177 Prozent Kursplus für eine Pressemitteilung ohne Zahlen: Was Merck und Moderna wirklich über ihre Krebs-Studie sagen – und was nicht.
Die Pharmakonzerne Merck und Moderna meldeten am Mittwoch eine Sensation. Laut einer Studie an Melanom-Patienten seien Erfolge mit einem neuartigen Krebsmedikament erzielt worden – einem mRNA-Präparat, kombiniert mit dem bereits zugelassenen Immuntherapeutikum Keytruda.
Die Reaktion ließ nicht auf sich warten. Die Aktien beider Unternehmen schossen in die Höhe. Tech-Milliardär Elon Musk schrieb auf X, mRNA habe trotz ihres „Missbrauchs während der Corona-Pandemie“ enormes Potenzial zur Heilung von Krankheiten – künstliche RNA mache das Heilen von Krankheiten im Grunde zu einem Software-Problem. Im regulären Handel an der Wall Street stieg Moderna um 176,97 Prozent auf 174,38 US-Dollar, Merck legte um 12,60 Prozent zu.
Merck und Moderna teilten mit, ihre Kombinationstherapie habe bei 1137 Patienten mit operiertem Hautkrebs im fortgeschrittenen Stadium die Studienziele erreicht – konkret ging es darum, wie lange die Patienten ohne Rückfall blieben. Das Ergebnis sei „statistisch signifikant und klinisch bedeutsam“, heißt es.
Klingt vielversprechend. Doch was sagen die Zahlen? Dazu gibt die Mitteilung keine Auskunft. Keine Angabe, um wie viel sich das Rückfallrisiko tatsächlich verringert hat. Keine Information zu Nebenwirkungen. Außerdem handelt es sich lediglich um eine Zwischenauswertung. Die eigentlichen Ergebnisse sollen erst später auf einem Fachkongress vorgestellt werden. Die Pharmakonzerne haben also im Grunde angekündigt, dass sie demnächst etwas ankündigen werden. An der Wall Street schien das an diesem Tag auszureichen.
Belastbare Zahlen gibt es bisher nur aus einer kleineren, früheren Studie mit 157 Patienten. Deren Fünf-Jahres-Daten veröffentlichte Merck bereits im Juni: Das Rückfallrisiko sank demnach relativ um 49 Prozent, das Risiko einer Fernmetastase um 59 Prozent. Das klingt eindrucksvoll, verdient aber eine Einordnung. „49 Prozent weniger Risiko“ bedeutet nicht, dass 49 von 100 Patienten zusätzlich verschont blieben – es beschreibt, um wie viel langsamer Rückfälle im Studienverlauf auftraten. Der tatsächliche Unterschied zwischen den beiden Gruppen fällt kleiner aus, als die Prozentzahl vermuten lässt.
Der wichtigste Punkt betrifft die Frage, ob die Patienten am Ende tatsächlich länger lebten. Hier wird es unübersichtlich. Merck selbst gibt für das Gesamtüberleben eine Schwankungsbreite an, die von einem deutlichen Vorteil bis zu einem leicht erhöhten Sterberisiko unter der neuen Therapie reicht und spricht deshalb vorsichtig von einem „ermutigenden Trend“, nicht von einem bewiesenen Vorteil. Statistisch gesprochen lässt sich anhand dieser Daten ein erhöhtes Risiko schlicht nicht ausschließen. Das ist keine Kleinigkeit, sondern genau der Unterschied zwischen „vielversprechend“ und „noch offen“.
Bemerkenswert ist, wie wenig dieser Vorbehalt in der öffentlichen Debatte eine Rolle spielte. Eine Pressemitteilung ohne belastbare Zahlen reichte aus, um Börsenkurse zweistellig steigen zu lassen und die These zu befeuern, Krebs sei bald ein Programmierproblem. Das trifft die Realität schlecht: Jede Dosis wird eigens aus dem Mutationsprofil eines einzelnen Tumors hergestellt. Ein aufwendiger biologischer Prozess, kein Klick auf „Update installieren“. Und Keytruda, der Vergleichswirkstoff in der Studie, ist selbst ein Medikament mit einem ausführlich dokumentierten Risiko schwerer, in seltenen Fällen tödlicher Nebenwirkungen.
Die Nervosität der Märkte hat auch mit der Geschichte des Unternehmens zu tun. Moderna wurde einer breiten Öffentlichkeit erst während der Corona-Pandemie bekannt: Der mRNA-Impfstoff des 2010 in Cambridge, Massachusetts, gegründeten Unternehmens erhielt 2020 eine Notfallzulassung – und war das erste Medikament, das die Firma überhaupt auf den Markt brachte.
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