Beim bundesweiten Treffen der Esel- und Mulifreunde klären Experten über Irrtümer und Vorlieben der Tiere auf.
Esel sind wegen ihrer Herkunft aus trocken-warmen Gefilden keine Fans von Wasser. Beim Eseltreffen lernen sie liebevoll angeleitet, ins Nass zu treten.
Foto: Felicitas Frädrich
Samu mag kein Wasser. Der Zwergesel steht vor einem kleinen Wassergraben und lässt sich nicht überreden, hindurchzulaufen. Auch ein wenig Überzeugungsarbeit der Person, die Samu führt, fruchtet nicht. Kein Problem – der Esel darf um das Hindernis herumlaufen, das auf einem Parcours im Erlebnispark im brandenburgischen Paaren im Glien steht. Bei sommerlicher Hitze fand hier am vergangenen Wochenende das 36. Treffen der Interessengemeinschaft für Esel- und Mulifreunde (IGEM) Deutschland statt.
Anders als Samu ist die 15-jährige Zwergeseldame Polly nicht ganz so skeptisch, was die vielen im Parcours aufgestellten Herausforderungen angeht. Souverän meistert sie den Wassergraben, läuft durch einen Traktorreifen, passiert ohne Probleme eine aus Strohballen zusammengesetzte Engstelle und lässt sich sogar überzeugen, rückwärts durch einen gekennzeichneten Bereich zu laufen. Selbst die »Spaßhindernisse«, wie die Moderation sie bezeichnet – ein auf Schienbeinhöhe aufgestelltes Rohr und ein kleines Bällebad –, sind für sie kein Thema.
Polly gehört Manuela Brandtner. Ihr Stall befindet sich in Eiskeller, einem Ortsteil am äußersten nordwestlichen Ende Berlins. Wie sie zu ihren Tieren kam, erzählt Brandtner mit einem Schmunzeln: Sie hält schon länger Pferde. Im Scherz hatte sie einer Nachbarin gesagt, sie wolle einen Esel zum Geburtstag. Als Polly dann als Fohlen zu ihr kam, holte sie schnell noch einen zweiten Esel und taufte ihn Uschi. »Du kannst einen Esel nicht alleine halten«, sagt Brandtner im Gespräch mit »nd«.
Mittlerweile hat sie vier Esel und ist sichtlich begeistert von den Tieren – vor allem von ihrem starken Charakter. »Die haben keine Anführer und leben in Kommunen zusammen.« Man müsse erst Freundschaft mit ihnen schließen, sagt Brandtner. Aber zu etwas zwingen lassen sie sich trotzdem nicht. »Wenn es heißt, du musst um 15 Uhr beginnen, dann nehmen die das nicht so genau«, scherzt sie.
Diese Sturheit ist es auch, die dem Esel seinen Ruf einbringt – zu Unrecht, wie sich beim genaueren Hinsehen zeigt. Über das niedliche Tier aus der Pferdefamilie gibt es nämlich viele Irrtümer. Esel seien störrisch, lautet eines davon. »Ein Esel ist ein Kurzdistanzflüchter, er kommt aus der Hochgebirgswüste«, erklärt Kerstin Nußbaum, Pressesprecherin der IGEM im Gespräch mit »nd«. Vorfahren des heutigen Huftieres sind der wilde Somali-Esel im Norden Afrikas und der heute wohl ausgestorbene Nubische Esel aus dem vorderen Orient. »Wenn der Esel wie ein Pferd in der Wüste blindlings weglaufen würde, würde er in einen Graben hinunterfallen und wäre tot«, so Nußbaum. Natürlich könne auch ein Esel einen Schreck bekommen oder Angst haben. »Aber er bleibt dann eher stehen, schaut sich die Situation an, und dann überlegt er.«
Genau dieses Abwägen werde von Menschen oft missverstanden, erklärt Nußbaum weiter. Vieles von dem, was Menschen von ihm verlangen, stelle der Esel infrage. »Wir Menschen neigen dazu, unseren Willen gerne aufzuzwingen – also ziehen wir.« Doch der Esel halte dagegen und baue Gegendruck auf. »Und je mehr wir ziehen, desto mehr zieht der Esel. Daher kommt das Stereotyp des Störrischen«, erklärt die IGEM-Sprecherin und rät, dem Esel Zeit zum Abwägen zu geben. »Und wenn der Esel sagt, das sieht nun mal gefährlich aus, dann bleibt er eben stehen. Esel sind nicht störrisch, sondern nur sehr überlegt.«
Auf dem bundesweiten Treffen der Eselfreunde könne man sehen, »dass man mit einem Esel so viel mehr machen kann, als ihn buckeln zu lassen.« Ein weiteres hartnäckiges Missverständnis über das Huftier ist, dass man einen Esel mit allerlei Fracht bepacken könne. Ein »Packesel« eben. »Grundsätzlich sagt man, ein Fünftel des Körpergewichts des Tieres darf ein Esel tragen«, klärt Nußbaum auf. Für die meisten Esel liegt die Belastungsgrenze beim Gewicht eines Kindes.
