Sein neuestes Büchlein zeigt Régis Debray, den Kampfgefährten von Che Guevara und Giangiacomo Feltrinelli, als schwermütigen Spötter.
Debray sagt, »man wird toleranter, man wird nachgerade Humanist«, je älter man wird. Hier ist er 2016 zu sehen, auf dem Fest der »L’Humanité«, der Traditionszeitung der KPF.
Foto: IMAGO/Bestimage
Der ehemalige Revolutionär und heutige Schriftsteller Régis Debray, geboren 1940 in Paris, besitzt eine Eigenschaft, die in Deutschland selten anzutreffen ist: Er ist geistreich. Um geistreich zu sein, ist vieles erlaubt: Eitelkeit, Koketterie, maßlose Übertreibung, Paradoxien bis hin zur Absurdität. Nur dumm oder langweilig darf der oder die Geistreiche niemals sein. Wiederholungen sind streng verboten. Das wird mit jedem Spruch, mit jedem Text schwerer, doch obwohl ich vor »Tout« (Alles), seinem neuesten Büchlein, das einigermaßen logisch auf die »Riens« (Nichtigkeiten) vom vergangenen Jahr folgt, schon ein gutes Dutzend andere von Debray gelesen habe, fallen mir nur wenige Wiederholungen auf.
Er erzählt beispielsweise von seiner Familie, was er, soweit ich mich erinnere, noch nie getan hat. Eine Oma habe ihn besonders lieb gehabt und, nachdem sie von seinem »Missgeschick in Bolivien« gehört habe, prompt enterbt. Denn was bildet sich der Bengel ein? Er will wohl »Familie, Arbeit, Vaterland« in den Schmutz ziehen. »Was hätte der Marschall davon gehalten?« Kurz, die Großmutter des Revolutionärs glaubte bis zuletzt an den Anführer der Kollaboration, Marschall Pétain. Das ist recht komisch.
Das »Missgeschick in Bolivien« war eine Mission Debrays mit seinem Kampfgefährten Che Guevara, die dieser nicht überlebt hat. Debray kam in Haft und verdankte, wie noch einige Male danach, seine Freilassung den guten Verbindungen seiner Verwandten und Freunde. Von dieser Episode hat er schon oft berichtet, aber es fällt ihm dazu jedes Mal etwas Neues ein, diesmal, dass sich Guevara von ihm Lektüre ins Guerilla-Camp bestellt habe – Gedichte von Pablo Neruda, klar, aber auch Edward Gibbons »Verfall und Untergang des römischen Imperiums« (1789), wenigstens den ersten Band. Guevara, schreibt Debray, lebte in der »langen Geschichte«. Und heute, da sich, siehe den Verfall und Untergang des amerikanischen Imperiums, die lange Geschichte zu erfüllen scheint, ist uns unversehens die Zukunft abhanden gekommen, auf die sie zuzulaufen schien.
Debrays »Tout« zerfällt in drei Teile, im ersten erzählt er von Menschen, die sich noch auf das Morgen ausgerichtet haben wie die Mohnblume auf die Sonne. Er erinnert an anarchistische Weggefährten, die es möglich gemacht haben, dass der NS-Folterknecht Klaus Barbie, der es sich mithilfe des US-amerikanischen und des deutschen Geheimdienstes in Bolivien bequem gemacht hatte, vor Gericht gestellt werden konnte. Eine von ihnen war Debrays Geliebte Monika Ertl, die in Hamburg einen der Mörder Guevaras erschoss, Oberst Quintanilla. Die Waffe hatte ihr der zur Revolution übergelaufene Multimillionär und Verleger Giangiacomo Feltrinelli besorgt, der einen eindrucksvollen Auftritt in Debrays Büchlein hat.
Nachdem Feltrinelli schon abgetaucht war, besuchte Debray eine Abendgesellschaft, die Feltrinellis Frau in dessen Villa veranstaltete, und wurde von einem Bediensteten gebeten, in den Garten zu kommen. Dort erwartete ihn ein über und über verdreckter Clochard, in dem er rasch den Freund erkannte. Feltrinelli bat ihn, seiner Frau nichts zu sagen, und ließ sich Neuigkeiten von den Genossen berichten.
Obwohl er erklärt hat, Revolutionen seien in Lateinamerika eine Notwendigkeit, in Europa eine Idiotie, hat Debray nie zu denen gehört, die flink die Seite gewechselt und die früheren Genossen durch den Kakao gezogen haben. Und im Alter, schreibt er, lassen ohnehin die Lebenskräfte nach, »man wird toleranter, man wird nachgerade Humanist«. So kann er selbst denen, die ihn verleumdet haben, Gutes abgewinnen. »Ein Verleumder ist ein Geschenk des Himmels. Sein Opfer kennt danach seine wahren Freundinnen und Freunde.«
Im zweiten, essayistischen Teil von »Tout« arbeitet er die schon erwähnte herbe Erkenntnis durch: »Die Zukunft war gestern. Sie liegt nun im Museum.« Seither seien wir in einem beschränkten Heute ohne Gestern, ohne Morgen eingepfercht. »Wir hatten Aktionsprogramme, nun haben wir die Wettervorhersage.« Und damit setzt er zu einer Gegenwartsanalyse an, die seltsam rückwärtsgewandt bleibt.
