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Recycling | Portugals erster Pfandsommer

Дата публикации: 19-08-2026 10:54:00

Portugals neues Pfandsystem Volta zeigt erste Erfolge. Doch ob es sich durchsetzt, hängt vor allem von den Gewohnheiten der Menschen ab.

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Bis zum 9. August gab es noch eine Übergangslösung. Jetzt gilt in Portugal allein das Volta-Rückgabesystem. Für eine PET-Plastikflasche gibt es 10 Cent Pfand.

Bis zum 9. August gab es noch eine Übergangslösung. Jetzt gilt in Portugal allein das Volta-Rückgabesystem. Für eine PET-Plastikflasche gibt es 10 Cent Pfand.

Foto: IMAGO/NurPhoto

Es sind 37 Grad Celsius in Lissabon. Im Supermarkt »Pingo Doce« im Zentrum der portugiesischen Hauptstadt rudert ein Mann wild mit den Armen. Er findet eine Verkäuferin, deutet zunächst auf den prall gefüllten Müllsack mit Plastikflaschen, den er in der Hand hält, dann auf den Leergutautomaten am Eingang des Ladens. »Es wurde ein unerwartetes Problem erkannt. Bitte warten Sie auf Personal«, blinkt auf Portugiesisch auf dem Display des Automaten. Die Verkäuferin kann ihm nicht helfen. »Sie müssen es in einem anderen Supermarkt versuchen.« Der Mann verabschiedet sich kopfschüttelnd, nicht ohne sich darüber zu beschweren, dass er den Sack voller Flaschen wieder nach Hause schleppen muss.

Leergut wegzubringen, gehört für Menschen in Deutschland seit Jahrzehnten zum Alltag, in Portugal aber nicht. Erst seit April 2026 existiert mit »Volta« ein landesweites Einwegpfandsystem. Jetzt ziehen Betreiber, Wissenschaftler und Umweltorganisationen erste Bilanzen. Dabei zeigt sich, dass der Ärger des Mannes im »Pingo Doce« kein Einzelfall ist und das neue Pfandsystem in Portugal noch Zeit braucht, um sich zu etablieren.

Ein holpriger Start

Bereits vor der Einführung des Sistema Depósito Reembolso (SDR) verfügte Portugal über ein Abfall- und Recyclingsystem. Die Sammelquoten für Einweggetränkeverpackungen reichten jedoch nicht aus, um die europäischen Zielvorgaben zu erreichen. Das neue Pfandsystem soll dazu beitragen, die von der EU geforderte Rückgabequote von 90 Prozent bis 2029 zu erfüllen.

Pfandsysteme haben sich europaweit bereits bewährt. In Ländern wie Deutschland, den Niederlanden und den nordischen Staaten werden sie bereits seit vielen Jahren eingesetzt. Portugal hingegen gehört zu den letzten westeuropäischen Staaten, die ein solches System landesweit eingeführt haben. Es gilt zunächst für PET-Flaschen und Getränkedosen, Glasflaschen bleiben noch außen vor.

Ziel ist nicht nur, mehr Verpackungen einzusammeln, sondern hochwertigere Recyclingmaterialien zu gewinnen, die anschließend wieder für neue Verpackungen verwendet werden können. Damit soll die Kreislaufwirtschaft gestärkt und der Einsatz neuer Rohstoffe reduziert werden.

Aber wie gut funktioniert das System bislang? Nach Angaben des Betreibers SDR Portugal wurden bis Ende Juni bereits rund 23 Millionen Getränkeverpackungen zurückgegeben. Schon nach zwei Monaten war die Zehn-Millionen-Marke überschritten. Rund 2500 Rückgabeautomaten wurden installiert, zusätzlich gibt es mehr als 8000 manuelle Rückgabestellen, vor allem in kleineren Geschäften, Bars und Cafés.

Doch der Start verlief eher holprig. Bis zum 9. August befanden sich alte und neue Verpackungen gleichzeitig im Umlauf. Viele Verpackungen trugen noch nicht das Volta-Logo. Für Verbraucher sorgte das häufig für Verwirrung. Manche versuchten in dieser Übergangsphase, Flaschen zurückzugeben, die von den Automaten noch nicht akzeptiert wurden. Ab dem 10. August dürfen nur noch Getränke mit dem Volta-Logo verkauft werden.

»Die Menschen haben angefangen, den Wert der Flasche zu erkennen. Genau darum geht es bei einem Pfandsystem.«

Ismael Casotti Projektmanager bei Zero

Wie sich das System nach dieser Übergangsphase entwickelt, bleibt abzuwarten. »Für ein Urteil ist es noch viel zu früh«, sagt deshalb Mário Ramos, Umweltwissenschaftler an der Nova-Universität in Lissabon. Nach drei Monaten lasse sich der Erfolg oder Misserfolg des Systems noch nicht seriös beurteilen – zu viele technische Kinderkrankheiten prägten bislang die Bilanz.

Ramos betont, dass das SDR das bisherige Recyclingsystem nicht ersetzen, sondern ergänzen soll. Durch die Rückgabeautomaten entstünden besonders saubere Materialströme, da ausschließlich klar definierte Verpackungen gesammelt würden. Dadurch sinke die Verunreinigung des Materials deutlich, ein hochwertigeres Recycling werde möglich und Hersteller könnten mehr recycelten Kunststoff statt neuer Rohstoffe einsetzen.