»Esel sind nicht störrisch, sondern nur sehr überlegt.«
Kerstin Nußbaum IGEM-Pressesprecherin
Doch Erwachsene, wie es teils bei touristischen Angeboten der Fall ist, sollten den Esel nicht als Transportmittel missbrauchen. »In ärmeren Regionen der Welt kann man sich nicht für jede Arbeit ein passendes elektrisches Gerät leisten, da ist der Esel tatsächlich noch als Nutztier im Einsatz. Ganz klassisch im Gebirge auch«, sagt die Esel-Expertin. In Deutschland wird der Esel als Arbeitstier jedoch vor allem bei der Renaturierung und in der Landschaftspflege eingesetzt. Auch auf dem Gelände des MAFZ-Erlebnisparks in Paaren im Glien, auf dem das Eseltreffen stattfindet. »Das hat ein bisschen was damit zu tun, was die Esel fressen: Die picken sich dann gewisse Pflanzen raus, trampeln andere dadurch aber kaputt, und so hat man wieder diesen natürlichen Bewuchs, der ja auch hierhergehört.«
Weniger bekannt sein dürfte wohl, dass auch die Bundeswehr Esel nutzt. Genauer gesagt Mulis, eine Kreuzung aus einem Pferdehengst und einer Eselstute. »In der Katastrophenhilfe, teilweise auch in Erdbebenregionen, wo man nichts liefern kann, wo Seilbahnen ausgefallen sind, werden sie genutzt«, berichtet Nußbaum. »Mulis sind sehr trittsicher und leistungsstark.« Weitverbreitet sei auch der Esel als Therapietier für Kinder, Menschen mit Behinderung oder für Suchtkranke. »Für alle, die psychisch wieder geerdet werden müssen«, beschreibt es die IGEM-Pressesprecherin.
Dass der Esel gerade in der Therapiearbeit so geschätzt wird, habe viel mit dem ruhigen und besonnenen Gemüt des Tieres zu tun. »Meistens kann man einem Esel wirklich ganz entspannt ›Hallo‹ sagen, und meistens sind sie einem sofort positiv zugewandt.« Als Herdentier braucht der Esel nicht nur andere Esel, sondern ist beim richtigen Umgang auch sehr auf den Menschen bezogen. Man könne ihn sich als »großen Hund« vorstellen.
Und wie ein Hund braucht der Esel Beschäftigung. »Esel sind sehr viel intelligenter als Pferde. Der Esel möchte arbeiten, und er möchte unterhalten werden. Wird er das nicht durch uns, sucht er sich seine Beschäftigung. Und die kann dann sein: Ich schreie die ganze Nacht oder ich zerlege den Stall.« Passend zu Nußbaums Erklärung hört man einen Esel iahen. Auf seinem Bauch ist »Schätz-Esel« in bunten Buchstaben geschrieben. Besucher*innen des Eseltreffs sind bei einem Ratespiel eingeladen, das Gewicht des Esels zu schätzen.
