kameras und führen das fort, weil es uns ein großes zusätzliches Publikum bringt – teilweise über 1000 Aufrufe pro Konzert in den Folgetagen.
RR: Wir erreichen dadurch Menschen weltweit. Kommentare kommen schon mal aus Australien, Mexiko oder China. Da wir jedoch kaum Reisekosten zahlen können, bewerben sich internationale Künstler oft nur dann, wenn sie eine zusätzliche Förderung aus ihren Heimatländern haben.
Wenn Sie auf die letzten 37 Jahre zurückblicken: Was hat sich am meisten verändert?
DASKE: Der Einsatz von Medien hat rasant zugenommen. Heute gibt es kaum noch ein Konzert ohne Zuspielband, Live-Elektronik oder Video.
RUBBERT: Auch die Professionalität der Programme ist gewachsen. Es sind nicht mehr „nur“ aneinandergereihte Stücke, sondern thematisch durchdachte Konzepte. Die Musiker kümmern sich heute auch viel stärker selbst um ihr Marketing.
Wie sehen Sie das Standing der Neuen Musik in Berlin heute?
RUBBERT: Berlin ist europaweit die Hauptstadt der Neuen Musik. Es gibt hier mehr davon als in Paris, Madrid oder Rom. Das liegt auch an der guten Atelier- und Projektförderung, die Künstler anzieht. Auch die Musikhochschulen ziehen viele Talente an, die spätestens nach ihrem Abschluss in die Szene eintauchen.
Werfen wir einen Blick auf das Konzert am 1. September. Ihr erstes nach der Sommerpause. Was erwartet uns dort?
DASKE: Es spielt ein Duo aus Fagott und Akkordeon – eine sehr seltene Kombination. Die beiden Musiker, Ronan Whittern und Filip Erakovic, haben sich ein eigenes Repertoire erarbeitet und Stücke bei jungen Komponisten in Auftrag gegeben. Das Programm heißt „Wood, Reeds and Bellows“. Das Schöne an dieser Szene ist ja gerade diese Beweglichkeit, Besetzungen auszuprobieren, für die es eigentlich noch gar kein Repertoire gibt.
Seit 1989 gibt es Ihre Erfolgsreihe nun schon. 37 Jahre sind eine lange Zeit. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
RUBBERT: Eigentlich sind wir wunschlos glücklich, abgesehen von dem Wunsch nach einer besseren finanziellen Ausstattung, um den Musikern höhere Honorare zahlen zu können.
DASKE: Wir möchten weiterhin ein Podium für junge Komponisten sein. Ich wünsche mir, dass es die „Unerhörte Musik“ auch in 20 oder 50 Jahren noch gibt. Wir werden das nicht ewig machen, aber unser Beirat ist jung. Und die Reihe wird nicht mit uns aufhören.
Unerhörte Musik. BKA-Theater, Mehringdamm 34, Kreuzberg. Erstes Konzert nach der Sommerpause am 1. September mit dem Duo Whittern/Erakovic, danach wieder jeden Dienstag um 20 Uhr. Programmdetails auf www.unerhoerte-musik.de
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