Denn dies ist für ihn die Entwicklung, die die Welt beim Übergang vom 20. ins 21. Jahrhundert genommen hat: »Aus der Nation wird die Gesellschaft, aus dem Bürger ein Staatsangehöriger, aus der Schule eine Aufbewahrungsstätte, aus der Brüderlichkeit ein Anmeldeformular, aus der Gesellschaft ein Mosaik, aus der Zukunft eine aktuelle Info, aus dem Staat eine Erinnerung, aus der Armee eine Abteilung der Nato.« Insbesondere an der letzten Bemerkung erkennt man den Linksgaullisten. Dass der »gallische Hahn sich ins Hühnerhaus« verdrückt, ist dem Mann ein Graus.
Keine Blumen, keine Trauerzüge mehr: »Es ist, als ob das Sterben selbst verstorben wäre.«
Wohl erkennt er, dass die alte Republik sich mit Kolonialismus und Schnurrbart-Machismo desavouiert hat, aber ein Frankreich, das nur mehr das »Grinsen ohne die Grinsekatze« aus »Alice im Wunderland« ist, liegt ihm nicht. Sinnfällig wird für ihn das Verblassen der Geschichte auf den Euro-Banknoten, die nur noch »Monopoly«-Spielgeld, »Zeichen ohne Bezeichnetes« seien. Hätte man nicht große Persönlichkeiten Europas – Maria Callas, Marie Curie – abbilden können? Nein, nichts als fiktive Architektur.
Erstaunlicherweise geht Debray nicht auf die Renaissance des Nationalen ein. Denn überall auf der Welt kehrt die Nation, stets in Begleitung ihres Spießgesellen, des Militärs, wieder, freilich nicht als »Republik«, sondern als pétainistischer Obrigkeitsstaat oder als Oligarchen-Plutokratie. Es ist, als ob Debrays Großmutter die Entwicklung besser zu deuten gewusst hätte als er selbst. Das ändert nichts daran, dass die technologisch-kulturellen Verschiebungen, die er verfolgt, sich tatsächlich vollziehen. Alle Höckes, Le Pens und Trumps dieser Welt werden nichts daran ändern, dass das Buch vom Bild ersetzt wird, im Gegenteil, sie profitieren davon. Lässt sich aber mit Debray behaupten, allein das Wort könne »Antrieb der Utopie« sein und zum Aufstand aufstacheln? Dass das Medium die Botschaft ist, macht es noch nicht zur Ursache von allem.
Sehr genau beobachtet der alternde, schwermütige Mann, wie sich die Beerdigungsrituale verlieren. Keine Blumen, keine Trauerzüge mehr, und die Leichenkammer heißt nun »Abschiedsraum«. »Es ist, als ob das Sterben selbst verstorben wäre, sobald der Verstorbene nirgendwo mehr hinkommt (außer in die Luft).« Afrikanische Gesellschaften gingen, schreibt er, mit ihren Alten, Sterbenden und Gestorbenen zivilisierter um als wir. Es gelte, das Leben, das »Alles«, wieder mit dem »Nichts«, dem Tod, zu verbinden.
Der Band endet mit einem ABC populärer und persönlicher Begriffe. Unter dem Begriff »Wette« steht: »Es gibt diejenigen, die den Markt akzeptiert haben, um Europa zu kriegen, und diejenigen, die Europa akzeptiert haben, um den Markt zu kriegen. Wer von beiden hat recht? Antwort in fünfzig Jahren.« Eine Lieblingstheorie von ihm ist, dass die Rechten besser schreiben, weil sie Stil haben und sich nicht an Ideen festklammern. Debray bleibt zwar ein Linker, aber allein um des »Wir« willen. Ohne sie beim Namen zu nennen, scheint er einen leisen Vorbehalt gegen die Wokeness zu hegen: »Die Zweibeiner amputieren, um die Beinlosen nicht zu demütigen, ist doch das Mindeste, was tun kann, wer noch ein Herz hat.« Fein seziert er die Propaganda von den »Barbaren«, die Europa überrennen würden: »Solange nicht etwas Furchtbares hinter der Tür lauert, ist die Selbstachtung in Gefahr.«
Und er erinnert daran, dass der Engel im hebräischen und griechischen Wortsinn ein Botschafter, ein Übermittler ist. Entsprechend müsse der »Angelologe«, also der Engelsgelehrte, heutzutage »Mediologe« genannt werden. Da Régis Debray vor einiger Zeit die Methode der Mediologie aus der Taufe gehoben hat, dürfen wir ihn wohl von nun an »Doctor Angelicus« ehrenhalber nennen. Wer hätte das von einem Mann gedacht, dem einst halb Amerika, Nord wie Süd, auf den Fersen war?
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