»Wir haben gerade einen Esel von einer Müllhalde gerettet, der sich tatsächlich an einer Scherbe ein Bein aufgeschnitten hatte.«
Heike Wuhlke Noteselhilfe
Was der Esel eher nicht so mag, ist Wasser. Beim »Stell’ mal den Huf in den Eimer«-Spiel sollen die Esel mit ihren Besitzer*innen das Wassertreten üben. »Das sieht vielleicht für Außenstehende etwas lustig aus«, sagt Nußbaum. Die Idee dahinter ist, den Esel ans feuchte Nass zu gewöhnen. »Jede Pfütze, jedes Rinnsal beim Wandern kann plötzlich das Ende eines Spaziergangs bedeuten. Wenn der Esel aber eine Hufkrankheit hat, muss der auch mal gebadet werden.« Der Parcours mit den verschiedenen Hindernissen ist daher auch als eine Art »Gelassenheitstraining« gedacht.
Neben dem Wassertreten und dem Hindernisparcours gibt es während des Eseltreffs auch »Führaufgaben« zu bewältigen. »Es werden verschiedene Wendungen im Schritt, präzises Anhalten, gerades Rückwärtsgehen und Trab auf gerader Strecke gefordert. Dabei soll besonderer Wert auf den harmonischen Umgang mit dem Tier gelegt werden«, heißt es im Begleitheft zur zweitägigen Veranstaltung.
Helene und ihre Oma nehmen auch teil. Und »zeigen, dass Maultiere auch Reittiere sind«, wie die Moderation sagt. Schulkind Helene will auf ihren Muli aufsteigen, doch rutscht mit zu viel Schwung über den Buckel des Tieres. Ihre Begleiterin will helfen. »Nee, Oma, geh mal weg!«, entgegnet Helene. Sie greift den Fuß des Mulis. Das Tier setzt sich entspannt auf den Boden, sodass das Mädchen aufsteigen kann. Unter Applaus demonstriert Helene Galopp auf einem Muli.
»Es gibt wirklich sehr viele Eselfans«, sagt Kerstin Nußbaum. Allein in ihrem Verein zählen sie 1400 Mitglieder mit circa 4000 Tieren. Über das Gelände laufen viele Besitzer*innen mit ihren Tieren. Hin und wieder bleiben sie im Weg stehen – natürlich weil der Esel stoppt. Bei dem bundesweiten Eseltreffen gibt es auch einen Secondhand-Shop für die Huftiere sowie spezielles Futter zu kaufen. Menschen tragen Esel-Anhänger oder mit Eseln bedruckte T-Shirts.
Zwischen Secondhand-Shop und Ratespiel zeigt sich auf dem Treffen vor allem eines: die Begeisterung der Halter*innen für ihre Tiere. Doch diese Begeisterung verlangt auch Ausdauer, denn Esel können bis zu 40 Jahre alt werden – eine lange Zeit, die nicht jeder durchhält. »Wir werden zum Großteil von den Besitzern oder deren Erben kontaktiert, dass sie ihre Tiere nicht mehr halten können«, berichtet Heike Wuhlke von der Noteselhilfe im Gespräch mit »nd«. Auch Veterinärämter melden sich bei dem Verein, wenn Tiere fortgenommen werden müssen. »Wir werden auch immer wieder von Menschen kontaktiert, die sehen, dass irgendwo ein Esel allein oder im Schlamm steht.«
An deutschlandweit insgesamt 40 Pflegestellen bei privaten Pfleger*innen kann die Noteselhilfe vermitteln. »Wir betreiben keinen Gnadenhof.« Der Verein finanziert zudem die Unterbringung und die Tierarztkosten. Bei den sandigen Böden in Brandenburg könne man das gebürtige Wüstentier auch mal auf die Wiese stellen, doch im Schlamm gehe gar nicht, sagt Wuhlke. »Wir haben gerade einen Esel von einer Müllhalde gerettet, der sich tatsächlich an einer Scherbe ein Bein aufgeschnitten hatte.«
Ob als Arbeitstier, Therapiebegleiter oder Familienmitglied – beim bundesweiten Esel- und Mulitreffen zeigt sich, wie viel Liebe ihre Besitzer*innen für die Huftiere empfinden. Pressesprecherin Kerstin Nußbaum von der 1988 gegründeten Interessengemeinschaft für Esel- und Mulifreunde fasst die Esel-Mensch-Beziehung folgendermaßen zusammen: »Wenn man das Vertrauen verdient hat, dann macht ein Esel eigentlich fast alles mit.«
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