Eine Woche vor Schulstart 2026 fehlen in einem Berliner Bezirk die meisten Lehrkräfte. Zahlen, Elternkritik und Senats-Maßnahmen im Überblick.
Eine Woche vor dem Schulstart in Berlin gibt es schlechte Nachrichten für Eltern und Schüler. Wenn am 24. August das neue Schuljahr beginnt, fehlen an vielen Schulen die Lehrer. Rund 400 sind seit mindestens einem Jahr krankgeschrieben, manche schon seit zehn Jahren. Und die Ausfälle verteilen sich höchst ungleich über die Stadt.
Die Zahlen im BezirksvergleichNach einer Antwort der Senatsbildungsverwaltung auf eine parlamentarische Anfrage des Abgeordneten Alexander King (BSW) sind berlinweit 225 verbeamtete und 155 angestellte Lehrkräfte betroffen. Bei den Verbeamteten fehlen stadtweit 50 bereits seit mindestens zwei Jahren, 18 sogar seit mindestens zehn Jahren. Unter den Angestellten sind es 16 seit fünf, fünf seit zehn Jahren.
29 Betroffene durchlaufen derzeit ein Programm zur beruflichen Neuorientierung, weil eine Rückkehr in die Klasse laut ärztlicher Begutachtung nicht mehr infrage kommt. Am größten ist die Lücke dabei in einem einzigen Bezirk: Marzahn-Hellersdorf.
Dort zählt die Verwaltung 41 langzeitkranke Lehrkräfte – mehr als in jedem anderen Bezirk. Dahinter folgen Pankow (39) und Lichtenberg (33), die wenigsten Fälle meldet Mitte mit 17. Nach Schulform liegen die Grundschulen mit 98 Ausfällen berlinweit vorn, vor Sekundarschulen (54), Gymnasien (34) und Berufsschulen (27).
Personalnot in Marzahn-Hellersdorf: Bereits im Juni berichtete der KURIER, dass an manchen Grundschulen im Bezirk nur 5 von 40 Lehrkräften mit vollständiger Ausbildung unterrichten. Der Rest waren laut Lehrerverband Quereinsteiger, Referendare und Studierende. Zum Schulstart kommt dort nun auch noch der höchste Krankenstand der Stadt hinzu.
Senat löst Problem mit SeiteneinsteigernKing führt die hohe Zahl auf „mangelhafte Personalausstattung“ zurück, die nach seiner Meinung die Belastung der verbliebenen Lehrkräfte erhöhe und „weitere krankheitsbedingte Ausfälle“ begünstige. Welche Diagnosen hinter den rund 400 Langzeit-Krankschreibungen stecken, geht aus der Senatsantwort nicht hervor.

Alexander King vom BSW stellte die Frage nach den langzeitkranken Lehrern.M. Popow/imago
Eine mögliche Antwort darauf liefert eine Studie der Lehrergewerkschaft GEW von Anfang 2025: 44 Prozent der befragten Berliner Lehrkräfte galten demnach als gesundheitlich erhöht gefährdet, bei 21 Prozent bestand ein hohes Burnout-Risiko, bei 24 Prozent eine erhöhte Depressionsgefahr.
Als Gründe nannte die Umfrage hohen Arbeitsdruck, große Klassen und zunehmende digitale Überforderung. Schon seit 2019 warnt die GEW Berlin, bis zu ein Drittel der Lehrkräfte zeige Burnout-Anzeichen – begünstigt durch Dauerlärm, hohe emotionale Beanspruchung und Personalmangel.
Gegen den Personalmangel setzt der Senat vor allem auf Seiteneinsteiger. Laut einer Senatsantwort vom Juli 2026 waren zum Schuljahr 2026/27 bereits 692 Seiteneinsteigerinnen und -einsteiger ohne volle Lehrbefähigung (LovL) befristet beschäftigt, dazu 1.567 Studierende als Vertretung. 123 zuvor befristete LovL-Lehrkräfte wurden inzwischen fest übernommen.

Immer wieder fordern Berliner Lehrer bessere Arbeitsbedingungen an den Schulen. So wie hier bei einer Demonstration der Gewerkschaft GEW vor dem Roten Rathaus (2022).Bernd Friedel/imago
An vielen Schulen liegt der Anteil der Quereinsteiger im Schnitt bei rund 30 Prozent. Das schätzt Norman Heise, Vorsitzender des Landeselternausschusses Berlin (LEA). Nur auf Quereinsteiger zu setzen, löse das Problem des Lehrermangels nicht, meint Heise: „In den ersten bis dritten Klassen müssen voll ausgebildete pädagogische Profis ran und nicht Quereinsteiger“, sagt er dem KURIER.
Kritik vom LandeselternausschussImmerhin hat die Bildungsverwaltung in diesem Jahr auch Geld in die Hand genommen: Im Mai 2026 vereinbarte sie mit der GEW Berlin ein rund 40 Millionen Euro schweres Entlastungspaket, das unter anderem mehr Personal für Erst- und Zweitklässler vorsieht.
„Die Maßnahmen funktionieren noch zu langsam“, sagt LEA-Chef Heise. „Das belastet vor allem die Schulen, die noch stark mit Lehrkräften unterversorgt sind.“

Norman Heise, Vorsitzender Landeselternausschuss Berlin.Jörg Carstensen/dpa
Und die Maßnahmen des Senats greifen offenbar nicht. Auf eine Anfrage der Linkspartei antwortete jetzt die Bildungsverwaltung, dass für das jetzt beginnende Schuljahr nur 773 voll ausgebildete neue Lehrkräfte gewonnen werden konnten (Stand 1. Juli).
Bei insgesamt 3.678 Neueinstellungen entspricht das gerade einmal 21 Prozent. Dazu kommen 239 Lehrkräfte im Ruhestand, die sich für eine befristete Weiterbeschäftigung entschieden haben. „Selbst wenn man diese einberechnet, liegt die Quote voll ausgebildeter Lehrkräfte unter den Neueinstellungen bei gerade einmal 28 Prozent“, kritisiert die Linkspartei.
Personalmangel, der zu Stress und dauerhaft kranken Lehrkräften führt: Der Senat reagiert vor allem mit einer neuen Regelung bei den Krankmeldungen. Seit Ende Juli gilt für Lehrkräfte und Erzieherinnen eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag statt wie bisher erst nach mehreren Tagen.
Ob das an den Langzeitfällen etwas ändert, ist offen: Die rund 400 betroffenen Lehrkräfte sind ja längst krankgeschrieben, nicht erst seit dieser Woche.
Wer am 24. August in eine der betroffenen Schulen startet, muss also in manchen Klassen mit Vertretungslehrkräften rechnen – nicht nur zum Auftakt, sondern mitunter das ganze Schuljahr über.
Der Landeselternausschuss sieht die Verantwortung nun bei Bildungsverwaltung und Schulaufsicht: Heise fordert, dass sie gemeinsam mit den Schulen dafür sorgen, dass Lehrkräfte künftig unter besseren Bedingungen arbeiten. „Das Arbeiten an den Schulen darf Lehrer und Erzieher nicht krank machen“, sagt er.
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