Statt des versprochenen Fußballfestes droht die WM 2026 in Nordamerika zu einer Bühne für staatliche Repression zu werden.
Abschiebungen in den USA, Militarisierung in Mexiko: Die Fußball-WM 2026 in Nordamerika findet inmitten einer akuten Menschenrechtskrise statt. Fans, Spieler*innen und lokale Gemeinschaften sind bei diesem Turnier enormen Risiken durch staatliche Repression, Überwachung und Diskriminierung ausgesetzt. Die FIFA und die beteiligten Regierungen müssen dringend verbindliche Schutzmaßnahmen durchsetzen, damit die Menschenrechte und nicht die Rekordgewinne im Mittelpunkt des Turniers stehen.
Die FIFA hat für die Weltmeisterschaft 2026 ein Turnier versprochen, bei dem sich alle "sicher, eingebunden und frei in der Ausübung der eigenen Rechte" fühlen können. Doch wenige Monate vor dem Anpfiff am 11. Juni 2026 im Estadio Azteca in Mexiko-Stadt zeichnet sich ein anderes Bild ab.
Das größte Turnier der Fußballgeschichte, das voraussichtlich 6,5 Millionen Fans in die Stadien locken und der FIFA Rekordeinnahmen von 11 Milliarden US-Dollar bescheren soll, findet inmitten einer akuten Menschenrechtskrise statt. Die WM 2026 ist kein Einzelfall: Wie sich Menschenrechtsverletzungen bei Sport-Mega-Events wiederholen, zeigt unsere Hintergrundseite Menschenrechte im Sport.
Das Turnier wird mit insgesamt 104 Spielen in 16 Städten quer durch die USA, Mexiko und Kanada ausgetragen. Fans, Spieler*innen, Medienschaffende und lokale Gemeinschaften sind insbesondere in den USA und Mexiko massiven Risiken durch staatliche Repressionen, Abschiebungen, Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt.
Die Menschenrechtskrise zur WM 2026 in ZahlenFIFA-Präsident Gianni Infantino präsentiert US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus den WM-Pokal im Rahmen der Ankündigung zur Auslosung der Weltmeisterschaft 2026 (22. August 2025).
© IMAGO / UPI Photo
Die USA, in denen drei Viertel aller WM-Spiele (insgesamt 78 Partien) stattfinden, befinden sich in einem regelrechten Menschenrechtsnotstand.
So wurden die US-Einwanderungsbehörden ICE (Immigration and Customs Enforcement) und CBP (Customs and Border Protection) zu paramilitärisch agierenden Einheiten umgebaut. Maskierte, bewaffnete Bundesagenten stürmen ohne Haftbefehl Wohnungen und verhaften willkürlich Menschen auf offener Straße – selbst in der Nähe von Schulen oder religiösen Einrichtungen.
Steve Cockburn, Leiter der Abteilung für wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit bei Amnesty International, sagt dazu:
Razzien im WM-Umfeld und fatale Kooperationen"Die US-Regierung hat im Jahr 2025 mehr als 500.000 Menschen aus den USA abgeschoben – sechsmal so viele Menschen, wie das WM-Finale im MetLife Stadium verfolgen werden.
Trotz der hohen Zahl von Verhaftungen und Abschiebungen haben weder die FIFA noch die US-Behörden Garantien dafür gegeben, dass Fans und lokale Gemeinschaften vor Racial Profiling, wahllosen Razzien oder unrechtmäßigen Inhaftierungen und Abschiebungen sicher sind."
Dass diese Gefahr für WM-Besucher*innen absolut real ist, bewies bereits die FIFA Klub-Weltmeisterschaft 2025 in den USA. Vor den Toren des MetLife Stadiums in New Jersey – dem Ort des kommenden WM-Finales – wurde ein registrierter Asylbewerber und Familienvater wegen eines geringfügigen zivilrechtlichen Vergehens von der lokalen Polizei angehalten. Er wurde anschließend direkt an die Einwanderungsbehörde ICE übergeben und für drei Monate inhaftiert, bevor er das Land verlassen musste.
Protest für die Freilassung der palästinensischen Aktivistin Leqaa Kordia vor dem Gebäude der US-Einwanderungsbehörde ICE in New York (8. Mai 2025)
© IMAGO / ZUMA Press Wire
Am 28. Juni 2025 demonstriert eine Gruppe von Menschen in den Everglades bei Ochopee im US-Bundesstaat Florida gegen den Bau des geplanten ICE-Haftzentrums für Migrant*innen "Alligator Alcatraz".
© AFP via Getty Images
Das Vorzeigeprojekt der FIFA bringt nicht nur in den USA, sondern auch in den beiden anderen Gastgeberländern tiefgreifende menschenrechtliche Probleme mit sich.
Mexiko: Militarisierung und die Krise der VerschwundenenMexiko reagiert auf anhaltende Gewalt mit Härte und mobilisiert für das Turnier 100.000 Sicherheitskräfte, darunter 20.000 Soldat*innen. Der Einsatz des Militärs für zivile Polizeiaufgaben birgt Risiken, da die Streitkräfte in der Vergangenheit in außergerichtliche Hinrichtungen und weitere Menschenrechtsverletzungen verwickelt waren.
Hinzu kommen über 133.500 verschwundene Menschen in Mexiko. Befeuert wird dieses massenhafte Verschwindenlassen durch organisierte Kartelle, korrupte Behörden und die fortschreitende Militarisierung.
In einem Umkreis von nur 10 Meilen um das Estadio Akron (Guadalajara), in dem WM-Spiele stattfinden, wurden Massengräber mit mindestens 500 Leichen entdeckt. Frauen und Mütter der Verschwundenen planen bereits friedliche Proteste vor dem Eröffnungsspiel im Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. Darüber hinaus bleibt Mexiko für Journalist*innen eines der gefährlichsten Länder weltweit.
Kanada: Obdachlosigkeit und Verdrängung für ein schönes StadtbildIn Kanada offenbart die WM die harte Realität der sozialen Verdrängung. Aus Angst vor sogenannten Street Sweeps, wie sie bereits bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver stattfanden, fürchten Obdachlose um ihre Existenz.
Als "Street Sweeps" (Straßensäuberungen) bezeichnet man Maßnahmen, bei denen städtische Behörden die Zeltlager von Obdachlosen gewaltsam räumen und deren persönliche Gegenstände beschlagnahmen. Ein zynisches Beispiel liefert Toronto: Hier wurde eine Winterunterkunft für Obdachlose einen Monat zu früh geschlossen, weil die FIFA die Räumlichkeiten für sich gebucht hatte.
"Keine Verdrängung – Zwangsräumung tötet": Demonstrierende in der kanadischen Stadt Vancouver protestieren die von der Stadt veranlasste Räumung eines Obdachlosencamps (5. April 2023).
© IMAGO / ZUMA Press Wire
Die von der FIFA propagierte "Inklusion" entpuppt sich für Tausende von Fans als leere Worthülse.
"Während die FIFA mit der WM 2026 Rekordeinnahmen erzielt, dürfen Fans, Gemeinden, Spieler, Journalist*innen und Arbeiter*innen nicht den Preis dafür zahlen", sagt Steve Cockburn. "Der Fußball gehört diesen Menschen – nicht den Regierungen, Sponsoren oder der FIFA – und ihre Rechte müssen im Mittelpunkt des Turniers stehen."
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