Auch das politische Ziel hält Ramos trotz der hohen Hürden für realistisch. Die angestrebte Rückgabequote der EU sei zwar ambitioniert, der Blick auf andere europäische Länder zeige jedoch, dass sie erreichbar sei.

Doch die technische Seite ist nur die halbe Geschichte. Einig sind sich Ramos und Ismael Casotti von der Umweltorganisation Zero darin, dass am Ende nicht die Automaten über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, sondern das Verhalten der Menschen ausschlaggebend ist. »Man verlangt von den Menschen, plötzlich ein völlig neues Verhalten an den Tag zu legen«, sagt Casotti. Dafür bräuchten sie vor allem Zeit, um sich an das Pfandsystem zu gewöhnen.

Über Jahrzehnte hatten Getränkeflaschen für Verbraucher praktisch keinen finanziellen Wert. Nun sind sie plötzlich zehn Cent wert. Flaschen aufzubewahren, sie zum Einkauf mitzunehmen und bewusst zurückzugeben, mag in Deutschland selbstverständlich klingen, ist aber eine Gewohnheit, die sich in Portugal nicht innerhalb weniger Wochen etabliert.

Besonders stört Casotti während der bisherigen Einführungsphase die öffentliche Debatte über das neue System. Portugiesische Medien berichten immer wieder darüber, dass Menschen Flaschen aus Mülleimern sammelten. Für Casotti ist das kein Zeichen des Scheiterns, sondern vielmehr ein Hinweis darauf, dass das Pfandsystem genau das bewirkt, was es soll. »Die Menschen haben angefangen, den Wert der Flasche zu erkennen.« Selbst wenn eine Flasche im Müll lande, entstehe für andere ein Anreiz, sie einzusammeln und zurückzugeben. »Genau darum geht es bei einem Pfandsystem.«

Trotzdem zeigt die Einführungsphase deutlich, wo das System noch Schwächen hat. Die Szene im »Pingo Doce« ist kein Einzelfall. Manche Kunden zahlen Pfand für Flaschen, die sie nicht überall zurückgeben können. Andere versuchen, ältere Verpackungen am Automaten abzugeben, die dieser ablehnt. Hinzu kommen technische Probleme. Automaten akzeptieren beschädigte Barcodes nicht, ebenso wenig leicht eingedrückte Flaschen.

Was besser werden muss

Für Casotti sind das Probleme, die man lösen kann. Es brauche mehr Pfandautomaten, eine bessere geografische Verteilung und vor allem mehr Rückgabemöglichkeiten außerhalb großer Supermärkte. Derzeit müssten viele Menschen ausschließlich zu den großen Ketten fahren, wenn sie ihre Pfandflaschen zurückgeben wollten. Wer lediglich den Pfandbetrag ausgezahlt bekommen möchte, müsse dort oft lange warten. Das mache die Rückgabe unnötig umständlich und schrecke insbesondere Gelegenheitsnutzer ab. »Das System muss für die Menschen möglichst einfach funktionieren.«

Ramos kennt diese Probleme und hofft, dass es einen Lerneffekt gibt. Länder wie Deutschland und die nordischen Staaten, die Pfandsysteme bereits vor Jahren eingeführt hätten, hätten wertvolle Erfahrungen gesammelt. Portugal könne nun eigene Erkenntnisse beisteuern, nicht zuletzt darüber, wie sich ein neues System gesellschaftlich etablieren lässt. »Jedes Land hat etwas zu lernen und weiterzugeben«, sagt Ramos. Gerade Umweltpolitik entwickle sich durch den Austausch erfolgreicher Lösungen.

Deshalb könnte Portugals Erfahrung für andere Länder wertvoll werden. Denn Spanien, Italien und Griechenland stehen vor einer ähnlichen Aufgabe. Alle EU-Mitgliedstaaten müssen gemäß der europäischen Einwegkunststoffrichtlinie bis 2029 eine getrennte Sammelquote von 90 Prozent für Getränkeflaschen aus Kunststoff erreichen. Mehrere südeuropäische Staaten bauen entsprechende Systeme noch auf oder arbeiten an deren Einführung.

Portugal gehört damit zu den ersten Ländern in Südeuropa, die ein solches System bereits eingeführt haben. Gerade deshalb wird genau beobachtet werden, welche Schwierigkeiten während der Einführungsphase auftreten und wie sie gelöst werden. Für Casotti liegt darin vielleicht der wichtigste Beitrag Portugals. Nicht ein perfektes System zu präsentieren, sondern zu zeigen, welche Hürden bei der Einführung tatsächlich entstehen.

Der Mann im »Pingo Doce« dürfte an diesem Nachmittag wenig über europäische Kreislaufwirtschaft nachgedacht haben. Für ihn bedeutet das neue Pfandsystem vor allem einen defekten Automaten und einen schweren Müllsack, den er wieder nach Hause tragen muss. Solche Momente entscheiden jedoch darüber, ob ein Pfandsystem langfristig akzeptiert wird.

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